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Interview zum CSD

„Die Paradiesvögel nicht verleugnen“

Erstellt 17.02.09, 16:57h

Weniger Sex, mehr Politik? Die Teilnehmer der Parade zum Christopher-Street-Day sollen sich in diesem Jahr an einen Wertekanon halten. Markus Danuser und Sabine Arnolds vom Kölner Lesben- und Schwulentag KLuST konkretisieren ihre Vorschläge.

Markus Danuser
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Markus Danuser, 38 Jahre, Rechtsanwalt, gehört seit 2002 dem KLuST-Vorstand an und ist seit 2005 Vorstand der Aids-Hilfe Köln. (Bild: Stefan Worring)
Markus Danuser
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Markus Danuser, 38 Jahre, Rechtsanwalt, gehört seit 2002 dem KLuST-Vorstand an und ist seit 2005 Vorstand der Aids-Hilfe Köln. (Bild: Stefan Worring)
Sabine Arnolds
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Sabine Arnolds, 46 Jahre, Redakteurin, ist seit Anfang 2009 Mitglied im KLuST-Vorstand und in dieser Funktion in die vom Rat der Stadt Köln berufene Stadt-Arbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender delegiert, davor war sie lange Jahre Vorstandsfrau bei der Aids-Hilfe Köln. (Bild: Stefan Worring)
Sabine Arnolds
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Danuser, Frau Arnolds, „Quertreiber“ in der Parade, die sich nicht mit den Werten der neuen CSD-Charta einverstanden erklären, wollen Sie notfalls auch öffentlich kritisieren. Wie soll das geschehen?

DANUSER: Das bezieht sich in keinem Fall auf Einzelpersonen, sondern auf Institutionen oder Unternehmen wie das Pascha, dessen Teilnahme vor zwei Jahren diese Diskussion angestoßen hat. Dann würden wir im Vorfeld mit dieser Institution in Kontakt treten und gegebenenfalls sagen: Eure Teilnahme finden wir problematisch. Wenn diese Gruppe sich weigert, die Charta zu akzeptieren oder den CSD nur als Werbefläche benutzt, würden wir darüber gegebenenfalls auch die Öffentlichkeit informieren. Aber niemals bei einzelnen Personen. Das wollen wir nicht. Wollen wir nicht, dürfen wir nicht und werden wir nie tun.

ARNOLDS: Es geht nicht um Jungs, die ihr Schottenröckchen lüften. Wir haben grundsätzlich nicht das Recht, jemandem die Teilnahme zu verwehren.

Aber die Charta richtet sich doch auch an jeden einzelnen Paradeteilnehmer.

ARNOLDS: Alle Teilnehmenden sollten Taktgefühl an den Tag legen. Was der Einzelne darunter versteht, können und wollen wir gar nicht festschreiben.

Warum nicht?

ARNOLDS: Was nicht unter das Strafrecht fällt, ist in der Regel Geschmackssache.

Eigentlich eine Bankrotterklärung, wenn man etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, so betonen muss.

DANUSER: Die schwul-lesbische Szene ist genau so bunt und vielfältig wie die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft. Die Bandbreite ist enorm. Wir müssen versuchen, Extreme zu bündeln und auf ein gemeinsames Fundament zu bringen. Das ist die Charta. Die Bandbreite darf dadurch aber nicht beschnitten werden.

Sie beziehen sich auf das Strafrecht. Damit machen Sie es sich relativ einfach.

DANUSER: Nicht nur auf das Strafrecht, wir fordern auch zur Rücksichtnahme auf. Das klingt erstmal schwammig, und das wird uns ja zum Teil auch vorgeworfen.

Was wäre denn ein Fall für die Charta?

