Erstellt 04.03.09, 22:06h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Kamerun, in Ihrem neuen Stück „M.S. Adenauer“, beschäftigen Sie sich mit der Erosion der großen Feindbilder. Warum Adenauer?
SCHORSCH KAMERUN: Adenauer war für mich, als ich aufwuchs, ein Sinnbild von Autorität. Weil mein alter Herr den immer hervorgeholte, als Repräsentant einer Zeit, in der es immer nur nach vorne ging. Für dieses Stück habe ich zum ersten Mal in meiner Biografie gewildert. Ich bin in einem Autohaus groß geworden. Vater war der Chef, in der Werkstatt wie in der Wohnstube.
Und das lud zum Rebellieren ein?
KAMERUN: Für mich gab es noch diese klassischen autoritären Bilder: Franz Josef Strauss, Lehrer, Eltern, der Staat und wie die mit einem umgingen. Unverrückbarer Leistungsglaube. Da konnte man als Jugendlicher gut zu Punk kommen und Punk hat auch dementsprechend gut funktioniert. Wir stellen alles in Frage: Eure Werte haben „no future“ und wir machen die einfach kaputt, nehmen einen Anzug und zerschnippeln den. Da hat die direkte Umdrehung noch funktioniert.
Auch bei Ihrem Vater?
KAMERUN: Absolut. Wir standen uns da sehr hart gegenüber und mussten uns trennen. Das klassische: „So lange Du die Füße unter meinen Tisch stellst.“ Danach war Freiheit. Und Schule? Ich bin überall rausgeflogen, habe noch nicht mal einen Hauptschulabschluss. Ich habe damals reflexartig rebelliert, nicht reflektierend. Erst mal ist das auch Abenteuer.
Ihre Inszenierung beschäftigt sich aber auch mit dem, was heute statt der Rebellion angesagt ist?
KAMERUN: Heute gibt es ja wieder so ein freiwilliges Anerkennen von Disziplin und Autorität. Als Symbole für alte und neue Oberflächenordnung spielen bei unserem Stück ein original „Kölner Lehrerchor“ und zwei professionelle Models mit. Gestern sah ich ein Video der Band Silbermond. Da heißt es: „Gib mir wieder ein bisschen Sicherheit, gib mir etwas, das bleibt.“ Man scheint sich an nichts festhalten zu können.
Fehlen die Reibungspunkte?
KAMERUN: Der Gegner ist viel weiter weggerückt. Wenn man so will, sitzt der außerhalb des Schengener Abkommens. Und dann muss man sich in dieser Flexibilität, dieser Übermobilität, diesem Überangebot zurechtfinden. Dir steht die Welt mehr als offen und das - sagt der Neurologe - lässt dich nun gerade in Angst und Panik erstarren. Deswegen ist Familie wieder so ein Thema.
Als Rückzugsraum?
KAMERUN: In meinem Aufwachsen war es so: Wenn du Leistung zeigst, dann wirst du auch in Ruhe gelassen. Du hast dein Auskommen. Das hat man heute nicht mehr verlässlich. Du kannst dich noch so sehr anstrengen, du bekommst trotzdem nur einen Vertrag auf Probe. Man sollte diese Sehnsucht nach Sicherheit also schon ernst nehmen. Deshalb erscheint uns die junge Generation aber vermehrt konservativ.
Als Sie neulich mit den Goldenen Zitronen im Kulturbunker Mülheim spielten, standen in der ersten Reihe Straßen-Punks. Verglichen mit dem Premierenpublikum ...
KAMERUN: Meiner Erfahrung nach kommt zu meinen Stücken oft ein ähnliches Publikum, wie zu meinen Konzerten. Und so wie ein Stück in der Ensemblegruppe entsteht, entsteht auch ein Song mit der Band. Man spricht über Themen und wählt sich eine Kunstform als Transporter. Immer in passender Umgebung zu produzieren, ödet mich an. Als Nächstes inszeniere ich an der Staatsoper in München, vielleicht wird die Grätsche dann ja mal zu groß. Ich habe das Glück mit einem tollen Dirigenten zu arbeiten, Kent Nagano. Der will auch einige meiner Songs gleich mitdirigieren.
Besteht nicht die Gefahr, als Quoten-Punk verheizt zu werden?
KAMERUN: Es stimmt einfach nicht mehr, dass etwas Schrill-Schräg-Undergroundiges nur noch in ebensolchen Zusammenhängen stattfindet. Mittlerweile ist der Mainstream das, was am Voyeuristischsten und Schrillsten ist. Nichts ist heftiger wie „Dschungelcamp“. Warum sollten wir dann in irgendeinem Schrottkeller so tun, als wären wir wilder als diese Irren?
Mit 19 erlebte ich mal ein Zitronen-Konzert in der Hafenstraße. Da wurde eine Strohpuppe, die den damaligen Bürgermeister Voscherau darstellen sollte, verbrannt. Was ist von dieser Wut geblieben?
KAMERUN: Es geht immer noch um Wut. Wenn man das nicht mehr mit radikalem Gestus umsetzen kann, muss man das heutzutage über inhaltliche Dinge tun. Vielleicht sogar mal berühren wollen.
Alle Protestformen sind durchdekliniert. Das Leiden ist dasselbe?
KAMERUN: Das würde ich auch sagen. Wir sind mal angetreten, weil wir die Welt ungerecht fanden und das ist ja nicht besser geworden. Man wird ja nicht gemütlicher in seiner Weltanschauung. Ich finde den Kapitalismus noch zerstörerischer als früher.
Ist das Theater, wie die Familie, ein Rückzugsraum vom Kapitalismus?
KAMERUN: So zurückgezogen ist das ja gar nicht. Ich nehme die Stadt um mich herum wahr, arbeitete mit vielen Menschen zusammen. Aber Sie meinen vielleicht den geschützten, weil subventionierten Raum. Ich finde das allerdings nur richtig, dass reiche Kommunen etwas für Kunst ausgeben. Wenn Kunst mal nachfragen soll, dann darf es nicht gleich um die direkte Verwertung gehen. Mich freut auch, dass bei öffentlich-rechtlicher Kunst kein Markenlogo drunter stehen muss. In der Popmusik oder der Bildenden Kunst habe ich das kaum noch.
Haben Sie sich eigentlich mit ihrem Vater ausgesöhnt?
KAMERUN: Das kommt ja irgendwann von selber. Obwohl ich mit meinem Vater den größten Konflikt hatte, war ich der einzige, der so richtig traurig war, als er starb. Weil ich mich sehr mit ihm beschäftigt hatte und da plötzlich eine Riesenlücke klaffte. Dieses narzisstische Auf-die-Bühne-gehen hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich da mal sehr klein behandelt worden bin. Aber ich will mich nicht mit Kunst therapieren. Ich glaube, ich habe darüber die Chance gehabt, einiges an Psychologie zu verstehen.
Das Gespräch führte Christian Bos
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