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Archiveinsturz

Skandal um Baugrube der KVB

Von Peter Berger und Matthias Pesch, 20.03.09, 22:49h, aktualisiert 23.03.09, 19:34h

In der Baugrube der Nord-Süd-Stadtbahn am Waidmarkt hat es bereits im September 2008 einen so genannten „hydraulischen Grundbruch“ gegeben. Damals drang Wasser in die Baugrube ein, wie am Freitagabend bekannt wurde.

Grundwasser
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Der Schacht der U-Bahn war nach dem Einsturz des Archivs vom Grundwasser überflutet. (Bild: Hennes)
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Der Schacht der U-Bahn war nach dem Einsturz des Archivs vom Grundwasser überflutet. (Bild: Hennes)
KÖLN - Der Einsturz des Stadtarchivs in der Severinstraße, bei dem am 3. März zwei Menschen ums Leben kamen, hat eine dramatische Vorgeschichte. Wie am Freitagabend bekannt wurde, hat es in der Baugrube zur Nord-Süd-Stadtbahn am Waidmarkt bereits im September 2008 einen so genannten „hydraulischen Grundbruch“ gegeben. Damals sei Wasser in die Baugrube eingedrungen, auch bei den Schlitzwänden sei es zu „Wasserdurchlässigkeiten“ gekommen. Experten vermuten, dass der Archiveinsturz am 3. März auf einen hydraulischen Grundbruch zurückzuführen ist.

Im September 2008 habe es auch erhebliche Probleme mit der Wasserhaltung gegeben. Durch den hydraulischen Grundbruch, heißt es in einem Protokoll, das am 17. Februar bei einer Baubesprechung am Waidmarkt aufgenommen wurde, würden sich die Arbeiten um vier bis sechs Wochen verzögern.

An dieser Besprechung haben die Kölner Verkehrs-Betriebe, die beteiligten Baufirmen und der Stadt Köln teilgenommen. Insgesamt waren fünf Mitarbeiter der KVB, drei Angestellte der Arbeitsgemeinschaft Los Süd und ein Mitarbeiter des Katasteramts der Stadt Köln sowie weitere Fachleute beteiligt. „Durch zwei Schlitzwandfugen im Block zwei dringen weiterhin größere Mengen Wasser in die Baugrube“, heißt es in dem Protokoll wörtlich. „Nach Aussage der Arge kam es zu keiner Zeit zu Ausspülungen an den undichten Schlitzwänden.“ Nach Ansicht der Arge Süd „wird aufgrund des hydraulischen Grundbruchs im September ein erneuter Verzug von voraussichtlich vier bis sechs Wochen eintreten.“

Die Information über den Wassereinbruch am Waidmarkt hat Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans am Freitagmorgen um 7.55 Uhr auf Anforderung von einem Mitarbeiter der Vermessungs- und Katasterabteilung des Liegenschaftsamts erhalten, das zu seinem Dezernat gehört. Daraufhin hat Oberbürgermeister Fritz Schramma den in dieser Woche eingerichteten Koordinierungsstab zum „Unglück Waidmarkt“ einberufen.

In dieser Besprechung stellte sich dann heraus, dass die KVB und Baudezernent Bernd Streitberger bereits seit dem 12. März über die Vorgänge informiert waren. Streitberger soll nach den Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf „Arbeitsebene“ an die Unterlagen gelangt sein. Die Vermessungs- und Katasterabteilung der Stadt Köln gehört gar nicht zu seinem Dezernatsbereich. Warum die Verkehrs-Betriebe und das Baudezernat diese Unterlagen der Öffentlichkeit acht Tage vorenthielten, blieb unklar.

Lange Vorgeschichte

Die Vorgeschichte des neuerlichen Skandals um den Bau der Nord-Süd-Stadtbahn beginnt lange vor der Katastrophe. Nach Informationen des Wirtschaftsdezernenten hat die KVB, nachdem ihr im Januar 2002 der Bau der U-Bahn von der Stadt Köln übertragen wurde, dem Katasteramt der Stadt Köln den Auftrag erteilt, an den Gebäuden entlang der vier Kilometer langen Trasse so genannte Nullmessungen durchzuführen und rund 3000 Messpunkte festzulegen. „Diese Nullmessungen waren der Ausgangspunkt für die späteren Kontrollen, die die KVB mit privaten Vermessern durchführen wollte“, sagt Walter-Borjans. Die KVB habe die Stadt damit beauftragt, regelmäßig Stichproben durchzuführen, ob die entsprechenden Messungen auch vorgenommen worden seien.

