Schriftgröße

Vetriebene

Die deutsche Leidenserfahrung

Von Frank Olbert, 19.02.09, 17:15h, aktualisiert 19.02.09, 17:30h

Die Vertreibung Deutscher aus Ostpreußen kurz vor und nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein brisantes Thema: Darf sich das Tätervolk auch als Opfer betrachten? Ein Problem dabei ist der Bund der Vertriebenen, an deren Präsidentin Erika Steinbach sich die Debatte allzuoft festbeißt.

Flüchtlinge
Bild vergrößern
Flüchtlinge in Ostpreußen, um 1945. (Bild: Archiv)
Flüchtlinge
Bild verkleinern
Flüchtlinge in Ostpreußen, um 1945. (Bild: Archiv)
Die Debatte um die deutsche Vertreibung wird derzeit anhand einer bestimmten Person geführt, sie hat ein Gesicht, das manch einer als ideologische Fratze empfindet: es gehört Erika Steinbach. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen für den Stiftungsrat eines Mahnmals der Vertreibung zu nominieren - ein solcher Schritt wäre für den polnischen Deutschlandbeauftragten Wladyslaw Bartoszewski vergleichbar mit der Ernennung des Bischofs Williamson zum Israel-Beauftragten. Es versteht sich von selbst, dass diese Äußerung ebenso polemisch ist wie vieles, was von Erika Steinbach zum Thema vorgebracht wird.

Leider verdeckt die Personalisierung, dass die Diskussion tiefer reicht, ja, sie gehört zum psycho-politischen Kernbestand der Bundesrepublik und vor allem auch des vereinigten Deutschland: Vertreibung, das ist längst nicht mehr nur die Herzensangelegenheit seltsamer Verbände, die sich einmal im Jahr an Pfingsten zu einer Art Trachtenfest mit politischem Forderungskatalog versammeln.

Grass und die „Gustloff“

Im Gefolge der deutschen Vereinigung und der neu gewonnenen Souveränität nehmen sich vielmehr Politiker und Intellektuelle des Themas an, die eben diese Vertriebenenverbände über Jahrzehnte mit Hohn und Spott überzogen haben: Günter Grass schreibt über die „Wilhelm Gustloff“ und damit über die sichtbarste Katastrophe deutscher Flucht und Vertreibung aus dem Osten. Martin Walser wehrt sich dagegen, dass das Gedenken an Nationalsozialismus und Shoa instrumentalisiert wird. Und noch viel mehr, als es Literaten je vermögen würden, hat die Politik Schubkräfte entwickelt: lange hat man sich nicht vorstellen können, dass Polen und Deutsche über ein Berliner Mahnmal für die Vertriebenen Europas überhaupt nur reden würden.

Im Grunde geht es um die Frage, inwieweit sich das Tätervolk der Deutschen auch als Opfer darstellen darf. Macht ein Mahnmal der Vertreibung dem Holocaust-Mahnmal Konkurrenz? Verschiebt man mit einem solchen Monument die Rituale des Gedenkens in einer Weise, die der historischen Korrektheit nicht mehr entsprächen - ja, ist ein solches Mahnmal nicht der Versuch, die Schuld der Deutschen zu relativieren und die Nachkriegspsyche zu entlasten?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass solche Motive bei manchem eine Rolle spielen: dass nicht allein Polen, Russen, die europäischen Juden, Roma und Sinti und so viele Andere Opfer des nationalsozialistischen Wahns wurden, sondern auch viele Deutsche selbst, dieses Argument dient insbesondere der politischen Rechten dazu, in einem Abwasch deutsche Verantwortung zu leugnen. Das aber darf nicht geschehen. Wer die deutschen Opfer erkennt, in den Bombennächten Kölns und Dresdens etwa, in denen vor allem auch Kinder getötet wurden, nimmt einen lange nicht richtig wahrgenommenen Teil der Historie in den Blick. Wer damit aber die Täterrolle abstreitet, lädt moralische Schuld auf sich. Die Deutschen müssen damit leben, dass sie diese Schuld nicht einfach abwerfen können, so abstrakt sie manchem Nachgeborenen auch erscheinen mag.

Aber wäre es hilfreich und an der Zeit, die Vertriebenendebatte von den ideologischen Kampfbegriffen der Vergangenheit endgültig zu befreien. Selbst eine Erika Steinbach hat nicht immer unrecht, wenn sie an den Skandal der Benes-Dekrete oder an die Vergewaltigungen erinnert, die russische Soldaten an deutschen Frauen beginnen - wenngleich man stets auf die historische Kausalkette verweisen muss, an deren Beginn deutsche Verbrechen stehen.

Dennoch: Verfechter für die Sache der Vertriebenen müssen nicht immer Revanchisten und Revisionisten sein; es ist kein „rechtes Projekt“, die Folgen von Heimatverlust aufzuarbeiten - Politiker wie der verstorbene Peter Glotz oder Wolfgang Thierse haben vielmehr erkannt, dass es geradezu eine Notwendigkeit ist, dieses Thema den Rechten zu entreißen und in eine rationale Auseinandersetzung zu überführen. Eine solche Beschäftigung wäre an historischer Wahrhaftigkeit interessiert, nicht an Gebietsansprüchen oder Entschädigung oder auch an Rechthaberei.

Entscheidend für die Hinwendung zur Vertriebenenproblematik ist, dass dies keine innerdeutsche Angelegenheit bleibt, gleichsam Vergangenheits-Innenpolitik. Wenn Wladyslaw Bartoszewski nun droht, die gemeinsamen Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns aufzukündigen, dann erfüllt er das, was sich insgeheim mancher Deutsche ohnehin schon wünscht: mit der Aufarbeitung allein gelassen zu werden. Wenn alle Welt ihn als Täter zeiht, dann darf er sich schon deswegen als Opfer fühlen, so wie es Jean Améry in seiner hellsichtigen Diagnose festgehalten hat: „Es ist die deutsche Nachkriegsverzweiflung. Der Deutsche fühlt sich als Opfer des Kafkaschen Prozesses. Mysteriöse Gewalten hatten ihn zum Insekt gemacht. Danach lief der einmal in Gang gesetzte Mechanismus weiter. Auch das ist Geistesgeschichte.“

Mit Hilfe von außen, so darf man ergänzen, ließe sich auch über diese, die deutsche Leidenserfahrung besser reden.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Studio DuMont


Video


Kolumne


Extra


Stadtmenschen Community


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Links


Dienste