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Mor Gabriel

„Berg der Gottesknechte“ in Gefahr

Von Gerd Höhler, 12.02.09, 20:26h

Ein christliches Kloster in der Türkei kämpft juristisch um seine Existenz. Drei umliegende Dörfer stellen Gebietsansprüche. Nun ist der Prozess erneut vertagt worden. EU-Beobachter vermuten hinter der Klage die islamisch-konservative Regierung in Ankara.

Thimotheus Samuel Aktas
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Bischof Thimotheus Samuel Aktas (l) fürchtet um die Zukunft seines christlichen Klosters Mor Gabriel in der Südosttürkei. (Bild: Getty)
Thimotheus Samuel Aktas
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Bischof Thimotheus Samuel Aktas (l) fürchtet um die Zukunft seines christlichen Klosters Mor Gabriel in der Südosttürkei. (Bild: Getty)
Türkei
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MIDYAT - Ein schneidend kalter Wind fegt über den Tur Abdin. Der Sturm treibt den Staub vor sich her und pfeift durch die dürren Sträucher dieser kargen Hügellandschaft. Der Bergrücken Tur Abdin erstreckt sich von der südostanatolischen Stadt Mardin entlang der syrischen Grenze nach Osten. Wie eine Trutzburg erhebt sich in dieser Einöde auf einer Anhöhe Mor Gabriel, eines der ältesten christlichen Klöster der Welt.

Über der Abtei mit ihren Mauern und Glockentürmen aus gelbem Sandstein braut sich Bedrohlicheres zusammen als jener Sturm, der an diesem düsteren Februartag über den Südosten der Türkei hinwegfegt. Drei umliegende kurdische Dörfer und der türkische Staat machen dem Kloster große Teile seines Landes streitig. Und weitere Vorwürfe stehen im Raum: die Anklage, das Kloster betreibe unerlaubte Missionstätigkeiten; oder die Behauptung, Mor Gabriel sei auf einer zerstörten Moschee errichtet worden - dabei stand das Kloster bereits seit 200 Jahren, als Mohammed den Islam begründete.

Es gehe um mehr als die Ländereien, glauben denn auch die Geistlichen von Mor Gabriel: die Existenz eines der letzten christlichen Klöster in der Türkei stehe auf dem Spiel - und damit auch die Zukunft der bedrängten syrisch-orthodoxen Gemeinde. „Sie wollen alles: erst unser Land, dann unser Kloster“, sagt der Abt des Klosters, Bischof Thimotheus Samuel Aktas. „Die Muslime und der Staat, sie wollen uns vertreiben.“

Geistlicher ist besorgt

Der Geistliche ist besorgt. Seine Hände finden keine Ruhe. Nervös fahren die Fingerspitzen über die Tischplatte. Rund ein Dutzend Besucher haben sich in dem kleinen weißgetünchten Raum im Kloster versammelt. Ein eiserner Ofen spendet etwas Wärme, während der Sturm an Türen und Fenstern rüttelt. Syrisch-orthodoxe Christen aus vielen Ländern der Diaspora sind ins Kloster gekommen. Es geht um einen wichtigen Termin: vor dem Amtsgericht der nahe gelegenen Kreisstadt Midyat soll über die Gebietsansprüche verhandelt werden.

„Der Streit um die Grundstücke ist nur ein Vorwand“, sagt Kyriakos Ergün, der Klostervorsteher. „Die syrisch-orthodoxen Christen sollen eingeschüchtert werden.“ In Sorge sind sie ohnehin. Jeder im Kloster denkt an die Ermordung des katholischen Priesters Andrea Santoro 2006 in Trabzon. Und an den furchtbaren Foltertod der drei evangelischen Missionare in Malatya im Jahr darauf.

Mor (Sankt) Gabriel, gegründet im Jahr 397, ist ein Relikt aus der Zeit, als in diesem Teil der Südosttürkei Hunderttausende Christen lebten. Tur Abdin bedeutet übersetzt „Berg der Gottesknechte“. Mehr als 80 christliche Klöster gab es hier einmal. Davon sind nur noch sechs erhalten. Mor Gabriel ist das größte und bedeutendste. Die Mönche von Mor Gabriel singen und beten wie seit 1600 Jahren auf Aramäisch, der Sprache, die Christus gesprochen haben soll. Syrisch-orthodoxe Christen nennen sich deshalb auch Aramäer. In der Blütezeit des Christentums auf dem Tur Abdin beherbergte Mor Gabriel 2000 Mönche und Nonnen. Heute sind es 17, dazu etwa zwei Dutzend Bedienstete und ihre Familienmitglieder sowie 30 Klosterschüler, die hier unterrichtet werden.

Wie das Land, hat auch das Kloster eine wechselvolle Geschichte: Römer, Byzantiner, Kreuzfahrer, Mongolen und islamische Armeen eroberten den Tur Abdin, Mor Gabriel erlebte Plünderungen und Zerstörungen. Wie die christlichen Armenier wurden auch die syrisch-Orthodoxen im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs Opfer von Verfolgung und Vertreibung. Dennoch lebten noch Anfang der 1970er Jahre etwa 250 000 syrisch-orthodoxe Christen in der Region. Die meisten wanderten seither aus nach Westeuropa - teils aus wirtschaftlicher Not, teils wegen zunehmender Übergriffe fanatischer Muslime und auch wegen des Kurdenkrieges, der hier in den 90er Jahren wütete. Nach dem Abflauen der Kämpfe setzte ab 2002 eine Rückkehrbewegung ein. Einige Dutzend syrisch-orthodoxe Familien kehrten aus der Diaspora auf den Tur Abdin zurück, ermutigt auch durch die türkische EU-Perspektive, von der sich die Christen mehr Sicherheit versprachen.