Am 3. Februar 2009, also einen Monat vor der Katastrophe, sei einem städtischen Mitarbeiter bei der gemeinsamen Baubesprechung aufgefallen, dass „die Privaten trotz mehrfacher Aufforderung die Ergebnisse ihrer Messungen am Historischen Archiv nicht geliefert haben“. Der Mann habe deshalb zwei Tage später eigene Messungen am Gebäude durchgeführt und diese der KVB mitgeteilt. Dort habe man ihn wiederum darüber informiert, dass zwischenzeitlich, also am 4. Februar, auch die von der KVB beauftragten Vermesser aktiv geworden seien. Der Beamte der Stadtverwaltung habe die Ergebnisse der beiden Messungen vom 3. und 4. Februar miteinander verglichen und festgestellt: Das Historische Archiv ist in den 24 Stunden zwischen dem 4. und 5. Februar um sieben Millimeter gesackt. Die Messungen ergaben: Die Vorderseite des Gebäude war seit der Nullmessung vor Beginn des U-Bahnbaus um 20 Millimeter in die Erde gesackt, die Rückseite um 17 Millimeter.

Diese Daten, die seit dem 3. Februar zur Verfügung standen, finden sich auch in den Protokollen der Baustellenbesprechungen vom 17. Februar und 3. März wieder. Das bedeutet, dass es sogar am Tag des Einsturzes vormittags noch eine Baustellenbesprechung gegeben hat. Er könne nicht sagen, ob der Mitarbeiter des Katasteramts neben der KVB auch seinen Amtsleiter über die Ergebnisse informiert habe. „Fakt ist, dass ich erst am Freitagmorgen davon erfahren habe“, so Wirtschaftsdezernent Walter-Borjans.

KVB soll Auswertung vorlegen

Der Koordinierungsstab hat die KVB noch am Freitag aufgefordert, „sämtliche Protokolle der Besprechungen im Zusammenhang mit der Nord-Süd-Stadtbahn von einem unabhängigen Experten prüfen zu lassen“. Diese Auswertung soll die KVB bis zum kommenden Montag vorlegen. Das Verkehrsunternehmen muss darüber hinaus erklären, welche Maßnahmen es nach dem hydraulischen Grundbruch vom September 2008 ergriffen hat, um zukünftige Schäden abzuwenden.

Fragen bleiben: Seit wann wusste der für den U-Bahn-Bau zuständige Technik-Vorstand Walter Reinarz von den brisanten Protokollen, deren erstes vom 3. Februar 2009 datiert? Warum haben die KVB-Vorstände Jürgen Fenske und Walter Reinarz diese brisanten Informationen über den Wassereinbruch am Waidmarkt, die ihnen spätestens seit dem 12. März vorlagen, bis Freitag der Öffentlichkeit vorenthalten? Warum hat Baudezernent Bernd Streitberger, der ebenfalls spätestens am 12. März über die Vorgänge informiert war, diese offenbar nicht an den Krisenstab weitergeleitet? SPD-Fraktionschef Martin Börschel forderte am Freitagabend den Rücktritt des Baudezernenten und den Technik-Vorstands der KVB: „Es wäre besser, wenn Herr Reinarz und Herr Streitberger den weiteren Aufklärungen des Sachverhalts nicht mehr im Wege stehen.“

KVB-Vorstand Jürgen Fenske hat dem Oberbürgermeister am Freitag noch einmal versichert, „dass nach Ansicht der KVB und der Arge sowie der tätigen Gutachter von keinem der Bauwerke derzeit eine Gefahr ausgeht.“ Fenske betonte, die KVB arbeite mit Nachdruck an einem „Beschleunigungs- und Sicherheitskonzept“, um bei den Bauwerken an der U-Bahn „zusätzliche Sicherheit“ zu schaffen.



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