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Roman “Bunker“

„Warum wird einer zum Mörder?“

Von Petra Pluwatsch, 26.02.09, 21:55h, aktualisiert 27.02.09, 00:16h

Mit ihrem Krimi-Debüt "Tannöd" hat die Bestsellerautorin Andrea Maria Schenkel die Leser in ihren Bann gezogen. Die Schriftstellerin legt jetzt mit "Bunker" ihr drittes Werk vor. Darin wird eine Entführung aus verschiedenen Perspektiven erzählt.

Andrea Maria Schenkel
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Andrea Maria Schenkel begeisterte die nationalen und internationalen Leser mit ihrem Krimi "Tannöd". (Bild: LAIF)
Andrea Maria Schenkel
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Andrea Maria Schenkel begeisterte die nationalen und internationalen Leser mit ihrem Krimi "Tannöd". (Bild: LAIF)
Selten hat eine deutsche Krimischriftstellerin national wie international für so viel Furore gesorgt wie die dreifache Mutter aus Regensburg.

Andrea Maria Schenkel ist nervös an diesem Nachmittag. Eigentlich ist sie immer nervös, „wenn der Druckauftrag raus ist und man nichts mehr machen kann. Dann merkt man, dass es ernst wird“. Und es ist ernst an diesem dunklen Februartag: Gerade ist Schenkels neues Buch erschienen. „Bunker“ hat sie es genannt, ein schmales Bändchen von 122 Seiten. Es erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte der Angestellten Monika, die eines Tages nach Dienstschluss von einem Unbekannten entführt und tagelang gefangen gehalten wird. Bald entwickelt sich zwischen Täter und Opfer eine merkwürdiges Wechselspiel, aus dem nur einer als Sieger hervorgehen kann.

Die 47-jährige Autorin, vor drei Jahren zum Shooting-Star der deutschen Krimiszene erkoren, betritt damit Neuland. „Bunker“ ist ihr erster Roman, der nicht auf einer historischen Begebenheit beruht, sondern reine Fiktion ist, allenfalls gespeist aus den Schnipseln eigenen Erlebens. Ein Wagnis also, die Autorin weiß es selber. Andrea Maria Schenkel hat einen Ruf zu verlieren.

Selten hat eine deutsche Krimischriftstellerin national wie international für so viel Furore gesorgt wie die dreifache Mutter aus Regensburg an der Donau. 2006 kam ihr erster Roman auf den Markt, „Tannöd“, ein Überraschungserfolg, der es an die Spitze der Bestsellerliste schaffte und ihr jüngst, sie erzählt es mit Stolz, den schwedischen Krimipreis einbrachte. Der Geschichte vom Mehrfachmord auf einem bayerischen Einödhof liegt ein wahrer Mordfall zugrunde, geschehen in den 20er Jahren im oberbayerischen Hinterkaifeck und ein kriminalistischer Mythos bis heute. Schenkel stieß vor einigen Jahren durch einen Zeitungsbericht auf den ungeklärten Fall und verlegte das mörderische Geschehen in die 50er Jahre. Die düstere Geschichte von verschmähter Liebe, von Inzest und Tod wird derzeit in der Eifel verfilmt; ein Theaterstück zu nämlichem Stoff existiert bereits.

Auch Schenkels zweiter Roman „Kalteis“, über weite Strecken in einem gemäßigten Dialekt verfasst, beruht auf einer wahren Begebenheit und beschert der Autorin weitere Preise, darunter ein zweites Mal den begehrten deutschen Krimipreis. Die Geschichte ist kaum weniger mörderisch als „Tannöd“: In den 30er Jahren treibt der Vergewaltiger und Serienmörder Johann Eichhorn im Westen Münchens sein Unwesen. Fünf Frauen fallen seinem unseligen Trieb zum Opfer, ehe er 1939 gefasst und hingerichtet wird. Bei Andrea Maria Schenkel wird aus Johann Eichhorn der Frauenmörder Josef Kalteis. Auch ihn ereilt sein Schicksal in Form des Henkerstricks.

