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Rechte Szene

Eine gefährliche Kameradschaft

Von Detlef Schmalenberg, 06.02.09, 23:36h, aktualisiert 07.02.09, 10:40h

Die rechte Szene wandelt sich: Klassische Skinhead-Optik wird immer mehr zur Ausnahme; die jungen Neonazis geben sich modern und werden zunehmend gewaltbereit. Der Kölner Martin Thein hat für seine Dissertation mit Rechtsextremisten gesprochen.

Autonome Nationalisten
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Die Autonomen Nationalisten haben Kleidung und Auftreten bei den politischen Gegnern der linken Szene abgeschaut. (Bild: Laif)
Autonome Nationalisten
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Die Autonomen Nationalisten haben Kleidung und Auftreten bei den politischen Gegnern der linken Szene abgeschaut. (Bild: Laif)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Thein, für Ihre Dissertation haben Sie sich stundenlang mit führenden Vertretern der deutschen Neonazi-Szene unterhalten. Mit 34 Menschen, die zumeist in einer kriminellen Schattenwelt aus Hitler-Verehrung und Germanenkult leben. Wie fühlte sich das an, mit diesen Leuten zu sprechen?

MARTIN THEIN: Das war anfangs beklemmend, da hatte ich schon einen kleinen Kloß im Hals. Ich fühlte mich wie in eine andere Welt versetzt. War sogar etwas ängstlich und verunsichert angesichts der zahlreichen Vorstrafen, die einige Gesprächspartner vorzuweisen hatten. Schließlich fanden mehrere Gespräche auch an den teilweise geheimen Treffpunkten der Neonazis statt. Ich habe mit 16-jährigen Jungaktivisten genauso gesprochen wie mit 55-jährigen Altkadern, war in 14 von 16 Bundesländern. Eineinhalb Jahre hat die Recherche gedauert.

Wie kamen die Kontakte zu den Gesprächspartnern denn zustande?

THEIN: Monatelang habe ich keinen Zugang gefunden. Von etwa 100 Mails an rechtsextremistische Gruppen kamen nur zwei zurück, und dies waren dann Absagen. Schließlich habe ich einen Telefonkontakt zu Thomas Brehl bekommen. Einem bundesweit bekannten Rechtsextremisten, der in den 1980er Jahren als engster Weggefährte des mittlerweile verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen galt. Brehl konnte ich dann für ein Gespräch gewinnen. Er hat mich in der Szene weiterempfohlen. Dann ging das Schneeballsystem los, und ich bekam immer mehr Interviewpartner.

Warum haben die Rechtsextremisten überhaupt mit Ihnen geredet?

THEIN: Sicherlich spielte eine gewisse Profilierungssucht eine Rolle. In erster Linie haben sie aber versucht, mich zu instrumentalisieren. Haben vielleicht gehofft, ich würde ihre Weltanschauung ungefiltert publizieren. Aber natürlich habe ich alle Originalzitate kritisch kommentiert und hinterfragt und sie im Zweifel mit Angaben von Aussteigern aus der Szene verglichen. Anhand von weiteren Quellen habe ich dann bei Bedarf geprüft, ob ihre Angaben mit ihrem Tun übereinstimmen. Ich wollte die Szene aus sich selbst heraus erklären. Meine Frage war: Warum gibt es heute viermal so viele Neonazis wie noch in den 1970er Jahren? Ist der Grund dafür ein organisatorisch-, ideologisch- oder strategisch-taktischer Wandel? Wie sehen diese Veränderungen aus?

Der moderne Neonazismus ist nach Ihrer Untersuchung weitaus komplexer, facettenreicher und heterogener, als gemeinhin angenommen wird. Zusammenfassend sprechen Sie von zwei unterschiedlichen Typen, die sich stark voneinander unterscheiden: Dem traditionellen Neonazi sowie dem Neonazi neuen Typs. Was ist darunter zu verstehen?

THEIN: Der traditionelle, zumeist westdeutsche Neonazi ist jemand, dessen ideologische, organisatorische und strategische Ausrichtung sich seit den 1970er und 1980er Jahren bis heute nur unwesentlich verändert hat. Er hat keinerlei Bezug zur örtlichen Jugendszene. War meist schon überzeugter Neonazi, bevor er Mitglied in einer der vielen kleinen Splittergruppen wie der FAP, der Nationalistischen Front oder der Wiking Jugend wurde. Als gesellschaftlicher Außenseiter lebt er in einer bewusst in Kauf genommenen Abschottung und Isolation zur Umwelt. Er ist oftmals Einzelgänger und Einzelkämpfer mit kaum oder gar keiner lokalen Unterstützung, der sich dann etwa alle zwei Monate mit bundesweiten Gesinnungsgenossen bei Anlässen wie beispielsweise einer Sonnenwendfeier oder Kundgebungen trifft. Anstatt zu versuchen, sich in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, sehen die Altnazis sich eher als Rebellen.

Was ist der Unterschied zum Neonazi neuen Typs?

