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Leitartikel zu Amokläufen

Das Böse und die Allmachtsfantasien

Von Stefan Sauer, 15.03.09, 21:29h, aktualisiert 15.03.09, 22:37h

Schon immer versuchten Menschen, Schicksalsschläge zu deuten und Lösungen zu finden. Wissenschaftliche Erklärungen helfen ebenso wenig wie der Ruf nach „Law-and-order“. Ein bisschen genauer hinzusehen könnte dagegen schon etwas bringen.

Amoklauf Winnenden
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In Winnenden trauern die Angehörigen um die Opfer des Amokläufers. (Bild: dpa)
Amoklauf Winnenden
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In Winnenden trauern die Angehörigen um die Opfer des Amokläufers. (Bild: dpa)
Es ist eine Konstante menschlichen Daseins, sich mit schrecklichen Ereignissen nicht einfach abzufinden. Von jeher versuchen Menschen, Schicksalsschläge zu deuten. Als Aufforderung zu Opferritualen, als göttliche Mahnung zur Umkehr oder als Vorzeichen des Weltenendes. Religiöse und anderweitig übersinnliche Erklärungszusammenhänge haben allerdings in weiten Teilen westlicher Gesellschaften seit langem an Überzeugungskraft eingebüßt. Wer die Tragödie von Winnenden als Ratschluss des Allmächtigen zu interpretieren versuchte, geriete in arge Bedrängnis.

An die Stelle rächender Götter sind Psychologen, Soziologen, Hirn- und Genforscher getreten, an die Stelle alttestamentarischer Gebote das Strafgesetzbuch. Das ist eine großartige zivilisatorische Leistung, die nicht in Frage steht. In Frage steht der pseudoreligiöse, mithin scheinbar endgültige Gehalt wissenschaftlicher Erkenntnisse und daraus resultierende Allmachtsfantasien zum Umgang mit dem Unbegreiflichen / Bösen / Fehlgeleiteten - und Therapierbaren.

Man hat sich vom Glauben nicht abgewandt, nur dass er sich nun auf Allmachtsfantasien bezieht. Diese äußern sich auf der einen Seite so: Waffenrecht verschärfen, striktere Kontrollen vor öffentlichen Gebäuden, überall Videokameras, Wachmänner vor den Schulen, Waffenscanner im Jugendhaus. Die andere Seite fordert: Tausend Psychologen mehr an die Schulen, „Gewaltmediatoren“, Patenschaften, Konflikt-Management-Zusatz-Qualifikation für den Lehrkörper - professionelles Mitmenschentum.

Dabei ist der Ruf nach „Law-and-order“ so ungeeignet wie gut gemeinte Sozialarbeiter-Ausbauprogramme, wenn es um eine „Lösung“ geht. Meint man wirklich, ein verschärftes Waffenrecht hätte den 17-jährigen Tim von seiner Raserei abgehalten? Natürlich spielt es eine Rolle, dass Tims Vater offenbar ein Waffennarr ist. Andererseits wird nicht jeder Spross eines Waffenscheinbesitzers zum Massenmörder. Schon gar nicht schlummert in jedem unauffälligen Einzelgänger ein gewaltbereites Ungetüm.

Wichtiger war für das Selbstgefühl des Jugendlichen Tim offenbar, dass er keine Freunde im Leben hatte, aber in Computer-Gewaltspielen eine Identität fand. Dass er sich nicht anerkannt und unterbewertet fühlte, dass er ausgelacht wurde. Ein einsamer Tischtennismeister mit Pokal; ein Liebhaber ohne Liebschaften. Hätten Eltern, Lehrer und Psychologen das frühzeitig erkennen können? Vermutlich, wahrscheinlich, ja. Aber was folgt daraus?

Amokläufer seien oft eher „unauffällig“, heißt es. Der Typ ist normal, also verdächtig? Solche Ratschläge suggerieren Kontrolle, wo es keine Kontrolle gibt. Und sie verlagern die Verantwortung, weil am Ende jeder sagen kann: Der Typ schien ganz normal. Amok entstammt dem Indonesischen. Es bedeutet „sein letztes geben“, Raserei gegen die Umwelt. Amokläufe hat es offenbar schon vor hunderten von Jahren am anderen Ende der Welt gegeben. Eine Konstante menschlichen Daseins?

Was bleibt? Innehalten vor dem Unvorhersehbaren, das sich wissenschaftlicher Analyse sowie theologischer Sinnsuche entzieht. Und dem aufrichtigen Vorsatz, wirklich ein bisschen genauer hinzusehen. Gar nicht mehr.



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