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Journalismus

Der Biss des Gewissens

Von Rüdiger Heimlich, 26.03.09, 22:16h

In Zeiten der Krise müssen sich gerade Wirtschaftsjournalisten fragen, ob sie versagt haben. Es besteht Professionalisierungsbedarf auf allen Ebenen, aber auch die Geschädigten müssen sich íhr Zocker-Verhalten eingestehen.

Journalist in der Krise
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Wenn es zu spät ist, werden immer die gleichen Fragen gestellt: Hätte man die krise nicht viel früher erkennen müssen? Warum haben die Frühwarnsysteme - auch des Journalismus - versagt? (Bild: dpa)
Journalist in der Krise
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Wenn es zu spät ist, werden immer die gleichen Fragen gestellt: Hätte man die krise nicht viel früher erkennen müssen? Warum haben die Frühwarnsysteme - auch des Journalismus - versagt? (Bild: dpa)
Hinterher, spricht der Weise, ist man immer klüger. Aber, ruft das Kind aus der Tiefe des Brunnens, hätte man nicht doch schon früher und lauter vor der Fallhöhe und der Kälte des Wassers warnen können? - Je gravierender Ausmaß und Schaden der Finanzkrise erkennbar wird, desto peinlicher die Frage nach den Verantwortlichen: Hat nicht auch der Journalismus versagt?

Ja, sagt der Hamburger Medienwissenschaftler Siefried Weischenberg, „auf ganzer Linie“. „Der Journalismus, speziell der Wirtschaftsjournalismus, ist als Frühwarnsystem weitestgehend ausgefallen“, diagnostizierte Weischenberg im vergangenen Dezember. Gewiss, da gebe es ein paar Ausnahmen, aber welche Gefahren drohen, „wurde nicht hinreichend thematisiert.“ Nun würden die „Wendehälse“, die sich gestern noch als Hardcore-Neoliberale gerierten - nach dem Motto „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ - plötzlich nach einem starken Staat, nach Regulierung und Aufsicht rufen. „Das ist unter Gesichtspunkten der Glaubwürdigkeit für den Wirtschaftsjournalismus ein Desaster.“

Ähnlich bittere Erklärungen waren auch am Mittwoch auf dem Kölner „Tag des Wirtschaftsjournalismus“ zu hören. Das erste „mea culpa“ kam von Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratsvorsitzer der Commerzbank: „Ja, wir haben mit hoher Naivität darauf vertraut, dass die Märkte ordentlich geführt werden“, erklärte der scheidende Präsident des Bundesverbandes deutscher Privatbanken. „Wir haben mit hoher Naivität den Ratingagenturen vertraut“, die „unvorstellbar versagt“ hätten. Was die Krise lehre? Höhere Eigenkapitalausstattung der Banken, eine am nachhaltigen Erfolg orientierte Vergütung der Anlageberater, eine bessere Risikobeurteilung der angebotenen Finanzprodukte, die transparenter und einfacher werden müssten. „Ich bin ausgesprochen unzufrieden mit der Arbeit der Aufsichtsräte“. Den Medien hingegen machte Müller ein „Kompliment“: „Sie haben ihre Sache alles in allem gut gemacht und keine Panik herbeigeschrieben und die Leute nicht an die Bankschalter getrieben“. Ein zweischneidiges Kompliment befand da eine Journalistin: „Viele unserer Zuschauer wären uns dankbar gewesen, wenn wir ihnen früher geraten hätten, ein Papier zu verkaufen“.

Merkwürdig. Der Philosoph Peter Sloterdijk, gewiss kein Finanz-Insider, erklärte jüngst im Fernsehen, dass es „schon immer leicht gewesen ist“, den Einsturz des Kartenhauses zu prognostizieren. Wie konnte der ökonomische Laie erkennen, wofür die Spezialisten angeblich blind waren? „Die Handelnden der Finanzmärkte sind völlig außerhalb der Hörweite des analytischen Intelligenz“, sagt der Philosoph - im „Weltinnenraum des Kapitalismus“ fehlt ihnen die distanzierte Außenperspektive.