THEIN: Der neue Typus, speziell ein Phänomen in den neuen Bundesländern, ist jung und anfangs relativ unpolitisch. Regional begrenzte örtliche Cliquen, die nicht ausschließlich neonazistisch durchdrungen sein müssen. Man kennt sich, ist schon befreundet, bevor man zum politischen Weggefährten wird. Oft findet man auch durch die Musik zueinander. Beispielsweise über die Hate-Core-, Metall-oder Dark-Wave-Szene. Es gibt mittlerweile sogar eine Nazi-Hip-Hop-Szene. Und dann wird langsam versucht, die Jugendlichen zu indoktrinieren. Wenn dies gelingt, treten die Neumitglieder offiziell in eine Kameradschaft ein.

Was ist eine Kameradschaft?

THEIN: Ein Zusammenschluss von in der Regel 20 bis 40 Neonazis, die primär vor Ort versuchen, Einfluss zu nehmen. Sie weisen auf tatsächlich vorhandene kommunale Missstände hin, fordern beispielsweise, dass eine Jugendzentrum renoviert werden soll. Oder demonstrieren gegen Entlassungen wie bei Opel in Eisenach. Während der Klassiker stagniert, finden die neuen Neonazis immer mehr Zulauf. Beispielsweise haben die Kameradschaften in Thüringen schon mehr Mitglieder als die früher bundesweit agierende FAP.

Weshalb ist dies vor allem ein ostdeutsches Phänomen?

THEIN: Insbesondere die kleinstädtischen Milieus, wo jeder jeden kennt, sind da förderlich. Die Heimatverbundenheit ist etwas größer als im Westen. Die sozialen Probleme wie Arbeitslosigkeit oder fehlende Jugendarbeit sind ausgeprägter. Und im Osten gibt es im Gegensatz zum Westen auch keine funktionierende linke Antifa. Da wird die Jugendszene vielerorts von Rechtsextremisten dominiert. Seit Anfang 2000 gelingt es auch zunehmend, den in den 1990er Jahren noch prägenden Einfluss der Skinheads zurückzudrängen. Die Skins, obwohl es laut Verfassungsschutz noch etwa 10000 gibt, sind ein Auslaufmodell. Der moderne Neonazi distanziert sich mittlerweile von dem relativ einfältigen Gegröle und den Sauforgien dieser Subkultur, hält sie für einfältige Dumpfbacken. Der Wandel im optischen Erscheinungsbild, weg von der Glatze mit Bomberjacke und hin zum Normalo mit bürgerlichem Auftreten, ist Ausdruck dieser Entwicklung. Die rechtsextremistische Lifestyle-Ästhetik wird dann noch geprägt durch spezielle Modemarken wie Thor Steinar oder Lonsdale.

Wie gelingt es den Kameradschaften, neue Mitglieder zu werben? THEIN: Die sozialen Fragen werden als Vehikel genutzt, um Anhänger zu gewinnen. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass die Interessenten zumindest anfänglich oft einen sehr niedrigen Politisierungsgrad haben. Man gibt sich als Globalisierungsgegner und Kapitalismuskritiker, hat die USA als Feindbild ausgerufen oder protestiert gegen die Hartz-IV-Gesetze. Gelegentlich wurden große Demonstrationen zum Sozialabbau oder zur Arbeitsmarktpolitik im Osten schon durch Neonazis angeführt, ohne dass die eigentlichen Veranstalter das wussten.

Und die klassischen Nazis treffen sich immer noch beim Rudolf-Heß-Gedächtnismarsch?

THEIN: Ja, viele von ihnen. Die neuen Rechtsextremisten lassen sich schon lange nicht mehr von ihren westdeutschen Gesinnungsgenossen bevormunden, halten bundesweit wirkende Kundgebungen wie den Heß-Marsch sogar für kontraproduktiv, weil diese einfach nur rückwärtig auf die Geschichte der NS-Diktatur gerichtet sind.

Aber Kameradschaften gibt es in den alten Bundesländern doch auch. THEIN: Ja, es gibt zwar auch im Westen einige Kameradschaften, die sind aber bei weitem nicht so präsent und aktiv wie im Osten.

Was spielen die Autonomen Nationalisten in diesem Zusammenhang für eine Rolle?

THEIN: Das ist eine relativ neue Erscheinungsform neonazistischer Aktionen: jugendliche Tarnkappen-Nazis, die die Kleidung der Linken tragen und deren Symbole kopieren. In einem so genannten schwarzen Block sorgen sie zunehmend für Gewalttätigkeiten bei Demonstrationen. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine eigene und damit zusätzliche Gruppierung. Meist sind dies Mitglieder bestehender Kameradschaften, die noch zusätzliche Aktionen starten wollen. Beispielsweise nachts Plakate kleben oder rechtsextreme Parolen an die Wände sprühen. Oder schwarz vermummt Videos drehen, die dann unter anderem auf der Internet-Plattform Youtube veröffentlicht werden. Es geht um Action, Freizeit, Spaß. Um eine Art rechtsextremer Erlebniskultur. Mit ihrer Weltanschauung und den Agitationsformen sind junge Neonazis zumindest in Ostdeutschland schon zu Trendsettern innerhalb der Jugendszene geworden. Da ist es hip, in diesen Kreisen zu verkehren.



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