Von Ulrich S. Soenius, 09.03.09, 22:08h, aktualisiert 10.03.09, 18:44h
Dieser Umkehrschluss wäre falsch. Der entsetzliche, für Archivare und Historiker emotional kaum auszuhaltende Verlust und die Beschädigung unersetzbarer Quellen in Köln stellen einen immensen kulturellen Schaden dar. Weiteres Übel unter Zeitdruck zu vermeiden, belastet akut die Fachleute. Die Nation ist zu Recht schockiert. Trotzdem hat Köln nicht „das Gedächtnis“ verloren. Neben den sächlichen Quellen in Form von Relikten und Bauwerken, den erhalten gebliebenen Unterlagen aus dem Historischen Archiv und den Exponaten in den Museen lässt eine breite Forschungsliteratur inklusive Quelleneditionen einen Blick in die Vergangenheit zu. Hinzu kommen andernorts gesicherte Quellen aus dem Historischen Archiv in Kopien, die zwar die Originale nicht ersetzen, aber den Inhalt doch wiedergeben. Nicht zu vergessen die mehr als 40 anderen Archive in Köln, die eben auch Stadtgeschichte dokumentieren und die in ihrer gesamten Überlieferungsmenge an jene des Stadtarchivs heranreichen.
Da zeigt sich einmal mehr, dass in der Vielfalt die Stärke liegt. Zum Glück hat niemand das Modell verfolgt, alles in einem Haus zu verwahren oder dem Stadtarchiv den Alleinanspruch auf Stadtgeschichte zuzuweisen - kleine Sünden ausgenommen.
Angesichts des Trümmerbergs, der notdürftig mit Planen und einem Dach abgeschirmt ist, stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Bangemachen gilt nicht! Am 3. März sind Quellen verloren oder beschädigt worden. Aber die Institution „Archiv“ ist doch nicht vom Erdboden verschluckt worden. Wie sagte Talleyrand? „Die Zukunft im Sinn. . .“ Zunächst einmal muss nunmehr den politisch Handelnden deutlich werden, dass nach der Bergung der Opfer die Rettung des Kulturgutes Vorrang vor allem anderen hat. Dünkel, Bürokratie, Verantwortungs- und Entscheidungsangst, Kompetenzgerangel - all das gehört wirklich auf den Trümmerberg.
International wird Köln an Weimar gemessen. Wer sich an die Bewältigung der Brandkatastrophe in der Anna-Amalia-Bibliothek erinnert, der weiß, was zu tun ist. Neben kurzfristigen Maßnahmen ist die langfristige Perspektive wichtig. Die Zukunft im Sinn - das bedeutet, jetzt über den Tag hinaus denken und handeln. Da ist zum einen die Frage des Archiv-Neubaus, die schon seit Monaten diskutiert wird und die nun eine zwingende Aktualität hat. Keine Gefechte mehr! Gefragt ist die schnelle Standortentscheidung unter Beachtung aller Eventualitäten. Der Neubau mit genügend Raum für die nächsten 50 Jahre benötigt eine klare Zielvorstellung: 2012 zum Deutschen Archivtag in Köln soll er fertig sein. Basta!
Aber andere Entscheidungen sind auch wichtig: Archive sind keine verstaubten Keller, die am Ende der Schlange von Bedürftigen stehen. Ohne Quellen keine Forschung, keine Ausstellungen, keine Bibliotheken, keine Bildung. Daher müssen die Archive in die Lage versetzt werden, ihrem Auftrag nachzukommen. Neben der Sicherung der Überlieferung gehört dazu auch die Vermittlung von Wissen. Dies bedingt eine entsprechende Ausstattung mit Personal und Sachmitteln, aber vor allem auch die notwendige Anerkennung und Akzeptanz. Archivare sind keine Bittsteller, sondern Informationsmanager, deren Dienst in einer modernen Wissensgesellschaft wertvoller denn je ist. Wenn in einigen Jahren der Rückblick auf „drei, drei, neun“ erfolgt, den Tag des Einsturzes, und wir daran gemessen werden, was wir heute leisten, dann hatten wir die Zukunft wirklich im Sinn!
Unser Autor wurde 1962 in Köln geboren, wo er heute noch lebt. Er ist Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs und Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Archivare sowie Geschäftsführer der IHK Köln für Standortpolitik, Verkehr, Unternehmensförderung.
Profis sind nun gefragt!
10.03.2009 | 11.02 Uhr | bluelinestudio
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