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Suppenküchen als letzte Rettung

Von Dietmar Ostermann, 13.02.09, 22:29h

Für 35 Millionen US-Bürger ist eine Mahlzeit am Tag keine Selbstverständlichkeit. In Philadelphia bezieht jeder vierte Einwohner heute staatliche Lebensmittelmarken. Das Antragsverfahren zum Erwerb der Karten ist äußerst kompliziert.

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Für Millionen US-Bürger ist eine Mahlzeit am Tag keine Selbstverständlichkeit. (Bild: dpa)
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Für Millionen US-Bürger ist eine Mahlzeit am Tag keine Selbstverständlichkeit. (Bild: dpa)
PHILADELPHIA - Es gibt Tage, an denen Angela Sutton entscheiden muss, ob sie die Stromrechnung bezahlt oder doch lieber ein nahrhaftes Essen auf den Tisch stellt. Hunger leiden die junge Mutter aus Philadelphia und ihre beiden Söhne nicht. Aber die gesunden Sachen, das Vollkornbrot und der Saft, reichen oft nur für den kleinen Ayaan. Angela Sutton bleibt dann nur billiges Junk Food. Und auch Jahzaire, der Große, sieben Jahre alt, zweite Klasse, isst dann Dinge, die mit gesunder Ernährung nichts zu tun haben. „Er ist mein Junk-Food-Junkie“, erzählt Angela Sutton. „In der Schule ist er oft aufgedreht, kann sich nicht konzentrieren.“ Die Frau, die in der „Hood“ aufwuchs, im Getto, und die jetzt studiert, damit es ihre Kinder mal besser haben, streicht dem kleinen Ayaan über die Rasta-Zöpfchen. „Das hier ist mein gesundes Baby.“, sagt Angela Sutton in einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung.

Der Begriff, den Amerikas Bürokraten für Familien wie die von Angela Sutton erfunden haben, heißt „Lebensmittelunsicherheit“. Er soll den Unterschied zu jenem Hunger deutlich machen, den es in der Dritten Welt gibt: Aufgeblähte Bäuche, ausgemergelte Körper - so sehen sie eben nicht aus, die gut 35 Millionen Menschen in den USA, für die eine Mahlzeit keine Selbstverständlichkeit ist. Auch Angela Sutton hat ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften. Weil sie essen muss, was sie bezahlen kann. Übergewicht ist in Amerika längst ein Armutsphänomen, wie Diabetes und Bluthochdruck.

Das letzte Netz

In einer Stadt wie Philadelphia muss man nicht lange nach jenen suchen, für die „Lebensmittelunsicherheit“ bitterer Alltag ist. Jeder vierte Einwohner, 352 000 Menschen, bezieht in der Gründerstadt der USA heute staatliche „Food Stamps“, Lebensmittelmarken, die eigentlich elektronische Geldkarten sind. Anspruchsberechtigt ist, dessen Einkommen 130 Prozent der offiziellen Armutsgrenze nicht übersteigt. Wer das komplizierte Antragsverfahren meistert, erhält bis zu 176 Dollar pro Monat, meist deutlich weniger. Seit der großen Welfare-Reform von 1996 sind „Food Stamps“ für Millionen Menschen in den USA oft das letzte Netz, das der Staat noch über dem sozialen Abgrund spannt.

„Auch da aber purzeln viele durch“, sagt Derek Felton, „hätten wir nicht 40 000 private und kirchliche Suppenküchen im Land, hätten wir Hunger wie in Somalia.“ In der Parrish Street, im schwarzen Norden der Stadt, in einer heruntergekommenen Gegend vernagelter Fenster und ausgebrannter Häuser, teilt auch Felton seit 13 Jahren zweimal im Monat Lebensmittelpakete aus. In einem engen Kellerraum eines Altersheims stehen Dosensuppen, Nudeln, Brot, Cornflakes. „Früher kamen Obdachlose“, erzählt Felton, „heute kommen Leute, die einen Job haben, davon aber nicht leben können.“

Ein paar Querstraßen weiter in der Bible Way Baptist Church schlürft Robert Butler dampfende Nudelsuppe mit Hühnchen. Die Kirchengemeinde lädt jeden Dienstag zum kostenlosen Mittagessen. Erst wird gebetet, als Nachspeise gibt es Vanilleeis. Robert Butler ist 60 Jahre alt. Er hat sein Leben lang gearbeitet, seit er vom Kriegsdienst aus Vietnam zurückkam. Der kräftige Mann mit den breiten Schultern war Möbelpacker, Hausmeister in einem Krankenhaus, Tankstellenwart. Zuletzt hat er bei der U.S. Security Inc. gearbeitet, einer Sicherheitsfirma. Vergangenes Jahr musste Butler den Job wegen schwerer Gelenkschmerzen aufgeben. Ersparnisse hat er nicht, das letzte Geld ging für die Krankenhausrechnung drauf. Jetzt bezieht Butler eine bescheidene Invalidenrente, 907 Dollar. Die Wohnung kostet 500 Dollar. Wenn Strom, Telefon, Fernsehen und Heizung bezahlt sind, bleibt kaum etwas übrig. Vom Staat erhält er 14 Dollar an Lebensmittelkarten. „Das reicht für ein Essen“, sagt Butler. Deshalb kommt er jeden Dienstag in die Bible Way Baptist Church. Donnerstag isst er seine Suppe ein paar Ecken weiter in der Kirche Unsere Mutter des Erlösers. Auch nach einem Leben harter Arbeit ist Robert Butler der „Lebensmittelunsicherheit“ nicht entronnen.

Für Joel Berg klingen Geschichten wie diese nur allzu vertraut. Berg ist Direktor der New York Coalition Against Hunger, der Koalition gegen Hunger, ein wortgewaltiger Mann, der seit Jahren vergeblich versucht, an das Gewissen seiner Mitbürger zu appellieren. „Lange wurden soziale Probleme einfach ignoriert“, empört sich Berg, „über Armut wurde nicht gesprochen und Hunger galt als etwas, das irgendwie unvermeidlich existiert, eine Art Naturgesetz.“ Präsident George W. Bush habe den Hunger in den USA dann einfach abgeschafft, indem er ihn umbenannte - in „sehr niedrige Lebensmittelsicherheit“. Dabei stieg die Zahl der Empfänger von „Food Stamps“ in der Bush-Ära kontinuierlich an, schon vor der Rezession um vier Millionen.

Berg tourt auch durchs Land, weil er die Truppen sammeln will für eine große Schlacht. „Als Aktivist ist man es nicht gewohnt, eine Regierung zu loben“, sagt er, „aber alle Zeichen der neuen Administration sind sehr ermutigend. Mit Barack Obama haben wir die historische Chance zu einer echten Wende in der Sozialpolitik.“ Dass im Konjunkturpaket auch Milliarden für „Food Stamps“ vorgesehen sind, hält Berg für eine „Gezeitenwende“. Obama, sagt Berg, sei der erste Präsident, dessen Familie einst selbst auf Lebensmittelmarken angewiesen war.



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