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Zeitung der Zukunft, Teil 6 - Frankreich

Der unsichtbare Maulkorb

Von Stefan Brändle, 15.02.09, 21:28h, aktualisiert 16.02.09, 09:05h

Die französische Tagespresse wird umfangreich subventioniert. Den Zeitungen geht es dennoch miserabel. Selbst Renommiertitel verlieren massiv an Auflage. Sie müssen jetzt sogar Staatspräsident Sarkozy zu Hilfe rufen - was alles nur noch schlimmer macht.

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Hilfe aus dem Élysée: Französische Tageszeitungen. BILD: DPA
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Hilfe aus dem Élysée: Französische Tageszeitungen. BILD: DPA
Den französischen Zeitungen geht es dennoch miserabel. Sie müssen jetzt sogar Staatspräsident Sarkozy zu Hilfe rufen - was alles nur noch schlimmer macht.

Nicolas Sarkozy verhehlt nicht, dass er von Presseleuten wenig hält, und in den Gängen des Élysée-Palastes lästert man gerne über die „Journaille“. Umso mehr staunte die französische Öffentlichkeit, als der konservative Präsident im Oktober so genannte „Generalstände der Presse“ einberief, bei denen er 34 Hilfsvorschläge eines zuvor erstellten Regierungsberichts prüfen ließ. Ende Januar schloss er die Diskussionsrunde mit einer großen Rede, wobei er die meisten Vorschläge akzeptierte und den Staatssäckel weit öffnete: 200 Millionen Euro im Jahr steckt er bis 2011 an öffentlichen Geldern in die Druckpresse, darunter hauptsächlich die Tagespresse.

Dieser stolze Betrag erhöht die bisher bezahlten Subventionen von 300 auf 500 Millionen im Jahr. Er umfasst etwa die Senkung der Postgebühren für Zeitungsverlage, Finanzhilfen für die Hauszustellung der Morgenpresse oder die Steuererleichterungen für Kioske. Die Patrons der nationalen und regionalen Tagespresse ergriffen das Geldgeschenk aus dem Élysée-Palast dankbar wie eine Rettungsboje. Ihnen steht das Wasser zu Hals. Stolze Titel wie „Le Monde“ (1944 gegründet, politisch linksliberal) oder „Le Figaro“ (1866, konservativ) dümpeln heute bei einer Auflage von gerade noch etwa 350 000, die von Jean-Paul Sartre 1973 gegründete Linkszeitung „Libération“ kommt nicht einmal mehr auf 150 000. Angesichts einer Landesbevölkerung von 65 Millionen Franzosen handelt es sich fast nur noch um eine Elite- oder Insider-Leserschaft, die sich auf Paris beschränkt.

Anderen Renommiertiteln geht es noch schlechter; das Boulevardblatt „France-Soir“ oder die kommunistische „L'Humanité“ sind nur noch Schatten ihrer selbst. Nur ganz wenige Titel wie „Le Parisien“ oder das Sportblatt „L'Equipe“ sowie die grössten Regionalzeitungen wie „Ouest-France“ (Auflage 780 000) erwirtschaften noch knapp Gewinn.

All diese Titel wurden durch das Aufkommen von Gratisblättern, die heute bis zu 800 000 Auflage erreichen, und die Internetkonkurrenz hart getroffen. Den Krebsgang der französischen Presse aber allein damit zu erklären, hieße ihre strukturellen Schwächen zu übersehen. Und diese sind gravierend. Die Inserate-Akquirierung der französischen Zeitungsverlage ist eine einzige Katastrophe.

Zudem liegen die Druckkosten der Tagespresse in Paris viel höher als in vergleichbaren Ländern. Schuld ist vor allem das Druckerstatut, das noch aus den Kriegszeiten stammt. Auch wegen diesen verkrusteten Strukturen sah der Springer-Verlag wohl davon ab, 2008 einen französischen „Bild“-Ableger zu lancieren. Einzelne Verleger versuchten in der Vergangenheit schon, das Druckerstatut zu brechen, bissen sich aber daran selbst die Zähne aus. Auch Sarkozy lässt geflissentlich die Finger davon. Er bevorzugt andere „Hilfs“-Wege - andere sagen: der Einflussnahme - , wie die „Etats généraux de la presse“ zeigten. Vielen französischen Journalisten ist es unwohl dabei, vom Staatschef persönlich auf diese Weise unterstützt zu werden. Das schaffe viel indirekte Abhängigkeiten und binde der Presse einen „unsichtbaren Maulkorb“ um, meinen Pariser Journalisten hinter vorgehaltener Hand.

In den Leitartikeln von „Le Monde“ oder „Libération“ sucht man solch kritische Zeilen vergeblich. Tut da der präsidiale Geldsegen bereits seine Wirkung? Dabei werfen die Franzosen ihren Zeitungen schon heute vor, sie stünden den Pariser Machtzentren zu nahe. Unabhängiger Journalismus weicht allzu oft einer eigentlichen Hofberichterstattung, wie in den neunziger Jahren ein klassisches Beispiel zeigte: Dass Staatschef Mitterrand eine uneheliche Tochter hatte und sie zum Teil auf Staatskosten unterhielt, war in den meisten Pariser Redaktionen bekannt - aber jahrelang in keiner Zeitung zu lesen. Neulich amüsierte sich ganz Rumänien, als Sarkozy bei einem Auftritt in Bukarest einen Schemel hinter das Rednerpult stellen ließ, um größer zu wirken - nur den Pariser „Envoyés spéciaux“ entging das Detail ganz offensichtlich.

Applaus setzte es dafür Ende Januar ab, als die französische Regierung ankündigte, sie wolle ihre Kommunikationsausgaben in den Tageszeitungen verdoppeln. Nur der Chefredaktor einer Gratiszeitung, Frédéric Filloux, wendete ein, damit leiste man der Presse keinen Dienst, um anzufügen: „Als Journalist finde ich diese Massnahme ohnehin problematisch.“

Der Editorialist Jean-Marcel Bougereau kritisiert zudem als einer von wenigen die Aufhebung bisheriger Kapitalsperren, die es Großkonzernen in Zukunft erlauben werden, in die französische Printmedien zu investieren. Davon würden vor allem Sarkozys Unternehmerfreunde Lagardère, Bouygues, Bolloré und Dassault profitieren, meint Bougereau. Andere Kommentatoren nennen Sarkozy in Anspielung auf die Medienmacht des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi sarkastisch „Sarconi“. Schreiben tun sie das aber lieber nicht.

Nächste Folge: USA



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