Von Alice Ahlers, 09.03.09, 21:00h
Entwickelt wurde das Sportshirt von Forschern der Fraunhofer Gesellschaft im Rahmen des Projekts ConText. Sie arbeiten an intelligenter Kleidung. Dazu gehört auch eine Weste, die uns in Zukunft davor warnen soll, wenn der Stress im Alltag zu groß wird. „Die Messungen funktionieren ähnlich wie beim EKG“, sagt Torsten Linz vom Fraunhofer-Institut für Mikrointegration. Statt des Herzrhythmus' messen sie die Muskelaktivität. Die Rolle der Drähte übernehmen silberbeschichtete Fäden, die in den Stoff der Weste hineingewoben werden. So werden Textilien zu High-Tech-Produkten.
Das Garn, das Strom leitet
Technik und Stoff miteinander zu verknüpfen, liegt im Trend. Strom leitendes Garn und Fasern gegen Keime und Bakterien, Gewebe, das Anoraks beheizbar macht, Kleidung, die sich dank Nanotechnologie selbst reinigt. Durch Beschichtungen, Zusätze und Verarbeitungen können die Materialien vielerlei Eigenschaften annehmen.
Bei der Forschung ganz vorn dabei sind Institute aus Ostthüringen: Zu den wichtigsten Entwicklungen des Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland (TITV) in Greiz gehört ein Garn, das Strom leitet. Es wird unter dem Namen Elitex vertrieben und hat den Forschern in diesem Jahr den Thüringer Forschungspreis eingebracht. Die Forscher machten sich die Galvanik zunutze und erzeugten hochleitfähiges Garn. „Das ist praktisch ein versilbertes Polyamid,“sagt Institutsdirektor Uwe Möhring.
Diese Entwicklung macht es möglich, dass Textilien leuchten, Gewebe heizen oder kühlen. Außerdem haben die Greizer einen Handschuh entwickelt, über den man telefonieren kann. Drahtlos verbindet er sich mit dem Mobiltelefon. Kommt ein Anruf, vibriert es am Handgelenk. Über einen integrierten Lautsprecher und ein kleines Mikrofon wird telefoniert. Das Produkt hat inzwischen die Serienreife erreicht und wird von einer amerikanischen Firma vertrieben.
Babybody wacht über Säuglinge
Interessant sind die neuen Entwicklungen vor allem auch für das Gesundheitswesen. Das Institut für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf hat einen „Babybody“ entwickelt. Ein Strampler, der mit in den Stoff integrierten Sensoren Herzschlag, Körpertemperatur und Körperfeuchtigkeit eines Säuglings misst und die Werte auf einen Computer überträgt. Bei Abweichungen löst der Computer Alarm aus. So überwacht das System zum Beispiel Frühgeborene oder Kinder mit erhöhtem Risiko für den plötzlichen Kindstod. Bisher mussten die Babys dafür Elektroden und Gurte tragen. Im „Babybody“ kann sich das Kind viel freier bewegen.
Auch das Forschungsprojekt NutriWear an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen entwickelt Kleidung, die den Krankenpfleger entlasten könnte. Sie misst den Ernährungszustand eines Menschen und die Versorgung mit Wasser und wäre in der Altenpflege äußerst hilfreich. Intelligente Textilien sind für viele Bereich denkbar: Diabetikern könnten die Sensoren im T-Shirt in Zukunft den Blutzuckergehalt messen und an eine Uhr am Handgelenk funken, älteren Menschen, die zu Hause leben, könnten sie als auf der Haut getragener Notruf zum Arzt nutzen, LKW-Fahrern warnen sie vor dem Sekundenschlaf, bevor es zu spät ist, Schutzanzüge der Feuerwehr regeln selbständig ihre Klimatisierung. „Das wird in 20 Jahren Routine sein“, sagt Professor Heinrick Planck, der Leiter des Denkendorfer Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik.
Stoff für das FBI
Auch die Experten am Thüringischen Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung (TITK) stricken an technischer Kleidung. Sie setzen auf Zellulose, die aus Holz gewonnen wird. Mit einem speziellen Lösungsmittel können ihr Zusatzstoffe in hoher Konzentration beigemischt werden. Das Material ist vielseitig zu verwenden. Die Fasern unter dem Namen smartcel finden sich schon in Socken, Bettwäsche, T-Shirts, Unterwäsche und Bürsten. Mit Paraffin versetzt, wirkt die Faser wärmeregulierend und hat so einen klimatisierenden Effekt. Das eignet sich etwa für Sportbekleidung und Bettwäsche. Wird der Zellulose dagegen Silber beigemengt, so wirkt sie antibakteriell und verhindert unangenehme Gerüche. Ein Effekt, der auch schon das Interesse der US-Bundespolizei FBI geweckt hat, wie Ralf-Uwe Bauer, Direktor des Instituts berichtet. Die Faser aus Rudolstadt sei von den „Special Forces“ etwa in der Drogenfahndung getestet worden und bewähre sich inzwischen schon im alltäglichen Einsatz. „Wenn jemand angeschossen wird, dann wird eine herkömmliche silberummantelte Faser beim Auftreffen der Patrone so erwärmt, dass die Polyamidpartikel ganz fein verteilt werden", erklärt er. Dies führe zu Komplikationen beim Heilen der Wunde. „Das kann mit einer Zellulosefaser nicht passieren.“
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