Sie interessiere weniger das Verbrechen als die Frage, warum etwas geschehen sei, sagt Andrea Maria Schenkel. „Warum tut ein Mensch so etwas? Warum wird er zum Mörder?“ Dieses Warum sei wie ein Kieselstein, den man ins Wasser werfe. „Er zieht immer größere Kreise, schlägt immer größere Wellen, bis aus der Kernfrage ein komplettes Buch wird.“ Sie wisse zwar, dass man nie eine befriedigende Antwort auf die alles entscheidende Frage nach dem Warum bekomme, aber „vielleicht eine Erklärung, die einem die Hintergründe der Tat näher bringen“. Und so möchte sie ihre Bücher keinesfalls als „klassische“ Krimis verstanden wissen. So ein Krimi, sagt sie, sei „eine Geschichte, in der anfangs Chaos herrscht, bis jemand kommt, dich an die Hand nimmt und dir alles erklärt. Und hinterher ist alles wieder in Ordnung.“

Schon frühzeitig liebäugelte Andrea Maria Schenkel mit dem Schreiben und malte Bilder wie jene ausdrucksstarke Komposition in Rot und Grau, die heute, zwischen vollgepackten Bücherregalen und einer lebensgroßen Stammesmuttermaske aus Mali, in ihrem Büro in Regensburg hängt. Im Elternhaus habe die Kunst leider nicht hoch im Kurs gestanden, sagt sie. Die Mutter, alleinerziehend und von Geldsorgen bedrängt, verschenkte Bücher nur „zu besonderen Gelegenheiten“. Sie riet der Tochter, „was Anständiges“ zu lernen, statt auf „was Künstlerisches zu setzen“. Andrea Maria folgte ihrem Rat und wurde Lehrbeamtin bei der deutschen Post, bis der Drang zu schreiben nicht mehr zu ignorieren war. „Es war für mich weniger eine Überraschung, dass ich schrieb“, erinnert sie sich, „sondern, dass ich so lange damit gewartet habe.“ Auch jetzt, drei Jahre später, fühlt sich Andrea Maria Schenkel bisweilen überrollt vom Erfolg ihrer Bücher. „Ich versuche, den Ruhm weitgehend zu ignorieren“, sagt sie und erzählt von jener Begegnung während einer lit.Cologne, als Tomi Ungerer ihre Bücher lobte und nicht wusste, dass die Gepriesene im Frühstückssaal des Hotels neben ihm saß. Am liebsten wäre sie bei seinen Worten unter den Tisch gekrochen, sagt Schenkel. „Ich konnte doch jetzt nicht den Finger heben und sagen, hallo, hier bin ich.“

Und jetzt also „Bunker“, angesiedelt in den 90er Jahren. Ein reines Fantasie-Produkt. Sie habe die Frage gereizt, was mit einem Menschen passiert, der gegen seinen Willen eingesperrt wird. Welche Erklärungen findet er für die unfreiwillige Gefangenschaft? „Er kann nicht 24 Stunden am Tag Angst haben“, sagt Andrea Maria Schenkel. „Also wird er anfangen nachzudenken und vielleicht einiges über sich selber erfahren.“ Auch ihre Protagonistin entdeckt Verwerfungen in den Tiefen ihrer Seele, die ihr Selbstbild unwiederbringlich verändern sollen.

„Ich wollte vor allem die Einsamkeit dieser beiden Menschen schildern“, sagt Schenkel, die die Idee zur Geschichte einer privaten „Spielerei“ verdankt. Fast ist es ihr peinlich, darüber zu reden. Der Ehemann, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sandte ihr während einer Lesereise einen kurzen Text, mit dem sie sich zwischen den Lesungen die Langeweile vertreiben sollte: Eine Frau kniet mit gefesselten Händen vor einem Mann und ist seiner Gewalt ausgesetzt. Herumfantasiert habe sie anfangs, ohne schon eine konkrete Geschichte zu haben, gibt die Autorin zu. Die Arbeit an einem weiteren Buch, das eigentlich ihr drittes werden sollte, lag ohnehin auf Eis, und irgendwann habe die Grundidee sie mehr und mehr in ihren Bann geschlagen. Herausgekommen ist das mitunter verwirrende Protokoll einer missglückten Entführung, die in jeder Beziehung aus dem Ruder läuft. Nicht alles ist psychologisch restlos überzeugend - aber spannend ist die Geschichte allemal.

Andrea Maria Schenkel weiß selber um die Fallstricke, die ein Abweichen vom gewohnten Pfad birgt. Ihr nächstes Buch ist bereits in Planung - es wird eine Zeitspanne von sechs Jahrzehnten umreißen und ein Thema behandeln, „das in Deutschland relativ schwierig ist“. Und dann gibt es noch diesen ungeklärten Mord an einem 16-jährigen Mädchen in Regensburg. Ein Mythos, über den sie seit Jahren nachdenkt. „Vielleicht“, sagt sie, „mach' ich irgendwann ein Buch draus.“ Eines, das auf historischen Fakten beruht.

Andrea Maria Schenkel: „Bunker“, Edition Nautilus, 128 Seiten, 12,90 Euro.



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