Von Julia Hohenadel, 19.03.09, 18:16h
Nein, so einfach macht es sich die Verletztendarstellergruppe Bloody Malti des Malteser Hilfsdienstes (MHD) aus Bad Honnef nicht. Die Szenerie mit der überfahrenen Frau ist zwar nur gestellt, ihr Schwangerschaftsbauch ist ein Kissen, das Blut kommt aus dem Schminkkoffer. Aber die Schein-Einsätze müssen ernst genommen werden. Ärzte und Rettungsassistenten sollen so den Ernstfall üben. Das weiß jetzt auch der Darsteller, der den Passanten spielt. Keiner soll aus seiner Rolle fallen.
Überall Verletzte
Die „Rollen“, also die verschiedenen Verletzungen, sind bei Bloody Malti wie in einem Drehbuch verteilt. Heute wird ein schwerer Verkehrsunfall nachgespielt: Ein Auto soll in eine Menschenmenge gerast sein. Die Notärzte, die sich heute fortbilden, stehen in den Startlöchern. Überall liegen „Verletzte“. Um die Wunden täuschend echt schminken zu können, mussten die Gruppenmitglieder lange üben.
„Vor 20 Jahren entstand Bloody Malti aus einer unserer Jugendgruppen“, erinnert sich Rainer Stens, der die Verletztendarsteller betreut. In einem Bundeswettbewerb sollten die Mitglieder des MHD ihre „sanitätsdienstliche Leistungsfähigkeit“ unter Beweis stellen. Die Konkurrenz arbeitete dabei längst mit geschulten Darstellern. Berühmt-berüchtigt waren vor allem die Schein-Unfälle des niederländischen Teams „Lotus“ - es gilt bis heute weltweit als Koryphäe unter den Verletztendarsteller-Gruppen.
Für die hohe Kunst des So-tun-als-ob gingen die Bad Honnefer daraufhin bei den Niederländern in die Lehre. Mit der Zeit perfektionierten sie ihre falschen Verwundeten und eingebildeten Kranken. Ihre Patienten „bluten“ nicht nur: Sie schreien und stöhnen, sie zerren die Notärzte am Hemd, taumeln durch die Gegend und reden wirres Zeug. Übertrieben ist das keineswegs: Menschen unter Schock zeigen oft unerwartete Reaktionen, wissen die Darsteller.
Bloody Malti umfasst heute rund 25 Mitglieder und bietet bundesweit professionelle Notfalldarstellungen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Medizinern an. Mit dabei sind auch die Jüngsten: Philipp Schmitt etwa mimte im zarten Alter von zehn Jahren erstmals ein verletztes Kind. Mittlerweile leistet der 20-Jährige seinen Grundwehrdienst im baden-württembergischen Stetten am kalten Markt. „Jedes Wochenende fahre ich 450 Kilometer nach Hause“, berichtet Schmitt, dessen rechte Gesichtshälfte eine akkurat geschminkte Platzwunde ziert. Die Fahrten nimmt er gern auf sich: „Das hier ist Freizeit für mich“, erklärt Schmitt und weist auf den liebevoll inszenierten „Autounfall“. „Auch wenn's seltsam klingt.“
Sein Kollege Malte Daniels beteuert zwar ebenfalls, Spaß zu haben. Doch der leichenblass geschminkte Darsteller mit den künstlichen Schweißtropfen auf der Stirn sieht aus, als würde er lieber ein heißes Bad nehmen als weiter das Opfer zu spielen. Der 21-Jährige friert trotz Heizlüfter am Set ganz erbärmlich. Er ist kurzärmelig. Laut Drehbuch ist nämlich Sommer.
Auch mit seiner Wunde ist der junge Mann schwer geschlagen: Er wurde bei dem „Autounfall“ von einem durch die Gegend fliegenden Metallrohr getroffen. Laut Drehbuch soll die Stange seinen Körper wie ein Dolch durchbohrt und dabei Magen und Gedärme schwer verletzt haben. In Wahrheit ist das Rohr selbst gebastelten und in der Mitte teilbar. Die Enden werden auf Daniels' Leib aufgeklebt. Rund um die Ein- und Austrittsstelle wurden großzügig Kunstblut und fleischfarbene Kosmetikmasse verteilt. Die fertige „Pfählungsverletzung“ ist der ganze Stolz von Bloody Malti.
Viele Krankheits- oder Verletzungssymptome befinden sich im Repertoire der Darsteller. Insgesamt verfügen die Hobby-Maskenbildner über rund 20 verschiedene Sorten Kunstblut. Die „Küchenchemikanten“ der Bad Honnefer, wie Betreuer Rainer Stens sie nennt, treibt zudem ein schier unstillbaren Forscherdrang: Wie erzeugt man Schaum, der auch tatsächlich am Mund haftet? Welche Stoffe simulieren Erbrochenes? Womit lässt sich trefflich Blut spucken? Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Genauso wie die Verletzungen, mit denen die Retter täglich konfrontiert werden. Bloody Malti bereitet sie auf das Schlimmste vor.
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