Die distanzierte Außenperspektive - die klagen Wirtschaftsjournalisten durchaus selbst ein. Im Juni 2007 beschäftigte sich das „Netzwerk Recherche“ mit dem „Kritischen Wirtschaftsjournalismus“. Da erklärte Klaus Schweinsberg, damals Chefredakteur von „Capital“: „Es fehlt an zweierlei: Abstand und Anspruch. Gerade bei nutzwertigen Finanzgeschichten findet man Beiträge, die wirken, als wären sie in der PR-Abteilung einer Bank geschrieben.“ Volker Wolff, Mainzer Journalistik-Professor:

„Es fällt aber auf, dass die Distanzlosigkeit vieler Wirtschaftsjournalisten, die wir aus der Hochzeit des Neuen Marktes kennen, weiterlebt.“ Ursula Schwarzer, Autorin des „Manager Magazin“: „Viele Wirtschaftsredaktionen sind zu schwach besetzt. Daher bleibt den meisten Journalisten zu wenig Zeit zum recherchieren. Die Folge: Sie heben PR-Mitteilungen ungeprüft ins Blatt oder sind bei Bilanzpressekonferenzen so schlecht vorbereitet, dass sie kaum kritische Fragen stellen können.“ Andreas Nölting, Chefredakteur Manager-Magazin online: „Etlichen Wirtschaftsjournalisten fehlen die Kenntnisse, um fundierte und souveräne Urteile zu den Facetten des Turbo- Kapitalismus abgeben zu können.“

Einer, der für fundierte Urteile steht, ist Greg Ip, Finanzjournalist des US-Magazin „Economist“. Er lehnte am Mittwoch den Vorwurf des Versagens ab und dokumentierte mit Artikeln, dass Finanzjournalisten seit 2001 regelmäßig vor dem Platzen der Immobilienblase und den Folgen für den Finanzmarkt gewarnt hätten. „Aber wenn sie etwas zu oft sagen, hört niemand irgendwann niemand mehr hin“. Dazu räumte er die News-Fixiertheit des „Pack-Journalismus“ ein: Im täglichen Meldungsbetrieb seien übergeordneten makro-ökonomische Fragen verloren gegangen. Aber auch Ip sieht dringenden Professionalisierungsbedarf: „Statt sich auf Experten zu verlassen, müssen wir selbst Experten werden“.

„Wir haben uns alle vergaloppiert“, gestand Werner Zedler, Chefredakteur des Verbrauchermagazins „Guter Rat“ freimütig für die Branche ein. Es sei ein Geburtsfehler der Anlegermagazine: Einerseits bedienen sie den Wunsch vieler, innerhalb kurzer Zeit Vermögen zu bilden, andererseits hätte man klar schreiben müssen, dass dies seriös nicht möglich ist. Nein, wehrte Thomas Hütsch vom Wirtschaftsressort des Hessischen Rundfunks ab. „Der Nutzwertjournalismus hat nicht versagt. Wir können nicht in die Strukturen schauen. Wir sind an die makroökonomischen Themen nicht rangekommen“. - „Wir haben zu spät nachgefragt, das Kleingedruckte nicht gelesen“, erwiderte Zedler. „So leicht kommen wir aus der Nummer nicht raus. Wir haben ein schlechtes Gewissen“.

Aber sind nicht auch die Geschädigten schuld? „Die erwarteten Anlageempfehlungen und Geheimtipps. Hop oder Top“, war da zu hören. „Die Leute wollen sich mit der schwierigen Materie nicht auseinandersetzen“, so „Guter Rat“-Chef Werner Zedler. „Die Angst vor Verlust war kleiner als die Hoffnung auf Gewinn“, beschrieb „Zeit“-Journalistin Kerstin Kohlenberg das Unbehagen am eigenen Zocker-Verhalten. „Es war die Angst, das Spiel zu früh zu verlassen“ - bekennt das Kind tief im Brunnen.



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