DANUSER: Wenn ein Fetisch lediglich angedeutet wird, wie beim Mitführen einer Peitsche, ist das für uns nicht „Charta-relevant“. Wenn der Fetisch jedoch „ins Werk gesetzt“ wird, also die Peitsche auf den Partner gerichtet eingesetzt wird, dann wäre das für mich ein Fall für die Charta. Dann wäre es unsere Aufgabe, auf diese Menschen zuzugehen, an die Charta zu erinnern und zu fragen, ob das wirklich sein muss. Aber wir wollen kein Spalier von Sicherheitsbeamten. Das wäre der Tod der Freiheit.

Wird die erkämpfte Freiheit nicht immer mehr ausgereizt?

DANUSER: Es wird nur mehr wahr genommen. Und es gibt viele homosexuelle Frauen und Männer, die sagen: Jetzt grenzen wir uns schon selbst ab, z. B. von Paradiesvögeln und Fetischleuten. Aber wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen, nur weil wir immer „normaler“ werden.

ARNOLDS: Als ich Anfang der 90er Jahre angefangen habe, für die Aids-Hilfe zu arbeiten, war die erste Erotikmesse in Köln ein Riesen-Skandal. Heute regt das niemanden mehr auf. Das ist eine Entwicklung.

Und dennoch, Sie haben als Veranstalter die Verantwortung, zumal solches Verhalten im öffentlichen Raum stattfindet.

DANUSER: Wir sind bei der Parade kein Veranstalter, sondern Demonstrationsaufrufer. So weit kann unsere Verantwortung nicht gehen. Wir können nicht in die Köpfe jedes einzelnen sehen.

Aber die Charta ist doch eher dünner Minimalkonsens. Wie lange ist die Parade als Demonstration noch haltbar?

DANUSER: So lange die Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Forderungen im Vordergrund steht. Mindestens zwei Drittel der Wagen sind klassische politische Fahrzeuge.

ARNOLDS: Das ist ja gerade unser Anliegen, die Politik wieder stärker in den Vordergrund zu stellen. Natürlich haben wir keinen Einfluss darauf, was die Gruppen daraus machen. Der Klust hat aber in den vergangenen Jahren durch das wechselnde politische Motto verstärkt darauf hingearbeitet.

DANUSER: Wir feiern in diesem Jahr 40 Jahre CSD. Und der geht zurück auf den Widerstand vor allem von Transsexuellen, Strichern und Lederkerlen in der Christopher Street in New York. Das waren genau diese Paradiesvögel, der wir unsere Bewegung verdanken. Wir werden sie nicht verleugnen, nur um in der Mehrheitsgesellschaft besser gelitten zu sein.

Kann es der schwul-lesbischen Bewegung denn Recht sein, als Karnevalszug im Sommer erlebt zu werden?

ARNOLDS: Wenn zwei Drittel aller Teilnehmer das Motto aufgreifen, ist das für mich politisch. Dass dazu auch Spaß gehört, finde ich positiv. Der CSD ist ja nicht nur die Parade. Drumherum gibt es viele politische Veranstaltungen. Aber sie werden von der breiten Masse nicht so wahr genommen.

DANUSER: Ich teile den Befund nicht, dass wir Karneval machen. Der Karneval hat das umgekehrte Problem. Bei seinem Guantanamo-Wagen wird ihm nicht abgenommen, dass es ihm dabei um Politik geht. Bei uns steht die Politik im Vordergrund und wir werden verdächtigt, nur noch eine Brauchtums- oder Spaßveranstaltung zu sein.

Dann leiden Sie wie die Karnevalisten unter Missverständnissen?

DANUSER: Aber die Voraussetzungen sind andere. Wir müssen einmal im Jahr auf uns aufmerksam machen, weil die Toleranz uns gegenüber eine sehr bröckelige ist. Wenn nur noch auf die Extreme geschaut wird, ist das für mich menschlich nachvollziehbar. Aber deshalb legen wir nicht die Federboas weg und holen die Transparente raus. Das würde auch nicht dem entsprechen, was die Gesellschaft von uns erwartet. Wir sind eben nicht der Deutsche Gewerkschaftsbund. Wir möchten wahrgenommen werden in unserer Vielfalt.

Das Gespräch führten Anja Katzmarzik und Claudia Meyer



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