Von Thorsten Moeck und Tim Stinauer, 05.03.09, 20:58h, aktualisiert 06.03.09, 09:14h
Das Operationsbesteck ist riesig: Der Arm eines Spezialkrans hat die Reste des eingestürzten Hauses in der Severinstraße 220 abgerissen. Die verbliebenen Habseligkeiten der Bewohner landen auf dem Schutthügel. Es wäre zu gefährlich für sie gewesen, noch einmal zurückzukehren. „Zu dem Abriss gab es leider keine Alternative“, sagt Stadtdirektor Guido Kahlen.
Auf der Rückseite des Archivs tasten sich die Rettungskräfte mit chirurgischer Präzision vorwärts. Immer wieder bohren sie Löcher in den Boden, um dessen Stabilität zu testen. „Wir suchen nach Hohlräumen, damit das schwere Räumgerät nicht einsackt“, sagt ein Feuerwehrsprecher. Alle paar Stunden tritt er vor die Absperrung und versorgt die wartenden Journalisten aus aller Welt mit Neuigkeiten - so wie es Krankenschwestern mit Angehörigen von Patienten tun.
Die Arbeiten an Kölns größter Wunde gehen nur schleppend voran. Den gesamten Donnerstag benötigen die Helfer, um einen Zugang für jenen Bagger zu legen, der von der Rückseite des Archivs aus den Trümmerberg abtragen soll. Doch zuvor muss sich das Gefährt Meter für Meter durch den von Schutt übersäten Innenhof graben.
Am Vormittag besucht NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Einsturzstelle. Er spricht den Betroffenen und den Angehörigen der beiden mutmaßlichen Opfer sein Mitgefühl aus. Die Zerstörung des Stadtarchivs mit seinen unzähligen historischen Dokumenten bezeichnet der Politiker als eine „kulturelle Katastrophe“. Zugleich stellt er die Hilfe des Landes beim Aufbau eines neuen Stadtarchivs in Aussicht. Das Geld könne aus dem Topf des Konjunkturpakets II genommen werden.
Wegen der instabilen Lage des betroffenen Häuserblocks können die Einsatzkräfte auch am Donnerstag noch nicht zu der Stelle vordringen, an der die beiden vermissten jungen Anwohner womöglich verschüttet sind. Feuerwehrchef Stephan Neuhoff rechnet damit, dass der Bagger im Innenhof in der Nacht Uhr soweit in Stellung gebracht ist, dass die zweite Häuserruine links vom Archiv abgebrochen werden kann. Anschließend sollen noch einmal Spürhunde über das Einsturzgebiet laufen. Dann erst beginnt der Bagger damit, die ersten Trümmer abzuheben. Die Wahrscheinlichkeit, die Vermissten lebend zu retten, schwindet mit jeder Minute. „Große Hoffnungen haben wir alle nicht mehr“, sagt Oberbürgermeister Fritz Schramma.
Drittes Opfer?Am Mittag sorgt die Meldung einer Zeugin kurzzeitig für Aufregung bei der Polizei: Die Frau vermisst ihre 70 Jahre alte Freundin, die nahe der Einsturzstelle wohnt. Gibt es womöglich ein drittes Opfer? Doch die Situation klärt sich rasch, die vermeintlich vermisste Seniorin taucht wieder auf.
Derweil sind die Einsatzkräfte weiter bemüht zu retten, was von den wertvollen Kulturschätzen noch übrig ist. Jede Fuhre Trümmer, die ein Kran auf einen Lastwagen lädt, sichten die Helfer vorher. Sie wollen ausschließen, dass sich Akten, Bücher oder andere Dokumente darunter befinden. Ihre Ladung bringen Lkw zu einer eigens angemieteten, 27 000 Quadratmeter großen Lagerhalle nach Porz. Hier wird das Material ein zweites Mal nach Archivalien durchsucht, bevor der Schutt endgültig entsorgt wird. „Die Einsatzkräfte gehen da sehr, sehr sensibel vor“, so Schramma. „Viele alte Papiere und Pergamente waren in Schichten im Archiv gelagert. Das gibt Hoffnung, dass wir einiges retten können.“ Auch die obdachlos gewordenen Anwohner haben die Möglichkeit, unter dem angelieferten Schutt nach ihren persönlichen Sachen zu suchen.
Zeitgleich spannen Feuerwehrleute und Kräfte des Technischen Hilfswerks ein provisorisches Zelt über dem Trümmerberg. Zusätzlich zur Plane soll es die historischen Kostbarkeiten vor dem Regen schützen. In den nächsten Tagen will die Feuerwehr eine provisorische Dachkonstruktion aufbauen. Entlang des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums und auf der gegenüberliegenden Straßenseite sollen auf 42 Metern Länge Gerüste errichtet und Bleche über die Grube gelegt werden. Aber die Nässe kommt auch von unten; denn das Grundwasser steigt. Um den Pegel konstant niedrig zu halten, hat die Feuerwehr in dem Krater eine Pumpe in Betrieb genommen.
Unterdessen bereitet sich die Polizei darauf vor, den Tatort zu untersuchen. Experten des Landeskriminalamtes haben die Einsturzstelle bereits vermessen. „Mit der eigentlichen Arbeit können wir erst beginnen, wenn die gesamte Fläche freigeräumt ist“, sagt Polizeisprecherin Miriam Brauns. Die Vernehmungen der Bauarbeiter, die Anwohner und Geschäftsleute kurz vor der Katastrophe zur Flucht angetrieben hatten, seien schon abgeschlossen, sagt Brauns. Stadtdirektor Kahlen und KVB-Vorstandssprecher Fenske kündigen an, der Staatsanwaltschaft sämtliche Akten zu übergeben, die helfen könnten, die Unglücksursache zu ermitteln. Kahlen sagt: „Wir haben ein hohes Interesse an der Aufklärung. Wir unterstützen die Ermittlungen in größtmöglichem Maße.“
Große Hilfsbereitschaft: Spenden-Konto eingerichtet
Einsturz des Stadtarchivs: Bürgerbüro für die Betroffenen
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