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Interview mit T.C.Boyle

„Ich bin in Sorge um unsere Spezies“

Erstellt 20.03.09, 16:19h, aktualisiert 20.03.09, 16:31h

„Die Frauen“ heißt Boyles neuer Roman über den US-Architekten Frank Lloyd Wright. Im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger äußert sich Boyle über Bauen, Politik, und über die Zukunft des Lesens. Und er erklärt, warum er den Papst für einen Kriminellen hält.

TC Boyle und die Frauen
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T.C. Boyle im Anflug auf Köln - seine Lesungen am Samstag sind ausverkauft. (Bild: Oehlen)
TC Boyle und die Frauen
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T.C. Boyle im Anflug auf Köln - seine Lesungen am Samstag sind ausverkauft. (Bild: Oehlen)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Mr. Boyle, der Architekt Frank Lloyd Wright steht im Zentrum Ihres neuen Romans. Weil Sie in einem seiner Häuser leben?

T.C.BOYLE: Ja, das stimmt. Das Haus war ein glücklicher Zufall. Meine Frau hat es im Sommer 1993 in Kalifornien entdeckt – und schon am nächsten Tag haben wir es gekauft.

Was macht dessen Magie aus?

BOYLE: Es ist ein Haus im Präriestil. Das einzige, das es davon in Kalifornien gibt. Es gilt als moderne Architektur, aber stammt doch aus der Zeit der Jahrhundertwende. Es ist sehr ästhetisch und sehr anti-viktorianisch. Bei Wright trumpfen die Eingänge nicht auf, man sieht sie nicht einmal von der Straße aus, und die Zimmerdecken sind vergleichsweise niedrig. Diese Architektur will nicht protzen und die Natur dominieren – sondern sie will genau das Gegenteil. Sie basiert auf organischen Materialien aus der Natur vor Ort. Gut, in meinem Fall sind die Fußböden aus „Redwood“, einem Holz, das aus Nordkalifornien kommt, aber das wusste Frank Lloyd Wright nicht. Es gibt auch keine Wände, an denen man Bilder aufhängen kann: Die Natur selbst ist das Gemälde.

Frank Lloyd Wright hielt sich für den größten Architekten aller Zeiten. Was meinen Sie?

BOYLE: Ich bin kein Architektur-Experte, sondern habe mich ihm zugewandt, weil ich mich ordentlich um das Haus kümmern wollte. Aber ich liebe, was er gemacht hat. Ich kenne keinen besseren Architekten.

Sie schreiben über einen großen Architekten, aber nennen den Roman dann doch „Die Frauen“. Waren Sie am Privatleben mehr interessiert als am Künstler?

BOYLE: Als Privatmann wollte ich mehr über seine Konzeption wissen. Aber als Erzähler muss ich eine Geschichte in Szene setzen. Was ich über sein Privatleben herausfand – es gibt ja rund 1000 Bücher über ihn –, war für mich außerordentlich spannend, faszinierend und auch absurd. So wie mir ja auch die historischen Fakten rund um Dr. John Harvey Kellogg in „Willkommen in Wellville“ und Dr. Alfred Charles Kinsey in „Dr. Sex“ sehr verblüffend vorkamen. Was ich da gelernt habe, war so fremd für mich, dass ich daraus unbedingt Romane machen wollte. Es sind sehr dominante und narzisstische Persönlichkeiten, die große Dinge geschaffen haben. Ich bin überzeugt davon, dass die Kunst unabhängig von der Moral ihres Schöpfers zu betrachten ist. Sie waren all drei Gurus. Und das interessiert mich. Was macht das mit den Anhängern, warum folgen sie einer solchen Gestalt? Davon handelt im Übrigen auch mein Roman „Drop City“.

Bemerkenswert ist die Konstruktion des Romans „Die Frauen“. Denn der Text hat viele Fußnoten.

BOYLE: Das war überhaupt nicht geplant. Es war wie immer, wenn ich mich ans Schreiben begebe: Es geschieht. Die Geschichte basiert ja auf einem japanischen Schüler von Frank Lloyd Wright, dessen Englisch nicht so gut ist. Deshalb gibt ein entfernter Verwandter von ihm, ein irisch-amerikanischer Autor, diese Memoiren heraus – und kommentiert allerlei in eben diesen Fußnoten. Das heißt, er reagiert auf den Text, und ich habe die Möglichkeiten, ergänzende Informationen einzubringen.

