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Gefängnis

Mit Boxhandschuhen ruhig gestellt

Von Johannes Schmitz, 26.03.09, 21:19h, aktualisiert 26.03.09, 21:19h

Die JVA Siegburg hat es vor allem durch den brutalen Foltermord in die Schlagzeilen gebracht. Jetzt will man dort jugendliche Gewalttäter mit Kampfsport resozialisieren. Manche Häftlinge besitzen inzwischen sogar selbst die Schlüssel zu ihren Zellen.

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Boxer Jerry Elliott (Mitte) zeigt den Insassen, wie man Kampfsport seine Aggressionen kontrollieren kann. (Bild: Schmitz)
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Boxer Jerry Elliott (Mitte) zeigt den Insassen, wie man Kampfsport seine Aggressionen kontrollieren kann. (Bild: Schmitz)
Siegburg - In der „Handschuhgruppe“ haben die Häftlinge selbst die Schlüssel zu ihren Zellen. Aber zuvor wird „ausgepowert“.

Siegburg - Knackis, die den Schlüssel zu ihrer eigenen Zelle haben - wo gibt es denn so etwas? Im Siegburger Jugendgefängnis, das durch den so genannten Foltermord zu nachhaltiger Bekanntheit gelangt ist, können 13 junge Männer ihre Zelle selbst auf- und abschließen. Sie gehören zur Wohngruppe sechs, einem Modellprojekt des Vollzugs, das junge Straftäter resozialisieren soll. Was das heißt, erklärt Bobby (18) so: „Die Stärke sitzt im Herz, nicht in der Faust.“

Zu dieser Erkenntnis hat ihm unter anderem die Sozialarbeiterin Hildegund Schloßmacher verholfen. Sie arbeitet mit den jungen Männern, die „draußen“ gerade einen Schulabschluss oder eine Lehre machen würden, wenn nicht einiges schief gelaufen wäre in ihrem Leben. Früher brauchte Bobby nur jemand schief anzusehen und er schlug zu. Jetzt hat er kapiert, dass er mit Worten, statt mit Fäusten reagieren muss, wenn er sich blöd angemacht fühlt. Ob das auch außerhalb der hohen Mauern klappt, wird er schon in einigen Monaten zeigen können, wenn er die JVA verlässt.

Die Wohngemeinschaft hinter Gittern trägt den Beinamen „Handschuhgruppe“. Damit sind keine Handschuhe aus Samt, sondern solche zum Boxen gemeint. Schloßmacher erklärt das so: „Nichts geht ohne die Abschwächung durch den Boxhandschuh.“ Das gut gepolsterte Sportgerät ist ein Symbol für eine andere Herangehensweise an das Leben und seine Konfliktsituationen. Aber nicht nur: Er wird auch ganz praktisch eingesetzt. Jede Woche kommt ein erfahrener Boxer in den Knast und trainiert mit den 13 jungen Männern. Viele von ihnen stammen aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte. Seit September des vergangenen Jahres gibt es diese Wohngruppe, die mit Sport und Sozialtraining versucht, die jungen Leute von der Gewalt fern zu halten.

Wenn man Ruth Welten glauben darf, der stellvertretenden Anstaltsleiterin, gelingt das: „Wer schlägt, fliegt raus.“ Und das habe bisher alle davon abgehalten, Argumente mit den Fäusten auszutauschen. Die 13 Männer mussten sich mit Lebenslauf um einen Platz in der Gruppe bewerben. Die Vorzüge liegen auf der Hand: Statt nur einer Stunde am Tag Freizeit sind die Zellen am Nachmittag und frühen Abend für gut vier Stunden offen. Frühstück und Abendessen werden gemeinsam an einem großen Tisch im Flur eingenommen.

Freiheit bis zur Flurtür

Doch auch wenn die Bewohner von Gruppe sechs den Schlüssel zu ihrer Zelle haben: Spätestens an der Flurtüre endet ihre Freiheit. Deren Schlüssel haben sie natürlich nicht.

Ruth Welten ist zufrieden mit dem Modellprojekt. Das Verständnis für andere Kulturen sei bei den Gefangenen stark gewachsen. Diesen Eindruck sieht sie auch bestätigt, als Jerry Elliott für einen Workshop in die JVA kommt. Der gebürtige Nigerianer kam als Flüchtling nach Deutschland und hat hier eine Profi-Boxlaufbahn hingelegt, die aber durch die Diagnose eines Herzfehlers beendet wurde. Jetzt hat er in Köln eine Boxschule aufgemacht, mit der er vor allem Migrantenkinder fördern will. Mit seinem Trainerteam gibt er ein Gastspiel für die Mitglieder von Wohngruppe sechs und einige andere Knackis. Die sind durch ihren eigenen Boxtrainer zwar schon einiges gewöhnt, doch Jerry und sein Team haben ein hartes Programm auf Lager: „Wir wollen die auspowern“.

Und das schaffen die Boxtrainer. Am Ende sind die jungen Männer ziemlich fertig. Doch nicht nur sie. Auch die Vollzugsbeamten, die in ihrer Gruppe Dienst tun, haben sich der körperlichen Herausforderung gestellt. Darin liegt für Ruth Welten eine weitere Stärke des Projektes: Die Gefangenen haben feste Bezugspersonen unter den Wärtern. Jerry Elliott hat aber nicht nur ein hartes Training für die Männer hinter den Mauern mitgebracht, sondern auch einen Song, der Mut machen soll: „Wenn du am Boden liegst, mein Freund, steh wieder auf.“ Aufstehen ohne danach zuzuschlagen: Wenn ihnen das später auch außerhalb des Siegburger Jugendknastes gelingt, haben die jungen Männer der Handschuhgruppe viel erreicht.



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