Dank der Rückkehrer lebte das Kloster Mor Gabriel wieder auf. Aber ausgerechnet jetzt gerät die Existenz des „zweiten Jerusalem“, wie die syrisch-Orthodoxen Mor Gabriel nennen, in Gefahr. Die Dorfvorsteher der drei umliegenden Ortschaften Yayvantepe, Eglence und Candarli machen dem Kloster sein Land streitig, ziehen die seit vielen Jahrhunderten anerkannten Grenzen in Zweifel. Die Dörfer reklamieren die Flächen als Weideland. Weiteres Klosterland hat der Staat als „Wald“ deklariert. Das bedeutet Enteignung.

Dritter termin in dieser Sache

Mehr als 100 Menschen drängen sich vor dem Gerichtsgebäude von Midyat, wo die Klagen verhandelt werden sollen. Es ist bereits der dritte Termin in dieser Sache nach zwei Aufschüben im Dezember 2008 und Januar diesen Jahres. Nicht nur aus den drei Dörfern sind Menschen zum Gericht geströmt, auch viele ausländische Beobachter sind da. Die EU-Staaten sind gleich durch drei Diplomatinnen aus Schweden, Finnland und den Niederlanden vertreten.

Das zeigt: das Verfahren um das Land des Klosters Mor Gabriel ist ein politischer Prozess, ein Prüfstein für die europäischen Ambitionen der Türkei. Es geht im Justizgebäude von Midyat auch um Minderheitenschutz und Religionsfreiheit im EU-Bewerberland Türkei.

Die Diplomatinnen finden zwar Einlass, aber die meisten anderen Besucher müssen draußen bleiben. Der Gerichtssaal ist winzig, es gibt nur ein Dutzend Stühle. Sie reichen nicht mal für die Prozessbeteiligten. Richter Kamil trägt eine schwarze Robe mit grüner Schärpe. Vor ihm liegen zwei große Stapel rosafarbener Aktenmappen. „Adalet Devletin Temelidir“ steht in goldenen Buchstaben an der Stirnwand des Raumes: „Das Recht ist das Fundament des Staates“. Darüber hängt eine Büste des Staatsgründers Kemal Atatürk.

Richter Kamil rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her. Ihm ist das Gedränge in seinem Gerichtssälchen sichtlich zuwider. Als erstes lässt er alle Pressevertreter vor die Tür setzen. Ein öffentliches Verfahren, wie es auch das türkische Recht vorschreibt, sieht eigentlich anders aus.

Unter jenen, die draußen vor dem Gerichtsgebäude ungeduldig die Verhandlung abwarten, ist der 19-jährige Ishok Demir. Er ist in St. Gallen in der Schweiz geboren. Vor einigen Jahren ist seine Familie auf den Tur Abdin zurückgekehrt, „zu unseren Wurzeln“, wie Ishok sagt. Neben den Ruinen des alten, vor Jahrzehnten verlassenen Dorfes Kafro haben etwa 20 Rückkehrerfamilien das neue Kafro aufgebaut. Die großzügigen Villen des Dorfes zeugen davon, dass die Menschen nicht mit leeren Händen aus Europa in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten. „Uns geht es gut, mir gefällt es hier - aber was nun mit dem Kloster passiert, das macht uns alle sehr betroffen, denn Mor Gabriel ist unser Mittelpunkt“, sagt Ishok.

Als kleines Mädchen geflohen

„Es geht hier um mehr als einen Landdisput“, meint auch Attiya Gamri. Sie floh als kleines Mädchen mit ihrer Familie vom Tur Abdin nach Holland. Jetzt ist die niederländische Politikerin anlässlich des Prozesses zum ersten Mal in ihre frühere Heimat zurückgekehrt: „Das Kloster ist wie eine Brücke zwischen den syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei und in Europa - und diese Brücke soll zerstört werden.“ Die drei Dorfvorsteher, die diesen Prozess angestrengt haben, seien nur Randfiguren. Hinter dem Verfahren stehe die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan glaubt Gamri. „Sie will das Erbe einer der ältesten Kulturen der Welt zerstören“.

Unterdessen ist eine weitere Klage hinzugekommen, angestrengt diesmal von der Staatskasse Midyat: sie beansprucht weitere zwölf Parzellen Klosterland, acht davon sogar innerhalb der Mauern der Abtei. Der Druck wächst.

Viel verpassen die Pressevertreter nicht, denen Richter Kamil die Tür gewiesen hat. Nach einer Viertelstunde ist die Verhandlung beendet. Wieder wird vertagt, auf den 4. März. „Das kann sich über viele Monate hinziehen, vielleicht sogar Jahre“, seufzt Bischof Thimotheus. Er blickt vom Kloster über die kargen Hügel, von denen er nicht weiß, wem sie das Gericht zusprechen wird. „Die Landschaft hier ist wunderschön - aber die Menschen sind es nicht“, sagt der alte Geistliche verbittert.



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