Von Heike Hübscher, 19.03.09, 19:27h
Mark Schauer, Leiter des Büros für das Projekt „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB), sitzt im UN-Gebäude in Bonn an seinem Schreibtisch, verschränkt seine Arme hinterm Kopf und ist bereit zum Gespräch über das Projekt, das übersetzt „Die Ökonomie von Ökosystemen und Artenvielfalt“ heißt und sich mit dem globalen Wert der Natur beschäftigt. Wenn Schauer von Werten spricht, meint er dies im ökonomischen Sinn. Das Projekt erhebt Zahlen, die politisch verwertbar sein sollen. „Erste Berechnungen haben einen Wert der weltweiten Natur von rund 33 Billionen Dollar ergeben. In Wahrheit liegt er um ein Vielfaches höher“, sagt er. „Wir wollen neue Argumente für den Schutz der Natur finden“, betont Schauer. Denn es koste langfristig wesentlich mehr, die Natur, die wir für den Fortbestand unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft benötigten, zu regenerieren, als sie durch Schutzmaßnahmen und nachhaltiges Wirtschaften zu erhalten.
„Mit unseren ökonomischen Argumenten wollen wir Wirtschaft und Politik davon überzeugen, dass sich der Schutz der Natur lohnt - auch finanziell“, bewertet er den Nutzen der Studie mit einer monetären Einschätzung sämtlicher Lebewesen. Biodiversität meint die Artenvielfalt, und zu dieser gehört ein Virus ebenso wie ein schöner bunter Papagei oder Rotwild im heimischen Wald. Das UN-Projekt soll deutlich machen, wie viel Wert all das hat, was die Natur umsonst zur Verfügung stellt, sofern sie intakt ist: Nahrung, Kleidung, reine Luft, Schutz vor Überschwemmungen, Baumaterial, Medikamente und zahllose andere Dinge mehr.
Verlust der Natur
Seinen Ursprung hatte das Projekt in einer Studie von Nicolas Stern, dem so genannten „Stern-Report 2006“, in dem die finanziellen Folgen des Klimawandels berechnet wurden. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel fand diesen Ansatz interessant und gab zusammen mit EU-Umweltkommissar Stavros Dimas eine neue Studie in Auftrag: „Was kostet uns der Verlust der Natur?“, lautete die Vorgabe. Darin sollten die ökonomischen Aspekte zur biologischen Vielfalt erörtert werden. Mark Schauer arbeitete zu diesem Zeitpunkt im Bundesumweltministerium und übernahm ab Dezember 2008 für die UN die Koordination des Projektes von Bonn aus. Mit Pavan Sukhdev, Generaldirektor und Leiter der Abteilung „Globale Märkte“ der Deutschen Bank AG in London, fand sich ein Studienleiter, der nicht nur ein erfahrener Kenner der Weltmärkte ist, sondern dessen Steckenpferd außerdem die Ökonomie im Zusammenhang mit Naturschutz ist. Er veröffentlichte in der Vergangenheit zahlreiche Artikel über den Wert der Artenvielfalt, der Landwirtschaft oder zum Thema Brennholz. Seine indische Herkunft gewährt ihm zudem Einblicke in die Problematik der Dritten Welt oder von Schwellenländern.
Schauer arbeitete zwei Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst in Nepal an einem Aufforstungsprojekt. „Wir haben dort auch den Bewohnern gezeigt, welchen medizinischen Nutzen sie aus Pflanzen ziehen können“, erzählt er. Und dieser Aspekt sei für das UN-Projekt anwendbar. Schauer weiß, dass Forscher in den Regenwald gingen, um Pflanzen in ihre Labors mitzunehmen. Daraus würden beispielsweise Krebsmedikamente entwickelt. „Für diese Pflanzen wurde bisher kein Geld ausgegeben“, betont er. Weil der Wald auch noch nicht bewertet ist, stellt sich die Frage, an wen Geld bezahlt werden soll. „Unser Bestreben geht eher dahin, den Wald in seiner biologischen Vielfalt zu erhalten und darin zu investieren. Man kann ihn zum Beispiel als Apotheke zu nutzen und nicht einfach abholzen. Aber“, so fügt er hinzu, „der schnelle Verdienst zählt in der Regel mehr.“ Die globalen Auswirkungen des Klimawandels sind mittlerweile den meisten bekannt. Es fehlt jedoch oft der Bezug zur eigenen Region. Aber auch daran arbeitet das Büro zur Zeit. „Am 26. März veranstalten wir vom TEEB eine Fachkonferenz mit kommunalen Vertretern aus Nordrhein-Westfalen“, sagt Schauer. Thema: „Biodiversität ökonomisch bilanzieren - Chance für eine zukunftsfähige Stadt- und Regionalentwicklung.“ Diskutiert werden solle, wie natürliche Flächen als Kapital für den kommunalen Haushalt zu bewerten seien. „Wir wollen bis Ende 2010 verwertbare Ergebnisse unseres Projekts vorlegen. Bis dahin gibt es noch viel zu tun“, erklärt der Fachmann für Wälder, „Das Bundesamt für Naturschutz bereitet parallel zurzeit eine Untersuchung für Deutschland vor, die den Wert der deutschen Ökosysteme mit ihren vielen Facetten erfassen soll“, sagt er.
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