Die aber auch in den Fluss der Erzählung hätten integriert werden können, wenn es beispielsweise um eine schlichte Jahreszahl geht.

BOYLE: Das stimmt. Alle Fußnoten hätte ich integrieren können. Aber ich mag diesen spielerischen Umgang mit einer Geschichte. Dadurch wird eine zweite Ebene in diesen Roman eingezogen. Das gefällt mir.

Wright erlebte 1929 die erste große Weltwirtschaftskrise. Haben Sie bei Ihren Recherchen etwas gelernt, was für unsere aktuelle Weltwirtschaftskrise nützlich sein könnte?

BOYLE: Nein. Allerdings habe ich erkannt, dass seine Aufgabe als Künstler viel schwieriger war als meine. Ich brauche nur einen Computer und eine Steckdose. Das alles gehört mir und niemand will da einziehen. Wright hingegen musste einen Investor überzeugen, seiner architektonischen Vision zu folgen. Und er war ein Kontrollfreak: Berüchtigt ist, dass er die Möbel in den Häusern, die er gebaut hatte, umarrangierte – auch Jahre nachdem dort bereits die Besitzer eingezogen waren. Er entwarf selbst die Möbel und in einigen Fällen sogar die Bekleidung für die Hausfrau. Typisch für ihn war auch, dass er seine Rechnungen nicht bezahlte und dass die Kosten, die er für einen Hausbau angegeben hatte, später um das Dreifache anstiegen. Während der Depression blieben dann die Aufträge aus. Er hielt Vorträge und sammelte Schüler um sich. Das war wie eine Kommune zur Hippie-Zeit. Interessant sind dazu Fotos aus späteren Jahren. Frank Lloyd Wright liebte Picknicks. So sehen wir auf einem Foto die Schüler auf der Decke oder im Gras liegen, während Wright und seine dritte Ehefrau Ogilvanna auf Stühlen sitzen, streng gucken und bedient werden.

Noch einmal zur aktuellen Lage: Macht Sie die Wirtschaftskrise besorgt?

BOYLE: Ja, das tut sie. Ich bin aber ganz generell besorgt um unsere Spezies. Der Grund dafür ist nicht so sehr das ökonomische Verhängnis, sondern das biologische. Wir hatten in meinem Land jetzt über viele Jahre eine Gang, die dieses Land verwüstet hat, wogegen ich immer wieder protestiert habe. Nun haben wir Barack Obama – lasst uns das Beste hoffen. Aber er ist sicher nicht der Erlöser, für den ihn viele halten.

Vor zwei Monaten ist er ins Weiße Haus eingezogen. Wie läuft's denn bisher?

BOYLE: Er hat es gut begonnen. Zu den furchtbaren Dingen, die George W. Bush getan hat, zählen seine Anordnungen zur Anti-Baby-Pille. In dieser Hinsicht ist auch der Papst ein Krimineller. Es ist verrückt, Kondome zu verbieten...

...wie er das gerade wieder in Afrika getan hat...

BOYLE: Ganz genau! Die Vorstellung, so viele Kinder wie nur möglich zu zeugen, stammt aus biblischer Zeit, als die Stämme miteinander Krieg führten. Diese Zeiten sind lange vorbei. Eine Geburtenkontrolle zu untersagen, ist unverantwortlich. Was Obama angeht, so hat er jetzt auch schon einige umweltpolitische Maßnahmen realisiert. George Bush war ja ein Feind der Umwelt. Er hat praktisch jede umweltpolitische Initiative, die er verhindern konnte, auch tatsächlich verhindert.

Werden Sie einmal einen realen Politiker ins Zentrum eines Romans stellen?

