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Leben im Gefängnis

Nie mehr in Freiheit

Von Stefan Scheytt, 02.03.09, 11:42h

In den USA sitzen rund 20.000 Menschen lebenslänglich hinter Gittern für taten, die sie als Kinder und Jugendliche begangen haben. Für mindestens ein Viertel von ihnen bedeutet das Urteil, dass sie im Gefängnis sterben werden. Eine Reportage.

Gefängnis Handschellen
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Zehntausend Insassen sitzen in den USA seit Teenagertagen im Gefängnis. (Bild: Jupiter)
Gefängnis Handschellen
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Zehntausend Insassen sitzen in den USA seit Teenagertagen im Gefängnis. (Bild: Jupiter)
Sie ist 1,54 Meter klein und 44 Kilo leicht, sie hat Porzellanhaut und Sommersprossen. In ihre braunen Augen schießen ständig Tränen, und ihr Händedruck sagt „mich gibt es nicht“. Courtney Schulhoff ist ein kleines Häuflein Elend. Sie ist jetzt 21 und lebt seit fünf Jahren hinter Mauern und Stacheldrahtzaun. Alles spricht dafür, dass sie das Gefängnis im Sarg verlassen wird als alte, verbitterte, als ungelebte Frau mit einer Geschichte, wie sie nur in den USA möglich ist.

An einem Abend im Februar 2004, sie ist gerade 16 geworden, wartet Courtney Schulhoff mit ihrem Hund vor einem Haus in Altamonte Springs, Florida, während drinnen ihr 20-jähriger Freund ihren schlafenden Vater mit dem Baseballschläger erschlägt. Man kann nicht verstehen, warum das junge Paar glaubt, damit ein Problem aus der Welt zu schaffen. Es ist seit Jahren beständig gewachsen, seit Courtneys Familie zu zerbrechen begann.

Depression und Auflehnung

Ihre Eltern sind Mormonen, die seltsame Regeln hochhalten - kein Kaffee, kein Alkohol, kein Sex ohne Trauschein - aber gegen alle Regeln verstoßen sie selbst. Courtney, der Teenager, reagiert mit Depressionen und Auflehnung, sie raucht, trinkt, zieht sich schwarz an, erzählt vom Sex mit ihrem Freund. „Meine Mutter steckte mich in eine Benimmschule. Sie wollte nicht, dass ich mit einem Null-Bock-Gesicht in die Kirche gehe.“ Ihr tiefgläubiger Stiefbruder bricht mir ihr, weil sie ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe verschenkt habe.

Dann die Affäre der Mutter und ihr Abgang zu dem anderen Mann. Courtney leidet mit ihrem Vater, er ist jetzt ihr letzter Verbündeter in der Familie, aber nach dem ersten Trennungsschmerz macht er plötzlich „Dinge, die ein Vater bei seiner Tochter normalerweise nicht macht.“ Zweimal. „Ich ekelte mich so. Wenn er nach Hause kam, ging ich. Ich konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen.“ Er trinkt, bringt eine Frau nach Hause, die Courtney nicht mag, es gibt nur noch Streit, sie klaut ihm Schecks, um Kleider zu kaufen, er zeigt sie an, ein paar Tage sitzt sie dafür im Gefängnis, einmal brennt das Pärchen mit Vaters Auto durch. Irgendwann glauben sie, es sei besser, er wäre tot.

In Ocala, Florida, im Besucherraum des Lowell-Frauengefängnisses, sitzt Courtney Schulhoff, Insassennummer 154495, verurteilt wie ihr Ex-Freund zu „lebenslänglich ohne Möglichkeit zur vorzeitigen Entlassung“, taubenblaue Gefängnisuniform, Pagenschnitt, Tränen in den Augen. „Vor ein paar Tagen habe ich ein Gedicht geschrieben, wie sehr ich meinen Dad vermisse, es kam einfach so aus mir heraus.“ Sie stockt, schluchzt, schluckt, sagt mit dünnem Stimmchen: „Ich vermisse alles, meinen Dad, eine Familie zu haben, geliebt zu werden. Es tut alles so weh, es ist ein furchtbares Auf und Ab an Wut, Angst und Selbsthass. Ich habe keine Ahnung, wie ich das durchstehen soll. Das hier ist kein Leben. Für niemanden.“ Sie lehnt ihren Kopf an die Brust ihrer Freundin Alicia, 25, auch sie sitzt lebenslänglich ein. „Wir werden hier drin sterben“, sagt Alicia kühl.

