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Interview mit Claus Peymann

„Lustige Bilanz eines Don Quichote“

Erstellt 12.03.09, 22:32h, aktualisiert 12.03.09, 22:41h

Claus Peymann, Regisseur, Direktor und Geschäftsführer des Berliner Ensembles, blickt auf 40 Jahre Theater. Aus zahlreichen Quellen hat der Theaterkritiker Hans-Dieter Schütt sein Theaterwirken dokumentiert – und kennt ihn nun besser als jeder andere.

Claus Peymann
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Angriffslustig, umstritten, erfolgreich: Claus Peymann gehört neben Peter Stein und Peter Zadek zu den alten Meistern des deutschen Regietheaters. (Bild: dpa)
Claus Peymann
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Angriffslustig, umstritten, erfolgreich: Claus Peymann gehört neben Peter Stein und Peter Zadek zu den alten Meistern des deutschen Regietheaters. (Bild: dpa)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Peymann, mit „Peymann von A bis Z“ ist ein Band erschienen, der statt einer Biografie ihr Theaterwirken dokumentiert. Ihre Idee?

CLAUS PEYMANN: Nein, so eitel bin ich nicht. Hans-Dieter Schütt, ein sehr guter Berliner Theaterkritiker, wollte ein Buch über Thomas Bernhard mit mir machen. Aber das war mir zu viel Hochgebirge, das schaffe ich in meinem Leben einfach nicht mehr. Und dann kam Schütt mit der Idee, mal über Peymanns gesammelte Kleinigkeiten zu gucken. In meinen mehr als 40 Jahren am Theater hat sich da eine 200 Meter lange Leitz-Ordner-Front entwickelt, Interviews, Statements, Sonntagsreden und Reaktionen von Weggefährten, Politikern und des Publikums. Da hat sich Schütt anderthalb Jahre lang durch gelesen. Jetzt kennt er mich besser, als ich mich selber.

Sie haben das Buch im Vorfeld nicht gelesen?

PEYMANN: Keine Zeile. Sonst wäre es wahrscheinlich nie erschienen.

Welche Texte sind Ihnen denn im Nachhinein unangenehm?

PEYMANN: Da ist etwa ein Brief von Peter Handke drin, in dem er mir hart die Leviten liest, weit unterhalb der möglichen Schamgrenze. Ich hatte Sorge, dass der Handke mir sagen wird: „Bist Du verrückt geworden so einen Brief zu veröffentlichen?“ Aber das muss man mit zusammengekniffenen Zähnen aushalten. Das war eben das Spiel.

Bei dem sie sich noch einmal neu kennen lernen konnten?

PEYMANN: Es sind viele Sachen drin, von denen ich nichts mehr wusste. In der Bilanz habe ich gemerkt, dass ich doch ein ganz intelligenter Bursche bin, das vergesse ich zwischendurch mal. Diese Wirtschaftskrise, die wir jetzt erleben, prophezeie ich seit 1989. Aber das eigentlich Unterhaltsame ist ja, wie jemand, der die Welt verbessern will - und das bin ich ja; ich bin nicht 1937 sondern 1968 geboren, daher kommt mein Denken, meine Hoffnung -, wie so jemand immer wieder scheitert. Es ist also auch die lustige Bilanz eines Don Quichote.

Der aber unter Einbeziehung der Öffentlichkeit gegen die Windmühlen anrennt . . .

PEYMANN: Die Leute amüsieren sich königlich. Das ist im Grunde ein reines Kabarettprogramm. Bei den Schauspielern gibt es längst Wettbewerbe, wer den besten Peymann macht. Aber am besten mache ich mich natürlich selber nach.

Im Buch werden sie zitiert: „Je mehr das Ego zunimmt, desto mehr nehmen die linken Ideale ab.“

PEYMANN: (lacht) Das weise ich zurück!

Eine Selbstbeobachtung?

PEYMANN: Das wäre ja wie bei Müntefering. Sie wollen doch nicht sagen, dass ich wie Müntefering bin?

Sie waren ja schon in Ihren Anfängen sehr forsch. Haben Sie über den jungen Peymann gestaunt?

PEYMANN: Forsch bin ich ja geblieben. Ich habe weder Angst vor Menschen noch vor Problemen. Ich greife die Dinge sehr direkt an. Ich habe mein Theater auch immer öffentlich repräsentiert. Das hat ja oft genug zu politischen Kontroversen geführt. Von der Geschichte mit der Zahnspende für Gudrun Ensslin in den 70er Jahren in Stuttgart bis zu der Geschichte mit Christian Klar, der mich um einen Praktikantenplatz gebeten hat. Ich kann nicht auf der Bühne Mitgefühl und Solidarität predigen und jemanden, der mir sagt: „Meine Tochter sitzt in Stammheim, die Zahnbehandlung ist miserabel, wollen Sie sich nicht an den Kosten für einen Zahnarzt beteiligen?“, die Hilfe verweigern.

