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Zeitung der Zukunft, Teil 5: Türkei

Medien im Strudel der Krise

Von Gerd Höhler, 12.02.09, 21:52h, aktualisiert 13.02.09, 13:01h

Den türkischen Medien ging es eigentlich gut. Sogar Zeitungen erfreuten sich an wachsender Auflage. Doch jetzt trifft die Finanzkrise auch auf die Türkei immer stärker. Zudem machen sinkende Werbeeinnahmen und Fehden mit dem Generalstab den Konzernen das Leben schwer.

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In die Tageszeitung „Hürriyet“ vertieft: Zwei Männer in den Räumen des deutsch-türkischen Kulturvereins in Schweinfurt. (Bild: dpa)
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In die Tageszeitung „Hürriyet“ vertieft: Zwei Männer in den Räumen des deutsch-türkischen Kulturvereins in Schweinfurt. (Bild: dpa)
Minimale Auswirkungen werde die Finanzkrise auf die Türkei haben, versicherte noch vor wenigen Monaten Ministerpräsident Tayyip Erdogan seinen Landsleuten. Doch diese Prognose hat sich nicht erfüllt. Die Krise hat die Türkei voll erwischt - und sie beginnt auch, in der türkischen Zeitungslandschaft tiefe Spuren zu hinterlassen. Die großen türkischen Medienkonzerne, die auch die meisten der rund 20 überregionalen Tageszeitungen des Landes herausgeben, kämpfen nicht nur mit drastischen Einbußen bei den TV-Spots und Anzeigen; bei den Printmedien wird das wirtschaftliche Ergebnis zusätzlich durch deutlich gestiegene Materialkosten belastet, vor allem für Papier.

Die Krise kam umso überraschender, als der türkische Medienmarkt seit Jahren einen Boom verzeichnete, und zwar nicht nur beim Fernsehen. Im Gegensatz zum Trend in Westeuropa stiegen aber auch die Auflagen der Printmedien. Die Aussichten schienen gut: Eine Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) sagte noch im vergangenen Sommer der türkischen Medienbranche ein starkes Wachstum voraus. Für die Printmedien prognostizierten die Experten bis 2012 einen Umsatzanstieg von 7,8 Prozent jährlich. Damit stand die Türkei weltweit als einer der interessantesten Zeitungsmärkte da. Nicht zuletzt diese Aussichten dürften die Axel Springer AG dazu veranlasst haben, sich im November 2008 mit knapp zehn Prozent am größten türkischen Medienkonzern Dogan Yayin zu beteiligen. Die globale Rezession wird nun auch das Wachstum bei Dogan erst einmal dämpfen.

Existenzbedrohende Dimensionen hat die Krise allerdings bisher für keinen der großen Zeitungsverleger, denn die türkischen Medienkonzerne gehören überwiegend zu riesigen Industrie-Holdings. So ist Dogan Yayin Teil der Dogan Holding, die als drittgrößte türkische Firmengruppe unter anderem im Energie-, Versicherungs- und Tourismussektor aktiv ist. Zum Calik-Konzern, der mit dem Unternehmen Turkuvaz die zweitgrößte Mediengruppe betreibt, gehören Finanzdienstleister, Energie-, Bau- und Textilfirmen. Auch für den Mischkonzern Cukurova sind Medien nur eines von vielen Geschäftsfeldern. Viele türkische Großunternehmer haben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Medienbeteiligungen zugelegt, weil sie sich davon politischen Einfluss und einer Förderung ihrer sonstigen Geschäftsinteressen versprechen. Dass insbesondere viele Printmedien seit Jahren Verluste machen, war für die Konzernherren deshalb zu verschmerzen. Durch die Krise hat sich die Situation vieler Verlage allerdings so verschärft, dass die Medienbosse nun gegenzusteuern versuchen.

Sie tun es vor allem mit Entlassungen. Die Cukurova-Gruppe, zu der neben dem TV-Kanal Show unter anderem die Zeitungen „Aksam“, „Günes“ und „Tercüman“ sowie mehrere Magazine gehören, hat in den vergangenen Wochen bereits über 400 Beschäftigten gekündigt. Ismail Kücükkaya, Chefredakteur des Boulevardblatts „Aksam“, sieht zwar Entlassungen „nur als allerletztes Mittel“. In den Redaktionen der Cukurova-Gruppe geht aber die Angst vor weiteren Kündigungen um. Der Turkuvaz-Medienkonzern hat bisher rund 50 Entlassungen ausgesprochen. Die Ciner-Gruppe stornierte als Reaktion auf die Krise Pläne für den Start einer neuen Tageszeitung unter dem Namen „Habertürk“, lanciert aber stattdessen ein neues Magazin, die türkische Ausgabe von „Newsweek“.

Viele Zittern um ihre Arbeitsplätze

Auch bei Dogan Yayin, dem größten Medienkontern des Landes, zittern viele um ihre Arbeitsplätze. Dogan produziert mit seinem Flaggschiff „Hürriyet“, den Zeitungen „Milliyet“, „Radikal“, „Posta“, dem Wirtschaftsblatt „Referans“ und der Sportzeitung Fanatik rund 40 Prozent der türkischen Tageszeitungsauflage und kassiert sogar 60 Prozent aller Anzeigenerlöse. Bei Hürriyet sei jeder fünfte Arbeitsplatz gefährdet, heißt es jetzt in der Branche. Die Freitags erscheinende Wochenendbeilage hat „Hürriyet“ bereits eingestellt. Die Wochenmagazine „Tempo“ und „Seda“ hat Dogan ebenfalls vom Markt genommen. Auch beim Dogan TV-Sender CNN Türk werden Kündigungen befürchtet.

Konzernherr Aydin Dogan kämpft in seiner Mediensparte nicht nur mit sinkenden Werbeeinnahmen. Er ist auch in eine erbitterte Fehde mit Ministerpräsident Tayyip Erdogan verstrickt, seit Dogan-Blätter in den vergangenen Monaten immer wieder von angeblichen Korruptionsskandalen der Regierung schrieben und dem gewendeten Fundamentalisten Erdogan vorwarfen, er plane eine islamistische Unterwanderung des Landes. Der Premier rief öffentlich zu einem Boykott der Dogan-Medien auf. Auch andere Unternehmen der Holding kamen unter Druck. So ist die Dogan-Mineralöfirma Petrol Ofisi mit massiven Bußgeldern der Finanzbehörden konfrontiert - ein Beispiel dafür, dass Medienmacht nicht immer förderlich ist.

Diese Erfahrung macht auch die Redaktion der unabhängigen liberalen Zeitung „Taraf“. Mit einer Auflage von rund 40 000 Exemplaren gehört das Blatt zu den kleineren türkischen Tageszeitungen. „Taraf“ hat sich aber mit mutigen, gut recherchierten Enthüllungsstorys über das türkische Militär einen Namen gemacht - und sich die unversöhnliche Feindschaft des Generalstabs zugezogen. So kämpft die Zeitung nicht nur mit dem konjunkturbedingten Rückgang des Anzeigenaufkommens. Viele Kunden schalten bei „Taraf“ auch keine Inserate mehr, weil sie es sich mit den mächtigen Generälen nicht verderben wollen. Der Verlag ersann einen pfiffigen Ausweg: er forderte seine Leser auf, Solidaritätsanzeigen zu schalten. Die Resonanz war überwältigend: um der Zeitung zu helfen, buchten und bezahlten Tausende Leser Kleinanzeigen, die nur den Namen der Spender enthalten. Bisher hat „Taraf“ so Entlassungen vermeiden können. Ob die Zeitung überleben wird, ist aber offen.



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