Von F. A. Heinen, 24.03.09, 22:14h, aktualisiert 16.04.09, 10:03h
Im Regierungsbunker in Urft scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, ganz so, als habe es weder den Zerfall des Warschauer Paktes noch die deutsche Einheit gegeben. Die komplette Inneneinrichtung ist im Original-Einsatzzustand erhalten, vom WDR-Sendestudio bis zum vollständig eingerichteten Fernschreib-Raum, vom Putzmittelschrank bis zum Gasmaskenlager. Selbst das Bett des Ministerpräsidenten steht noch an seinem Platz.
Bislang war das Monument des Kalten Krieges nicht öffentlich zugänglich. Der Privatmann Claus Röhling kaufte die gesamte Anlage 1997 dem Land einschließlich eines daneben stehenden Wohngebäudes ab. Das Haus bezahlte er, den Bunker bekam er dazu geschenkt. Inzwischen bemüht sich Röhling, regelmäßige Führungen durch das Beton-Monstrum anzubieten. Ein erster Testlauf startet mit je einer Führung an den kommenden Wochenenden mit einem Kompaktprogramm in Verbindung mit der Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Ahrweiler-Marienthal. Zunächst wird die Dokumentation zum Bunker der Bundesregierung besichtigt, dann geht es per Bus zum Landes-Bunker nach Urft mit nachfolgender Ortsbesichtigung. Das Testangebot war für 150 Teilnehmer gedacht, insgesamt drei volle Reisebusse. Nach einer ersten Presse-Ankündigung gab es bereits tausend Anmeldungen.
Claus Röhling will nun testen, wie sich die Besuchergruppen auf das Bunkerklima auswirken. Der Test soll zeigen, ob der Einbau von Luftentfeuchtern erforderlich ist, um das Innenleben des Betonbrockens dauerhaft zu erhalten. Wenn solche Probleme geklärt sind, beabsichtigt der Eigentümer, den Bunker jeden Sonntag für ein bis zwei Führungen zu öffnen.
Röhlings Führung ist spannend inszeniert. Er simuliert den Weg der Landesregierung vom Alarm nach den ersten Atombombenexplosionen im Ruhrgebiet zu den Ausweich-Arbeitsplätzen im Bunker. Da die komplette Einrichtung - mit Ausnahme einiger Betten und Spinde in den Massenunterkünften - noch vorhanden ist, lassen sich die einzelnen Arbeitsbereiche ohne weiteres anschaulich ablesen. Hier der Führungsstab, nebenan der Fernmeldebereich, wo die Katastrophenmeldungen am laufenden Band eintreffen, dort die Abteilung Verkehr, die versucht, Millionen nach Westen flüchtender Menschen irgendwie über den Rhein zu bringen. Wer weiß schon noch, dass an der Rheinschiene sieben Notbrücken in Tausenden Einzelteilen montagefertig eingelagert sind? Andere Abteilungen kümmern sich um die Versorgung der panischen und verletzten Menschen in den Flüchtlingsströmen.
Man stolpert von einer haarsträubenden Skurrilität zur nächsten. Da liegen noch die Formblätter für die bürokratische Bearbeitung des atomaren Untergangs, daneben eine große Deutschlandkarte - in der das ehemalige Ostpreußen noch farbig hervorgehoben war, ganz so, als seien die Grenzverschiebungen beim Ende des Zweiten Weltkriegs noch veränderbar erschienen. Seltsam auch die immer noch auf Magnetband im WDR-Sendestudio gespeicherte Musik. Es ist Edith Piafs Bilanz „Je ne regrette rien“. Mit ihrem entschiedenen „Ich bereue nichts“ sollte den Menschen im Atomkriegs-Chaos Mut gemacht werden.
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