BOYLE: Auf keinen Fall. Politiker langweilen mich. Ich befasse mich mit Menschen wie Kellogg, Kinsey oder Wright, weil deren Einfluss auf die Menschen viel größer war und ist als der von Politikern. Das gilt für die anhaltende Bedeutung der Gesundheitsbewegung von Kellogg. Das gilt für Kinsey, der die Menschen ermutigte, über Sex zu reden, über verschiedene Arten von Sex und auch über Homosexualität. Und der Einfluss von Wright findet sich in den einstöckigen, kleinen Ranch-Häusern, von denen es so viele in den USA gibt. Sie alle hatten einen großen kulturellen Einfluss.

Frank Lloyd Wright war ein Pazifist zu Weltkriegszeiten. Wie sehr reizte Sie seine Haltung?

BOYLE: Das ist sehr wichtig für mich gewesen. Wright hat riskiert, mit seinen pazifistischen Reden im Gefängnis zu landen. Auch ermunterte er seine Schüler, gegen den Krieg zu protestieren. Als zwei von ihnen verhaftet wurden, hat er sie im Gefängnis besucht. Einem, glaube ich, hat er auch zur Flucht nach Kanada verholfen.

Teilen Sie einen solchen radikalen Pazifismus?

BOYLE: Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube nicht, dass unsere Spezies mit dieser Position klarkommen würde. Der Starke zerstört den Schwachen – so geht es zu. Die meisten Regierungen in der Weltgeschichte waren doch Gangs. Wir erleben permanent Bandenkriege. Gucken Sie sich die Bush-Bande an, die einfach ein Land überfällt. Gucken Sie sich Afrika an, wo Stamm gegen Stamm kämpft. So war es immer schon. Insofern glaube ich: Der Pazifist wird immer der Verlierer sein. Dass wir hier in Deutschland in einer Demokratie in Frieden sitzen, ist ein Wunder.

Gibt es denn den gerechten Krieg?

BOYLE: Zu meinen Lebzeiten habe ich einen solchen nicht erlebt. Ich habe jedenfalls immer gegen die Kriege protestiert, die unser Land geführt hat. Gegen Vietnam und gegen den Irak. Vielleicht war es etwas anderes mit dem Zweiten Weltkrieg. Hätten die Nazis gewonnen, sähe die Welt ganz anders aus und säßen wir heute wahrscheinlich nicht hier zusammen. Mag sein, dass das ein gerechter Krieg war. Aber andererseits: Kann es gerecht sein, die Zivilbevölkerung zu bombardieren?

Schreiben, sagen Sie, ist eine Sucht für Sie. Ist diese Sucht mit irgendwelchen Gefahren verbunden?

BOYLE: Mir mangelt es nicht an Stoff. Ich begreife die Welt, indem ich über sie schreibe. Ich bin vor allem Schriftsteller und nicht so sehr Lehrer, wenngleich ich auch kreatives Schreiben unterrichte. Ich möchte kein „homme de lettres“ sein wie es John Updike ist, den ich sehr verehre. Ich möchte vor allem Künstler sein. Würde mir das eines Tages genommen, wäre es tragisch. Das ist das Risiko, wenn man sich einer Sache ganz verschreibt. Da denke man an Ernest Hemingway, der am Ende auch wegen seines Alkoholkonsums nicht mehr schreiben konnte und sich umbrachte. Schreiben ist meine Art, das Leben zu deuten. Ich genieße das. Sieben Tage in der Woche.

Wann haben Sie das Schreiben für sich entdeckt?

BOYLE: Sehr spät. Viele meiner Studenten, die bei mir Kurse zum „Creative Writing“ belegen, haben schon früh gewusst, dass sie Schriftsteller werden wollten. Und sie sind brillant. Ich habe das erst spät gemerkt. Ich war ein Kind aus der Arbeiterklasse, das kein festes Ziel im Auge hatte. Ich bin erst einmal durch ziemlich dunkle Jahre gegangen, als ich aufwuchs. Anfangs wollte ich Musiker werden, aber das hat nicht funktioniert. Ich habe mich dann mit Geschichte und mit englischer Literatur befasst. Ich entdeckte den Reiz der amerikanischen Kurzgeschichten. Und dann habe ich einen Kursus zum „Creative Writing“ belegt. Das war, als ich 25 Jahre alt war, und ich merkte, was mir das Schreiben sein könnte. Ich wurde erwachsen, ich hatte ein Ziel. Aber diese Transformation erfolgte nicht automatisch.

