Von Ralf Johnen, 11.03.09, 22:00h
Mittlerweile, klagen die beiden Diskutanten im voll besetzten Kölner Kunstsalon, werden die damaligen Positionen vom neoliberalen Mainstream als blauäugig belächelt, habe die Vergangenheit doch vermeintlich eindrucksvoll gezeigt, dass die Kulturen nicht miteinander auskommen. Was sich im Kulturbetrieb dergestalt bemerkbar mache, dass Fremdartiges ein Dasein als Quotenkunst in Bürgerhäusern und ähnlichen Institutionen friste. So, meint Leggewie, dürfe eine wie auch immer geartete Kölner Akademie (ihre Gründung wird erwogen) nicht aussehen.
Leggewies Theoriegebilde orientiert sich mittlerweile nicht mehr an den 80ern. Viel mehr führt er ein Einzelschicksal aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an: das des russischen Malers Mark Rothko. Dessen Vita sei eine Art Blaupause für die Doppelkarriere als Künstler und Migrant: Aus Russland 1913 in die USA gekommen, habe er sich weder assimiliert noch je vereinnahmen lassen. In fortgeschrittenem Alter sei es ihm dann gelungen, mit dem abstrakten Expressionismus seinen unverwechselbaren Stil zu finden. Dabei sei Rothko nie auf seine Rolle als russischer Migrant mit jüdischem Hintergrund festgenagelt worden. Er sei schlicht ein Künstler in einem Land gewesen, das sich mit seinem Status als Einwanderungsland abgefunden habe. Unter Schmerzen zwar. Aber immerhin.
Ähnliches, fordert Leggewie, müsse auch in Deutschland geschehen. Es sei an der Zeit, sich von den ethnischen Hintergründen zu lösen und vom Zeitalter der Nationalkulturen zu verabschieden. Den Künstler dürfe man nicht länger für Sozialpolitik missbrauchen.
Auch Kermani sieht in der Gegenwart eine unnötige Stigmatisierung des Fremden: „Die Ethnologisierung“, weiß er aus eigener Erfahrung, „nimmt kontinuierlich zu“. Jemand wie Rothko hätte im heutigen Deutschland überhaupt keine Chance, seine Biografie auszuleben: „Der würde ständig in Talkshows gebeten, um über Putin zu reden.“
Daher regt auch Kermani an, sich an der Vergangenheit zu orientieren. Städte wie Wien oder Prag seien im frühen 20. Jahrhundert „mehrsprachig und hybrid“ gewesen. Die Ethnie habe kaum eine Rolle gespielt. Das müsse wieder der Normalfall werden. Mit einem Haus der Kulturen, das sich nicht erst angestrengt für etwas öffnen müsse, sondern Einflüssen von Außen wie selbstverständlich eine Bühne biete.
Die Reihe „Weltkultur heute“ wird am Montag um 20 Uhr im Kunstsalon mit Breyten Breytenbach und Mark Terkessidis fortgesetzt.
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