Ihre Spendenaufforderung für die RAF-Terroristin Ensslin war damals ein großer Skandal. Haben Sie bei Klar nicht mit dem öffentlichen Aufschrei gerechnet?

PEYMANN: Das habe ich wirklich unterschätzt. Christian Klar hatte schon fünf Jahre vor seiner Entlassung geschrieben, dass er nach Tegel verlegt werden und im Freigang am BE arbeiten wollte. Als Klar jetzt rauskam wurde diese Praktikumsanfrage vom baden-württembergischen Justizministerium an die Presse souffliert und die hat das dann aufgeblasen. Für mich war das eine Frage des Betriebsrates, ob die Bühnenarbeiter das aushalten können, mit einem Mann am Frühstückstisch zu sitzen, der wahrscheinlich neun Menschen umgebracht hat. Und der Betriebsrat hat gesagt, wir wollen das wagen.

Die Gruppe Rimini Protokoll hat in Stuttgart den Ensslin-Skandal für die Bühne dokumentiert, unter dem Titel „Peymannbeschimpfung“. Sie haben mitgespielt, obwohl das doch eine Form von Theater sein muss, die sie verachten?

PEYMANN: Ich war das einzig Gute an dem Programm. Alles andere war schludrig, die machen viel zu viel. Ehrlich gesagt: Diese ganze Art von Dokumentarismus soll mich am Arsch lecken. Das ist ein Zeitgeistphänomen, ein Irrweg. Das sehen sie am Klarsten bei einem Mann, der völlig zu Unrecht als Genie durch die Gegend läuft, Christof Schlingensief. Der kann eigentlich überhaupt nichts, seine Akteure sind oft Behinderte. Da gibt es einen Behinderten namens Brecht, der bekommt immer Bier auf der Bühne und dann torkelt er da herum und die Berliner schlagen sich auf die Schenkel. Diese Art von Authentizität finde ich unkünstlerisch und lächerlich. Dass sich Schlingensief jetzt selber zum Teil dieses Dokumentarismus macht, in dem er seinen schrecklichen Lungenkrebs zum Bühnenthema macht, empfinde ich als obszön und tragisch zugleich. Das Theater ist etwas Gestaltetes, die Authentizität sollten wir amerikanischen Catchern überlassen.

Sie haben lieber intensiv mit Autoren gearbeitet. Mit Handke, mit Bernhard. Im Buch bezeichnen Sie sich als Thomas Bernhards Witwe.

PEYMANN: Ich träume immer wieder von ihm, dass er noch lebt. Ich habe damals nicht gemerkt, dass es zu Ende ging. Wir spazierten oft durch Wien und es dauerte immer länger vom Caféhaus zum Burgtheater, alle zehn Meter hat er eine kleine Pause eingelegt, mir Bäume oder Schaufenster erklärt. Ich hatte das einfältig als amüsantes Unterbrechen gesehen. Bei der Premiere von „Heldenplatz“ dauerte der Applaus 25 Minuten. Zum Glück. Bernhard hat zehn Minuten gebraucht, um von meinem Büro die Treppe herunterzusteigen. Aber sein Tod kam für mich aus heiterem Himmel. Wenn man einen Menschen beinahe täglich sieht, merkt man die Veränderung nicht so stark. Unsere Arbeitsbeziehung dauerte fast 20 Jahre. Das war toll, einmalig und herrlich. Und wenn ich noch so sehr niedergeschrieben werde, als komische Nummer von Berlin, das nimmt mir keiner.

Die Kritiker lieben Sie nicht . . .

PEYMANN: Wir spielen im Moment kompromisslos gegen den Zeitgeist. Alles, was im Moment modern ist, macht das BE nicht. Wir marginalisieren die Theaterstücke nicht. Wir spielen komplett und in historischen Kostümen und wir bestimmen uns unser Zeitmaß selber. Herr Stein durfte am BE einen zwölfstündigen „Wallenstein“ machen, Herr Schleef am Burgtheater eine siebenstündige Aufführung von Jelineks „Sportstück“. Ich habe immer die Radikalität gesucht und die findet ihr Publikum, nicht der Kompromiss. Meine Theater waren immer die vollsten Theater im Land. Jetzt haben wir mit dem Berliner Ensemble sogar die Komische Oper an Zuschauerzahlen überholt.

Das Gespräch führte Christian Bos



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