In Amerika ist alles größer als sonstwo: die Autos, die Schokoriegel, die Popcornbecher im Kino, die Vorstandsgehälter, die Gewalt, ihre Verherrlichung, die Angst vor ihr und die Erbarmungslosigkeit der Gesetze und Gerichte, um der Gewalt Herr zu werden. Die amerikanische Strafjustiz hat etwas Monströses.

2,3 Millionen Menschen leben in US-Gefängnissen

Kein Land sperrt seine Bürger in so großer Zahl und für so lange weg wie die USA, die zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber fast ein Viertel der weltweit Inhaftierten – 2,3 Millionen Menschen leben in US-Gefängnissen. Auf 100 000 Einwohner kommen in den USA 751 Häftlinge – in England 151, in Deutschland 88, in Japan 63. Nach einer Untersuchung der „New York Times“ wächst die Gruppe der zu „Lebenslänglich“ Verurteilten besonders schnell, es dürften heute weit mehr als 130 000 Menschen sein; darunter sind etwa 10 000, die ihre Taten als Kinder oder Jugendliche begangen haben.

Schlimmer noch: Nach einem Report von Human Rights Watch trägt bei fast 2300 der minderjährigen Täter das „Lebenslänglich“-Urteil den Zusatz „without parole“ – damit wird ihnen ausdrücklich die Chance verwehrt, selbst nach jahrzehntelanger Haft und bester Führung vorzeitig auf Bewährung entlassen zu werden. Weil Begnadigungen extrem selten sind, bedeutet das Urteil de facto, dass die Verurteilten im Gefängnis sterben werden. Als die UN Ende 2006 eine Resolution gegen diese Art der Bestrafung Minderjähriger verabschiedete, stimmten 176 Länder dafür und eines dagegen – die USA.

Zu jung zum Wählen, alt genug für lebenslänglich

Man könnte es als eine Form von Selbsthass deuten, wie die Gerichte Kinder und Jugendliche aburteilen, als wären sie Erwachsene, als wäre es nicht gleichzeitig so, dass die Verurteilten vor dem Gesetz noch zu jung sind, um Zigaretten und Bier kaufen zu dürfen; zu jung, um zu wählen, ein Konto ohne Unterschrift der Eltern zu eröffnen; zu jung, um rechtskräftige Verträge abzuschließen.

Die Opfer im Land der Maßlosigkeit sind Menschen wie Kenneth Young, heute 23, der als 15-Jähriger mit einem 30-jährigen Drogendealer vier Raubüberfälle in Motels in Florida begeht, um die Schulden seiner drogensüchtigen Mutter bei diesem Dealer abzutragen; bei den Überfällen greift Young in die Kasse, während der Komplize die Überfallenen mit einer Waffe in Schach hält; es fällt kein Schuss, niemand wird verletzt, aber der Minderjährige erhält viermal „Life without parole“. „Lebenslänglich“ auch für Sara Kruzan in Kalifornien, 28, die mit 16 ihren Zuhälter tötet, für den sie drei Jahre lang anschaffen musste und der sie missbrauchte, seit sie elf war. Oder Dietrick Mitchell in Colorado, heute 34: Mit 16 fährt der Schwarze in angetrunkenem Zustand nachts einen weißen, ihm unbekannten Jugendlichen zu Tode, die Staatsanwaltschaft konstruiert daraus einen Mord im Bandenmilieu. Oder Tim Kane in Florida, der als pausbäckiger 14-Jähriger zur Mutprobe mit einem 17- und einem 19-Jährigen in ein scheinbar leerstehendes Haus einbricht; doch die Eigentümer sind daheim, und während die zwei Älteren eine alte Frau und deren Sohn massakrieren, sitzt Tim Kane zitternd und weinend unterm Wohnzimmertisch, paralysiert von dem, was er sieht; mit seinen 31 Jahren lebt er nun schon länger in Gefangenschaft als in Freiheit – 17 Jahre.



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