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Interview zum Stadtarchiv

„Katastrophe für die Stadt Köln“

Von Georg Imdahl, 04.03.09, 13:14h, aktualisiert 05.03.09, 12:55h

Der frühere Abteilungsleiter des Kölner Stadtarchivs Eberhard Illner hat schon vor einiger Zeit auf Risse im eingestürzten Stadtarchiv hingewiesen. Im Interview spricht er über seine Warnungen, kostbare Dokumente und den Verlust.

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Eine der Kostbarkeiten des Archivs der Stadt Köln: Die Krone des Stadtwappens aus dem ältesten Urkundenfindebuch von 1408/09. (Bild: HAK)
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Eine der Kostbarkeiten des Archivs der Stadt Köln: Die Krone des Stadtwappens aus dem ältesten Urkundenfindebuch von 1408/09. (Bild: HAK)

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Illner, wie beurteilen Sie die Verluste?

EBERHARD ILLNER : Das ist eine Katastrophe. Nicht nur allein für die Stadt Köln, auch für die europäische Geschichtsschreibung. Köln war im Mittelalter die größte Stadt nördlich der Alpen, sie war Handelsstadt, über 2000 Jahre kontinuierlich besiedelt. Im Magazingebäude lag das Herzstück der Stadt: die Ratsprotokolle und Schreinsurkunden. Das ist ein erstrangiges europäisches Rechtsdenkmal, das gibt es nicht noch einmal in der Welt. Denken Sie an die Hanseurkunden, die französische Verwaltung, die Handschriftensammlungen der Kölner Klöster und Stifte, an Albertus Magnus, die Tristan-und-Isolde-Handschrift, die gesamte Überlieferung der Stadt Köln ist komplett vernichtet! Das sind fragile Papiere, die werden jetzt Pulver sein.

Sie waren ja unter anderem zuständig für die Nachlässe. Auch da drohen Verluste.

ILLNER: Natürlich! Es geht um das komplette Nachlass-Archiv, auf welches die Stadt so stolz ist: Heinrich Böll, Hans Mayer, Jacques Offenbach - es ist das weltgrößte Jacques-Offenbach-Archiv, Ferdinand Hiller, Wilhelm Marx. Dann das komplette Architekturarchiv - ich sage nur: Böhm, Riphahn. Das ist ein nationaler Kulturgut-Verlust ersten Ranges. Das kann man sich gar nicht ausmalen. Das kann man vergleichen mit Archiv der Hansestadt Lübeck, mit dem Nationalarchiv in Paris oder mit dem Archiv in Sevilla. Zum Beispiel war auch das Archiv des Philosophen Vilém Flusser Bestandteil. Das Archiv von Unger. Von Exilanten aus dem Dritten Reich. Da kommt nur noch die Pierpont-Morgan-Library in New York mit.

Inwieweit waren die Bestände verfilmt?

ILLNER: Es gibt sehr viele Bestände von der Zeit vor 1945, die sicherungsverfilmt sind in eher minderer Qualität. Die sind eingelagert in einem Stollen im Schwarzwald. Die wird man als Reproduktionen reaktivieren können. Das ist aber für die Forschung völlig unbefriedigend, mit Mikrofilmen zu arbeiten - das ermüdet einfach sehr schnell. Und die Kulturarchive, von denen ich sprach, sind nicht verfilmt. Und bedenken Sie: Viele Archive waren aus Liebe zur Stadt gestiftet worden. Der Kölnische Kunstverein hatte sein Archiv dort eingelagert, aus diesen Akten wurde die Provenienzforschung gemacht. Diese Akten sind nicht verfilmt. Der Kölnische Kunstverein ist seit 1945 nicht mehr präsent.

Sie hatten Baumängel schon früh bemerkt. Warum ist auf Ihre Initiative hin nichts geschehen?

ILLNER : Das erkläre ich mir - als Privatmann - so, dass die Bauleitung von diesem U-Bahn-Bau keine geregelte Verantwortung, keine Zuständigkeit hatte. Es gab Gutachter, es gab diesen und jenen, irgendeine Leitstelle, eine Planungsstelle. Wir hatten immer das Problem, einen Ansprechpartner zu finden. Wenn etwas war, dann kam mal der, mal der, mal der. Niemand war letztlich verantwortlich. Es gab letztlich dasselbe Problem wie bei der Kirche St. Johann Baptist. Da ist bis heute die Frage: Wer ist eigentlich verantwortlich? So etwas lässt man in Köln immer gern offen.

Und die Stadt?

ILLNER: Ich hatte immer den Eindruck, dass die Hinweise, die ich gegeben habe, nicht konsequent verfolgt wurden. Das war mein persönlicher Eindruck.

Ist der Kulturdezernent mit der Angelegenheit befasst gewesen?

ILLNER: Das kann ich nicht sagen, die Archivleitung müsste mit Sicherheit Herrn Professor Quander Mitteilung gemacht haben von den baulichen Mängeln. Und wenn sie es nicht gemacht hätte, wäre das eine grobe Pflichtverletzung. Das gilt es zu überprüfen.

Das Gespräch führte Georg Imdahl.



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