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Expertin im Interview

„Überforderungsgefühle sind normal“

Von Nina Schmedding, 15.02.09, 11:13h

Frauke Bosbach ist psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Arbeitspsychologie. Sie hat eine Praxis in Köln.

KÖLNER STADT-ANZEIGER Frau Bosbach, aufgrund der Finanzkrise haben viele Menschen Angst, ihren Job zu verlieren. Haben Sie momentan mehr zu tun als sonst?

FRAUKE BOSBACH Grundsätzlich ist bei hoher Arbeitslosigkeit und zunehmend unterbezahlten Jobs auch der Beratungsbedarf gewachsen. Immer mehr Menschen bekommen von ihrem Arbeitgeber das Gefühl vermittelt, dass sie froh sein müssen, irgendwo arbeiten zu dürfen - und dass, wenn sie nicht spuren, zehn andere Leute den Job liebend gerne übernehmen würden.

Statt Anerkennung wird den Arbeitnehmern signalisiert: Wir brauchen Dich eigentlich nicht. Und das schürt natürlich die Angst, die Arbeit jederzeit verlieren zu können.

Was hat das für Folgen?

BOSBACH Die, die noch Arbeit haben, machen zum Beispiel mehr unbezahlte Überstunden oder meiden Kritik, weil sie glauben, sie gefährdeten damit ihren Arbeitsplatz. Sie versuchen, alles recht zu machen und haben dann trotzdem das Gefühl, dass das alles nicht reicht. Das kann dann zu psychischen Problemen führen, zu Depressionen zum Beispiel. Viele stellen sich selbst in Frage, glauben, die eigene Arbeit sei nichts wert.

Sind die Ängste, die die Menschen haben, die sich von ihnen beraten lassen, denn real?

BOSBACH Das Problem ist, dass es tatsächlich nicht nur irreale Ängste sind, sondern dass - im Gegensatz zu früher - oft auch reale Bedrohungen eine Rolle spielen. Existenzielle Not kann heute auch Menschen treffen, die gut verdienen. Bei längerer Arbeitslosigkeit ist der Absturz auf Hartz IV vorprogrammiert, oft verbunden mit erzwungenem Wohnungswechsel und Verlust von sozialen Kontakten. Das heißt, Armut ist für viele deutlich wahrscheinlicher als noch vor ein paar Jahren. Diese Situation auf dem Arbeitsmarkt erschwert die Psychotherapie natürlich.

Was können Arbeitnehmer gegen ihre Angst tun?

BOSBACH Das Zauberwort ist „Solidarität“. Zunächst muss man verstehen, dass es sich nicht um ein eigenes Versagen handelt, wenn man etwas nicht schafft . Man sollte akzeptieren, dass heute von jedem Arbeitnehmer mehr verlangt wird, Überforderungsgefühle daher normal sind.

Als nächstes sollte man sich mit seinen Kollegen austauschen, dann merkt man, dass sich viele sehr unter Druck gesetzt fühlen.

Und als letzter Punkt: Mit dem Chef reden, seine Stärken und die bereits erledigten Dinge herausstellen und dann sachlich sagen, dass man die übertragenen Aufgaben nicht alle an einem Tag schaffen kann. Es hat keinen Sinn, Arbeit in die Freizeit mitzunehmen. Dann ändert sich im Büro an den Arbeitsbedingungen nichts. Die Leute, die zur Therapie kommen, haben allerdings oft noch mehr Probleme als die Angst, den Job zu verlieren.

Nämlich?

BOSBACH Meistens klappt es auch in einem anderen Bereich nicht, es gibt etwa Probleme in der Familie. Der größte Unterschied zu früher ist: Der Arbeitsplatz bedeutete lange Zeit für ganz viele Menschen die stabile Komponente, er hat es ausgeglichen, wenn es zum Beispiel persönlich mal nicht so gut lief. Das hat sich jetzt geändert, der Job ist heutzutage ein permanent unsicherer Faktor.

Und wenn dann in einem anderen Bereich noch ein Problem hinzukommt, kommt es eben sehr viel schneller zur Krise als noch vor ein paar Jahren.

INTERVIEW: NINA SCHMEDDING



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