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„Lebenswerk zerstört“

Ex-Archivleiter klagt an

Erstellt 05.03.09, 20:20h, aktualisiert 26.02.10, 11:11h

Nach der Katastrophe im Kölner Severinsviertel wächst die Sorge um die Zukunft der Forschung. Der langjährige Archivleiter Hugo Stehkämper fordert einen neuen Standort des eingestürzten Stadtarchivs. Das alte Gereonskloster sei die beste Lösung.

Historisches Archiv
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Gerettet aus einem Nebengebäude des Historischen Archivs der Stadt Köln: Akten, die in einer Turnhalle ihr Zwischenlager gefunden haben. (Bild: Hennes)
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Gerettet aus einem Nebengebäude des Historischen Archivs der Stadt Köln: Akten, die in einer Turnhalle ihr Zwischenlager gefunden haben. (Bild: Hennes)
Hugo Stehkämper
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Hugo Stehkämper in seiner Zeit als Archiv-Direktor. (Bild: Archiv)
Hugo Stehkämper

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Stehkämper, was empfinden Sie an gesichts des Einsturz?

HUGO STEKÄMPER: Ein Lebenswerk ist zerstört! Als mich am Dienstag der Anruf erreichte, war ich so geschockt - ich glaube, ich habe nur noch gelallt. Ich bin im April 1961 in das Archiv eingetreten und konnte daher noch zehn Jahre am Gereonskloster amtieren. 1971 ist dann das Haus in der Severinstraße bezogen worden, wo ich bis 1994 tätig war.

Was wissen Sie über die bisher erfolgten Rettungsmaßnahmen für die Archivbestände?

STEHKÄMPER: Ich habe gehört, dass der Bestand der 80 Schreinskarten gerettet worden sein soll. Das sind Dokumente aus dem 12. Jahrhundert, die mit dem heutigen Grundbuch zu vergleichen sind. Darauf sind Verkäufe oder Verpfändungen von Immobilien verzeichnet. Eine einmalige Sache! Auch sollen die Findbücher, die die Ordnung des Archivs angeben, gerettet sein.

Es ist also nicht alles verloren - aber doch sehr vieles.

STEHKÄMPER: Eben habe ich mit dem Kollegen telefoniert, der früher das Diözesanarchiv geleitet hat. Der hat ein Publikation über Urkunden aus dem 13. Jahrhundert vorbereitet. Es geht da um etwa 2000 Urkunden aus dem dem Schreinsamt St. Kolumba. Dieses Amt hat, ehe es den Eintrag ins Schreinsbuch vornahm, Urkunden aus aller Welt - aus Breslau oder Odense oder woher auch immer - angefordert, um herauszufinden, ob von dort noch Kölner Ansprüche erhoben werden könnten. Die Stadtverwaltungen haben dann geantwortet - und so gibt es eine Vielzahl von Dokumenten mit Siegeln von ausländischen Städten und Potentaten. Die hat man vor etwa zehn Jahren in das erste oder zweite Obergeschoss des Magazingebäudes gebracht. Diese Urkunden sind mit Sicherheit perdu!

Die liegen womöglich im Grundwasser.

STEHKÄMPER: Ja. Wir haben zwar diese Urkunden in Klarsichtfolien eingeschweißt und für die Siegel haben wir extra Hülsen gemacht - aber das wird jetzt alles aufgeweicht.

Jetzt droht auch noch Gefahr vom Regenwasser.

STEHKÄMPER: Auch das noch! Ich hoffe, dass die Plane das abhält. Aber auf jeden Fall müsste ein Dach errichtet werden wie wir es für die Ausgrabungen auf dem Rathausplatz haben. Das müsste schnellstens gemacht werden.

Das ist in Planung.

STEHKÄMPER: Planung! Was heißt hier Planung? Das muss gemacht werden.

Die mittelalterlichen Urkunden sind alle dokumentiert?

STEHKÄMPER: Die Urkunden sind alle verfilmt, aber nicht die Siegel, weil die eigens hätten ausgeleuchtet werden müssen. Die Bestände sind bis in die Französische Zeit, bis 1815, weitgehend dokumentiert. Auch die Ratsprotokolle, die Briefbücher mit den Ausgängen und die Briefe an die Stadt - das sind -zigtausend lose Akten. Verfilmt sind auch die jüngeren Bestände von Wallraf, Camphausen, Mevissen und Wilhelm Marx. Das hat damals das Amt für Zivilschutz gemacht, wurde also vom Bund bezahlt. Eingelagert sind die Filme in einem Stollen im Schwarzwald.

Was bedeutet die Zerstörung für die Forschung?

STEHKÄMPER: Die Forschung wird darunter leiden - vor allem bei Objekten, die nicht verfilmt worden sind. Da sind natürlich die Sachen, die erst „kurzfristig“ da sind - wie zum Beispiel im Fall von Heinrich Böll. Ansonsten ist bis 1815 praktisch alles verfilmt. Damit hat man den Inhalt. Zöge man davon anständige Kopien auf Papier, das wirklich hält, könnte man weitgehend weiterarbeiten. Man kriegt aber längst nicht alles heraus, was man auf dem Original sehen könnte. Bei den Urkunden sind nur in seltenen Fälle die Rückvermerke verfilmt worden: Die Angaben dort sind nicht wichtig für den Inhalt, aber für den Geschäftsgang. Die Verfilmung musste ja damals schnell-schnell gehen und mit möglichst wenig Geld - wie das heute auch so ist.

Sie spielen auf den seit langem diskutierten Neubau des Archivs an?

STEHKÄMPER: Ja. Das neue Archiv soll am Eifelwall gebaut werden. Dagegen muss gewettert werden. Denn dieser Ort ist viel zu abseitig - dann kann man das Archiv auch gleich auf den Mond stellen.

Jetzt ist ja zu befürchten, dass für den Neubau aufgrund der Katastrophe weniger Platz benötigt wird.

STEHKÄMPER: Jetzt wäre wieder das alte Gereonskloster die beste Lösung. Das wäre ein anständiger Standort - besser auch als die Severinstraße, die zu nahe am Rhein liegt.

Wie war das, als Sie in die Severinstraße einzogen - gab es da ausreichend Raum für den Bestand?

STEHKÄMPER: Am Anfang hatten wir natürlich Platz, weil wir für 30 Jahre vorgesorgt hatten. Aber es ist wirklich dumm, für ein Archiv nur eine Lebensdauer von 30 Jahren vorzusehen. Es kommt ja immer wieder neues Material herein. Warum hält sich die Verwaltung an solche Vorgaben? Das ist in meinen Augen geistige Bequemlichkeit.

Das Gespräch führte Martin Oehlen

Hugo Stehkämper (78) war von 1969 bis 1994 Direktor des Historischen Archivs. Er zog 1971 mit dem Archiv in den jetzt eingestürzten Bau an der Severinstraße. Stehkämper verfasst den Band zum Hochmittelalter in der großen „Geschichte der Stadt Köln“.

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