Aus dem Elternhaus gab es keinen Hinweis in die künstlerische Richtung? Gab es Bücher im Haus?

BOYLE: Nein. Ich bin der erste aus meiner Familie, der ein College besucht hat. Mein Vater ist in einem Waisenhaus erzogen worden. Meine Mutter wuchs auf ohne Vater und musste ihr Leben lang arbeiten. Das ist die dunkle Seite der Geschichte. Die gute ist, dass es liebende Eltern waren. Sie haben mich Werte wie Güte und Höflichkeit gelehrt, keine Vorurteile zu haben und hart zu arbeiten. Sie waren begeistert, als ich aufs College ging. Leider starben sie, bevor ich wirklich etwas erreicht hatte im Leben.

Die Eltern haben Ihre Bücher nicht mehr wahrgenommen?

BOYLE: Meine Mutter lebte noch, als ich mein erstes Buch veröffentlichte. Ich las ihr damals eine meiner lustigsten Geschichten vor – also eigentlich müsste man sich auf dem Boden werfen vor lachen. Aber sie verzog überhaupt keine Miene. Sie fand die Geschichte nur bewegend. Ich habe ihr dann keine mehr vorgelesen. Grundsätzlich ist sehr schwierig für Eltern und Kinder, einander ihre Kunst anzuerkennen. Das liegt daran, dass die Kunst keine Grenzen kennt, aber dass es im Verhältnis von Eltern und Kindern durchaus solche Grenzen gibt – was Ansichten und Ausdrucksweisen angeht.

Wie wird es weitergehen mit dem Lesen?

BOYLE: Da habe ich meine Sorgen. Ich habe immer Sorgen. In diesem Falle sorge mich nicht so sehr um mich. Wenn ich aus meinen Büchern lese, kommen sehr viele Zuhörer, gerade auch auf dieser Tour mit „Die Frauen“. Ich schreibe auch schon lange und habe jetzt mein 20. Buch veröffentlicht. Aber wie steht es um die jungen Autoren, die jetzt anfangen? Werden Sie eine Chance erhalten, eine lange Karriere zu erleben? Das Buchgeschäft ändert sich vielleicht genauso stark wie sich das Musikgeschäft verändert hat. Die Buchindustrie wird von großen Unternehmen beherrscht. Die sind künftig womöglich nicht mehr so stark interessiert an dem Werk eines einzelnen Autors, das sich aus vielen Titeln zusammensetzt, sondern sie spekulieren auf den einen „Hit“ eines Autors und dann auf den nächsten eines anderen Autors.

Werden Sie eines Tages bei „google books“ ihre Bücher veröffentlichen?

BOYLE: Ich weiß es nicht. Ich habe gültige Verträge. Aber was das Internet angeht: Das Gute ist, dass es demokratisch ist. Das Schlechte: Wenn jeder seine Texte veröffentlichen kann, wird es schwierig sein herauszufinden, was wirklich von Wert ist. Es gibt sehr viele Menschen, die gerne Künstler wären. Bedauerlicherweise ist es so, dass nicht alle unter ihnen das Talent und die Disziplin haben. Da bedarf es eines kritischen Filters.

In der Musikindustrie, die unter der Piraterie leidet, wird es für die Bands immer wichtiger, auf Tour zu gehen, weil damit noch Geld verdient wird. Ist das eine Perspektive für die Schriftsteller?

BOYLE: Ich glaube nicht. Ich bin da eine Ausnahme, weil ich eine sehr extrovertierte Person bin. Auch haltre ich nichts davon, Romane mit dem Ziel zu schreiben, sie eines Tages auf der Bühne vorzutragen. Ich glaube, kein Autor ist so berühmt, dass er von seinen Auftritten leben könnte. Hinzu kommt ein Unterschied zwischen Deutschland und den USA: Wenn ich hier auftrete, bekomme ich einen kleines Honorar – in den USA allerdings gar nichts. Trotzdem mache ich das: Ich bin seit fünf Wochen unterwegs, erst in den USA, jetzt hier. Ich möchte einfach, dass mein Roman gekauft wird – auf dass die Welt eine bessere werde.

Das Gespräch führte Martin Oehlen



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