Von Nina Schmedding, 15.02.09, 11:13h, aktualisiert 16.02.09, 10:58h
Der 41-jährige Ingenieur ist ein großer, durchtrainierter Mann. Einer, der weiß, was er will, der nicht nur beim Paddeln sein Ziel genau im Blick behält. Niemand, der einfach übersehen werden könnte. Karrieretechnisch lief bisher alles glatt. Promoviert hat er an der Uni Clausthal, danach folgte bald die Festanstellung bei einer großen Kölner Firma, die sich mit „Anlagenbau“ beschäftigt, wie er vage formuliert. „Vielleicht etwas genauer?“ Nein, genauer will er es nicht sagen. Dieses Terrain ist ihm zu unsicher. Der promovierte Abteilungsleiter hat Angst um seinen Arbeitsplatz - wie seit der Finanzkrise mittlerweile jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer . Das ergab eine Studie des Beratungsunternehmens „Ernst & Young“ im Dezember 2008 (Link).
Plötzlich flog die Geschäftsführung raus
„Dabei boomte unsere Branche in den letzten Jahren“, erzählt Wilmersdorf. „Es wurde ziemlich viel Geld gescheffelt.“ Die rasante Höhenfahrt endete abrupt im Zuge der Finanzkrise im vergangenen Oktober. „Die Anlagen, die wir bauen, kosten zwischen 200 und 300 Millionen Euro. Diese Finanzierung ist momentan für viele Kunden nicht zu leisten.“ Erst kamen die Aufträge zeitlich verzögert, dann wurden 40 Prozent ganz gestrichen. Vor Weihnachten bekamen alle Leiharbeiter ihre Kündigung. Und plötzlich - „quasi über Nacht“ - flog die Geschäftsführung raus. Den Mitarbeitern wurde eine ausländische Geschäftsführung vor die Nase gesetzt. Einfach so. „Offiziell begründet wurde das nicht. Und ordentlich vorgestellt haben sich die neuen Geschäftsführer bis heute nicht. Das hat das Arbeitsklima bei uns natürlich sehr verändert. Viele haben Angst.“
Wilmersdorf dreht die Kaffeetasse in den Händen hin und her, als er das erzählt. Er schaut ein wenig skeptisch. Eigentlich ist er niemand, der sich schnell Sorgen macht. „Ich schlafe nachts noch ganz gut“, sagt er, fügt aber nach kurzem Nachdenken hinzu: „Meistens zumindest. Verunsichert bin ich natürlich schon.“ Spätestens zum Sommer wird es, so glaubt er, die ersten Kündigungen geben. Und das, obwohl die Arbeitslast in den letzten Jahren für alle Beschäftigten gewachsen sei. Mehr Verantwortung, keine Ausgleichstage für Dienstreisen, wenig Motivation. „Die muss man selbst mitbringen“, sagt Wilmersdorf und grinst ein wenig säuerlich. Permanente Überarbeitung und dazu das Gefühl, trotzdem keinen sicheren Job zu haben, setzt viele Mitarbeiter unter psychischen Stress. Nach Angaben des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) kostet die Therapie von arbeitsbedingten psychischen Belastungen jährlich 6,3 Milliarden Euro. Viele Mitarbeiter stehen so unter Druck, dass sie nur mit Medikamenten über die Runden kommen.
Nur nicht negativ auffallen
In den vergangenen drei Jahren hat sich die Zahl der Verordnungen von Psychopharmaka verdoppelt. Das weiß auch Juliane Barth. Die Diplom-Pädagogin ist im Vorstand der Problemlösungsagentur „Corrente“. Unternehmen können dort psychologische Berater engagieren, damit sie ihren Beschäftigten bei Sorgen aller Art beistehen. Eine höhere Nachfrage unter den Mitarbeitern der Kunden gebe es seit der Finanzkrise allerdings nicht, sagt Barth. „Wahrscheinlich deshalb, weil viele Beschäftigte erst einmal in so eine Art 'Freeze'-Zustand gefallen sind. Sie wollen die Aufmerksamkeit der Chefs nicht auf sich ziehen, haben Angst, sich durch eine entsprechende Nachfrage nach Beratung selbst auf die Abschussliste zu katapultieren“. Nach dem Motto: Wer zeigt, dass er ein Problem hat, ist als erstes weg. Passiv zu bleiben sei in so einer Situation allerdings der schlechteste Weg, glaubt Barth. Sie rät Beschäftigten, die um ihren Arbeitsplatz bangen, für sich als erstes klar zu bekommen, was Fakt ist und was lediglich eine diffuse Befürchtung. „Man darf sich nicht verrückt machen“, sagt sie. Grundsätzlich solle man sich dann auf seine Stärken besinnen und zeigen, dass „es gut ist, mich zu behalten“. Gleichzeitig sei es aber auch ratsam, die Augen für neue Möglichkeiten offen zu halten. Und das Standbein außerhalb des Berufs zu festigen, mehr auf die Familie und Freunde zu setzen. „Sich total in die Arbeit zu schmeißen, macht nur eine begrenzte Zeit Sinn“, sagt Barth. „Wenn man sich krank schuftet, dankt einem das keiner.“
Peter Wilmersdorf findet: „Das größte Kapital von Unternehmen sind die gut ausgebildeten Mitarbeiter. Sie irgendwo zu parken und dann bei Bedarf wiederzuholen, das funktioniert nicht. Wenn die einmal weg sind, sind sie weg.“ So wie der Ingenieur vielleicht selbst bald. Er hat bereits Kontakte zu anderen Firmen aufgenommen, alte Netzwerke aktiviert. Die Flucht nach vorn angetreten und seinen Arbeitgeber entsprechend unter Druck gesetzt: „Ich will aufsteigen. Entweder ich bekomme eine Perspektive - oder ich bin weg.“ Er tastet sich vor. Schlag um Schlag, wie beim Paddeln eben. Fester Boden ist nicht immer entscheidend, um vorwärts zu kommen. Einen Job, der seinen Vorstellungen entspricht, würde er überall in Europa annehmen. Wenn ihm der Weggang aus Köln auch nicht leicht fällt. Hier lebt er seit acht Jahren, hat hier seine Freunde, seinen Kanu-Club. „Aber wenn das Schiff zu sinken droht, verlasse ich es“, sagt er. „Und zwar rechtzeitig.“ Auf zu neuen Ufern.
*Name von der Redaktion geändert
Expertin im Interview: „Überforderungsgefühle sind normal“
Sechs Tipps: Arbeitsplatz sichern
Download: Grafik: Angst um den Job
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