Von T. Handschuhmacher, 06.03.09, 18:07h
Lautes Klaviergeklimper schallt durch den Hausflur. Sean und Philemon, zweieinhalb und anderthalb Jahre alt, haben das Klavier entdeckt und hauen kräftig in die Tasten. Währenddessen sitzt Romeo (zweieinhalb) ein wenig schmollend in der Ecke und der gleichaltrige Anton verlangt energisch nach einem Stückchen Apfel. Mitten im Getümmel steht Mehran Aghadavoodi wie ein Fels in der Brandung. Manch anderer Mann hätte würde angesichts einer solchen Rasselbande wohl eher das Weite suchen - nicht so der 54-jährige Iraner. Er hat sein Talent im Umgang mit Kindern zum Beruf gemacht.
Seit September 2005 ist der Vater dreier Söhne als Tagesvater in Köln tätig und kann damit wohl fast als Unikat bezeichnet werden. Unter den 390 beim Jugendamt registrierten Tagespflegepersonen befinden sind gerade mal acht Männer, einige weitere sind immerhin zur Zeit in der Qualifikation.
„Wenn wir die Betreuung durch Tagesväter anbieten können, dann wird das sehr positiv aufgenommen“, sagt eine Mitarbeiterin der Stadt Köln. Die registrierten Tagesväter seien überwiegend Väter in der Elternzeit, die dann diese Zusatzqualifikation machten. „Erziehung ist aber meistens immer noch Frauensache. Das sieht man ja auch in den Kindergärten und Grundschulen, wo Erzieher und Lehrer Mangelware sind.“
Dass Erziehung oft immer noch als „Frauensache“ abgestempelt wird, hat auch Mehran Aghadavoodi feststellen müssen. Zwölf Jahre lang war der Programmierer mit seiner eigenen Firma selbstständig, doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr aus. Seine Frau brachte ihn schließlich auf die Idee, Tagesvater zu werden. Im Tagesmütterlehrgang war er der der einzige Mann. „Wenn wir dann mal Rollenspiele gemacht haben, hieß es immer direkt: »Du spielst jetzt den Papa!«“, erinnert sich Mehran Aghadavoodi schmunzelnd. In rund 80 Theoriestunden hat der Tagesvater unterschiedliche Erziehungsmethoden kennen gelernt, sowie Tipps zum Umgang mit Kindern und Eltern und rechtliche Hintergrundinformationen erhalten.
Seit dreieinhalb Jahren ist Aghadavoodi mittlerweile als Tagesvater gefragt und in einer Familie schon zur nächsten Geschwistergeneration „weitergereicht“ worden, wie er stolz berichtet. Vor allem alleinerziehende Mütter wissen Mehran Aghadavoodi als männliche Bezugsperson zu schätzen. Dass ein Mann als Bezugsperson wichtig für Kinder ist, vertritt der Tagesvater mit Überzeugung und behauptet sich gegenüber der großen weiblichen Betreuungs-Konkurrenz: „Tagesmütter gehen doch oft viel zu vorsichtig mit den Kindern um. Vorsichtig bin ich natürlich auch, aber ich erziehe die Kinder auch sehr zu Selbstständigkeit. Wenn die männlichen Bezugspersonen erst im Gymnasium auftauchen, ist das eindeutig zu spät.“
Die konservativen Vorurteile und Rollenbilder, die immer noch in den Köpfen vieler Menschen festsitzen, kennt der 54-Jährige zur Genüge. „Wieso sollte ein Mann das können?“ ist die harmlosere Variante des Misstrauens, „in ganz extremen Fällen wird ein Mann als Sexualverbrecher verdächtigt.“ Solchen Vorurteilen musste sich der Tagesvater selbst noch nicht stellen. Bei der eigenen Mutter allerdings traf die berufliche Neuorientierung ihres Sohnes nicht auf Begeisterung: „Kindern den Hintern abwischen? Was willst Du denn damit?“, sei ihre erste Reaktion gewesen.
Doch Mehran Aghadavoodi liebt seinen außergewöhnlichen Job als Tagespapa, auch wenn er davon nicht leben kann: 231 Euro zahlt ihm das Jugendamt pro Kind und Monat. Für vier Jungs ist er im Moment zeitweise der Papa, an fünf Tagen pro Woche für je sechs Stunden. Dann wird getobt, gebastelt, musiziert oder gelesen und alle fünf haben vor allem Spaß. Der Iraner schneidet wilde Grimassen, lässt die Kinder auf seinen Schultern durch die Luft fliegen oder wird beim Versteckspiel selbst wieder zum Kind. Doch vor allem bewahrt der Mietpapa im Umgang mit den Kleinen stets Ruhe und Gelassenheit. „Man rotiert zwar die ganze Zeit“, sagt er, „aber ich bin eh ein ruhiger Typ.“ Wenn die Jungs von ihren Eltern abgeholt werden, sind allerdings nicht nur die Kleinen geschafft und müde.
Bei den Eltern kommt Mehrans unkonventionelle Art gut an. Katharina Garbett, die Mutter von Romeo, ist von dessen Tagespapa jedenfalls begeistert: „Das ist total super und familiär hier. Man merkt, dass Mehran das nicht nur wegen des Geldes macht, sondern weil er Freude daran hat. Bei manchen anderen Tagesmütter habe ich schon das Gefühl gehabt, es gehe nur darum, den Kindern hinterher zu putzen- aber hier haben die Kinder in aller erster Linie ihren Spaß.“
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