Von Stefan Scheytt, 02.03.09, 11:42h, aktualisiert 02.03.09, 14:23h
„Ich traute mich nicht, nein zu sagen. Ich dachte, ich würde ihn lieben. Dabei mochte ich mich selbst nicht“, erzählt sie. Schon damals schneidet sie sich die Unterarme auf, beginnt sie zu trinken wie ihre Mutter und schluckt deren Schmerztabletten; mit 15 macht sie einen Selbstmordversuch. Aber Mutter und Stiefvater, ein rüder Gefängniswärter, fällt nichts anderes ein, als sie zur Großmutter zu schicken, nach Florida, weit weg von Kansas, wo alles besser werden soll.
Taxifahrer stirb durch eine Kugel
Es wird nur schlimmer. Wieder gerät sie in eine Clique von älteren Jungs. „Ich wollte nicht mehr verletzt werden, deshalb machte ich mich hart und härter. Ich trank, hörte den härtesten Rap, wir waren schon verbal extrem grob zueinander.“ Und so sitzt die 15-jährige Rebecca Falcon in einer Novembernacht 1997 mit einem 18-Jährigen in einem Taxi, sie ist angetrunken vom Whisky, er hat eine Pistole mitgebracht, und weil keiner uncool sein oder gar Angst zeigen will, ziehen sie ihre spontane Idee durch, den Taxifahrer auszurauben. Der Mann stirbt durch eine Kugel. Wer sie abfeuerte, wird vor Gericht nicht geklärt, beide Teenager erhalten „Life without parole“. Die Witwe des Taxifahrers, mit der Rebecca Falcon in Kontakt steht, findet heute, dass die Strafe „zu hart“ für ein 15-jähriges Mädchen gewesen sei.
Auraria Campus in Denver, Colorado. Im St. Cajetan’s Center, einer ehemaligen Kirche, findet eine Podiumsdiskussion statt, Thema: „When Kids get Life“ – Wenn Kinder zu lebenslänglich verurteilt werden. Eine Richterin sitzt auf der Bühne, ein früherer Polizeichef, ein Rechtsprofessor, ein Mann, der als 17-Jähriger seine Mutter erschoss und nach 17 Jahren wieder freikam. Ganz rechts sitzt Carol Johann, eine magere, drahtige Frau von 69 Jahren, ihr Gesicht ist faltig, ihre Stimme rau und tief wie die eines Mannes. Sie wirkt etwas unsicher dort oben, ergreift nur einmal das Wort, um die Geschichte ihrer Tochter Cheryl zu erzählen. Vor Veranstaltungsbeginn hat sie am Eingang des Saals eine kleine aufklappbare Stellwand aufgebaut, sie sieht aus wie die vergrößerte Seite aus einem Familienalbum mit Bildern ihrer Tochter: Cheryl als Kleinkind, Cheryl beim Spielen mit ihren Brüdern, Cheryl beim Backen, Cheryl bei der College-Abschlussfeier im Gefängnis. Daneben stehen Sätze wie: „Cheryl wuchs in einer Familie voller Liebe und guter Werte auf.“
„Bis ich 14 war, war alles gut“, erzählt die Tochter Cheryl Armstrong, die so drahtig und energiegeladen wirkt wie ihre Mutter. „Aber als wir von einem kleinen Dorf in die Großstadt Denver zogen, bin ich meiner Mutter und meinem Stiefvater entglitten. Wenn ich zurückschaue, erkenne ich mich kaum wieder. Ich war einfach ein dummer Teenager.“ Sie experimentiert mit Drogen, klaut Kleider im Kaufhaus, schwänzt die Schule, hängt nächtelang mit Gestalten herum, die mit ihren Pistolen prahlen. Jedes dritte Wort ihrer Gespräche ist „fuck“, und vor allem geht es darum, wer mit wem. Und dann ist da diese Nacht im April 1995, Cheryl ist 16, in der ihr Ex-Freund und dessen neue Freundin sterben. Zu fünft sind sie zu ihnen gefahren, Cheryl am Steuer, um ihnen eine Abreibung zu verpassen, ihnen Angst einzujagen, wie immer haben die Jungs ihre Pistolen dabei. Cheryl fährt um den Block, während es passiert, bis die zwei jungen Männer zurückkommen und sagen, sie hätten das Paar erschossen. Die Presse macht daraus „Natural Bored Killers“, der Staatsanwalt erklärt Cheryl zum „Mastermind“ eines Doppelmords, getrieben von rasender Eifersucht. Ihre Strafe: 96 Jahre Haft. Im Jahr 2039, kurz vor ihrem 61. Geburtstag, darf sie zum ersten Mal um vorzeitige Entlassung bitten.
College-Abschluss im Knast
Sie ist jetzt 30, hat davon 14 Jahre im Gefängnis verbracht, elf davon in Canon City, einer Stadt in Colorado mit einem Dutzend Gefängnissen. „Ich bin im Knast erwachsen geworden“, sagt Cheryl Armstrong ruhig. Sie hat im Gefängnis ihren Highschool-Abschluss nachgeholt und so viele Kurse und Fernstudiengänge absolviert wie nur möglich. In ihrer Anstalt ist sie die Zweite, die je einen College-Abschluss schaffte. „Neulich hat es die Gefängnisleitung abgelehnt, dass ich einen Grafik-Kurs mache. Es wäre Verschwendung, wenn ich so etwas lernte, weil ich es sowieso nie anwenden kann. So begründeten sie die Ablehnung nicht, aber so war sie wohl gemeint.“
„Ich bin kein schlechter Mensch“, sagt Cheryl Armstrong im Besucherraum ihres Gefängnisses, im Hintergrund brummen die Getränkeautomaten, zwei Tische weiter sitzt eine Gefängnisbedienstete als Aufpasserin. „Ich bin nicht gewalttätig, ich habe niemanden getötet. Und ich war 16, als diese Tragödie passierte, die mich für den Rest meines Lebens verfolgen wird. Wenn sie mich jetzt oder in ein paar Jahren freilassen, kann ich noch neu anfangen. Aber es ist sinnlos, mich zu behalten, bis ich so alt bin wie meine Mutter.“
150 Meilen weiter nördlich in Denver hat Carol Johann die Geschichte ihrer Tochter Cheryl erzählt, von der unfasslichen Tat, von ihren Erfolgen als College-Studentin, von ihrem seit Jahren mustergültigen Führungszeugnis und ihrem Reifeprozess im Gefängnis. Am Ende der Veranstaltung klappt sie die Stellwand mit den Fotos von Cheryl zusammen, trägt sie in ihr Auto draußen vor dem Saal. Dann fährt sie nach Hause, nach Canon City, wohin sie ihrer Tochter schon vor Jahren gefolgt ist. Seitdem wohnt sie nur acht Meilen vom Frauengefängnis entfernt. Auf der Fahrt durch die Nacht raucht Carol Johann mehr als sonst. „Wir haben ein Gnadengesuch für unsere Tochter Cheryl eingereicht und warten seit Monaten auf eine Reaktion. Jetzt können wir nur noch beten und eine Kerze für Cheryl anzünden. Sie ist ein tolles Mädchen. Ich will sie noch einmal in Freiheit sehen, bevor ich sterbe.“
Fall von Courtney Schulhoff
04.03.2009 | 14.38 Uhr | Pro reo
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