Erstellt 11.03.09, 10:55h, aktualisiert 12.03.09, 09:30h
Der schwarz gekleidete Tim K. betrat nach Angaben der Polizei gegen 9.30 Uhr die Albertville-Realschule und schoss in zwei Klassenzimmern um sich. Er tötete neun Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahren und drei Lehrerinnen. Auf seiner fast dreistündigen Flucht tötete der 17-Jährige mit seiner Pistole drei Passanten und verletzte mehrere Schüler und Unbeteiligte schwer, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Stuttgart mit. Nach einer Schießerei im 40 Kilometer entfernten Wendlingen habe er sich selbst das Leben genommen, sagte eine Sprecherin. Zuvor hatte es geheißen, er sei von Polizisten erschossen worden.
Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) sagte, den Interventionsteams der Polizei habe sich Augenblicke nach dem Notruf ein "grauenvolles Bild" in der Schule geboten. Tim K. war kurz zuvor geflüchtet und hatte einen Beschäftigten des nahegelegenen Krankenhauses für psychisch Kranke erschossen. "Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen", berichtete eine Mitarbeiterin der Psychiatrie.
Nach dieser Tat zwang der Amokläufer einen Mann, gemeinsam mit dessen Auto zu flüchten. Auf der Autobahn bei Wendlingen (Kreis Esslingen) ließ er um kurz vor 12.00 Uhr den Wagen und den Fahrer zurück. Dieser informierte die Polizei darüber, dass der junge Mann zu Fuß in Richtung des nahegelegenen Industriegebiets unterwegs sei. Tim K. drang in ein VW-Autohaus ein, um ein Fahrzeug in seine Gewalt zu bringen und erschoss dort nach Angaben von Innenminister Rech einen Angestellten und einen Kunden. Als er das Gebäude verließ, eröffnete er das Feuer auf Polizisten und verletzte zwei Beamte schwer.
Unauffälliger Schüler
Über das Motiv für das Massaker wird noch gerätselt. Tim K. sei völlig unauffällig gewesen, habe einen Abschluss an der Schule gemacht und eine Ausbildung begonnen, sagte Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU). Heribert Rech bezeichnete die überwiegende Zahl von weiblichen Opfern als "auffällig". Er wollte daraus aber noch keine Rückschlüsse auf mögliche Motive des Amokläufers ziehen. Die "Motivlage" sei derzeit noch unklar. Es gebe bislang auch keine Hinweise darauf, dass der 17-jährige seine Tat möglicherweise im Vorfeld angekündigt haben könnte. Nach Rechs Angaben erschoss der 17-jährige Tim K. acht Schülerinnen sowie einen Schüler, außerdem tötete er drei Lehrerinnen. Ferner habe Tim K. sieben Schülerinnen durch Schüsse verletzt. Diese seien alle außer Lebensgefahr.
Der Amokläufer hat in den vergangenen Monaten viel Zeit mit Killerspielen am Computer verbracht. Zu seinen Hobbys gehörte auch das Schießen mit Softairwaffen. "Das kann ich bestätigen", sagte der Polizeisprecher Klaus Hinderer in Waiblingen am Donnerstag der Deutschen Presse- Agentur dpa. "Wir haben bei ihm unter anderem das Spiel Counterstrike gefunden." Einen Tag nach dem Massaker mit 16 Toten will die Polizei das Motiv des Täters Tim K. finden. Dazu werde der Computer des ehemaligen Schülers ausgewertet, sagte Hinderer. Drei verletzte Opfer seien inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden.
Ein Großaufgebot von knapp 1000 Polizisten war im Einsatz und sperrte Schule und Teile der Stadt Winnenden ab. "Es herrscht blankes Entsetzen", berichtete ein Augenzeuge.
Eine Lehrerin hat möglicherweise noch Schlimmeres verhindert: Tim K. sei in ihre Klasse gekommen und habe drei oder vier Kinder erschossen. Als er den Raum dann verließ, um seine Pistole nachzuladen, habe die Lehrerin geistesgegenwärtig die Tür verschlossen, berichtet das Online-portal "Tagesspiegel.de" unter Berufung auf Sicherheitsexperten. Tim K. habe dann versucht, das Türschloss aufzuschießen - das sei ihm aber nicht gelungen. "Die Frau sei eine Heldin", zitiert das Online-Portal einen Sicherheitsexperten.
Amoklauf von Alabama nachgeahmt?
Ob der Täter von einem Amoklauf in den USA wenige Stunden zuvor beeinflusst worden war, stand zunächst nicht fest. Bei dem Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama kamen am Dienstagnachmittag (Ortszeit) elf Menschen ums Leben.
Merkel zeigte sich "tief erschüttert und entsetzt". Man stehe fassungslos vor den Ereignissen in Baden-Württemberg, sagte Merkel am Mittwoch in Berlin. "Es ist unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden, durch ein entsetzliches Verbrechen."
Bundespräsident Horst Köhler sagte: "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden." Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sprach von einer "grauenvollen und in keiner Form erklärbaren Tat". Kultusminister Rau sagte, dies sei "die größte Katastrophe, die einer Schule passieren kann. Die Seele der Schule ist tief verwundet."
Die Eltern des Täters besitzen laut Polizei legal Waffen. Der Polizeipräsident des Regierungspräsidiums Stuttgart, Konrad Jelden, sagte: "Es gibt einen sehr großen Verdacht", dass die Tatwaffe aus dem Bestand des Vaters stammt. Dieser ist laut Polizei Mitglied des Schützenvereins Winnenden. Eine der Waffen fehlte, als die Polizei das Haus in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) in der Nähe von Winnenden durchsuchte. Auch 50 Schuss Munition waren verschwunden. Laut "Tagesspiegel.de" war das Arsenal des Vaters ungesichert. Der Täter habe mit einer Pistole der Marke Beretta auf die Opfer gefeuert.
Stadt gleicht einer Festung
Kurz nach der Tat versuchten fast 1000 Polizisten, den Mann zu finden sowie Schüler und Passanten in Sicherheit zu bringen. Die Realschule, die von 580 Schülern besucht wird, wurde evakuiert, das Gebiet weiträumig abgesperrt. "Die ganze Stadt gleicht einer Festung", sagte ein Augenzeuge.
Die Bluttat ruft Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen. Die Stadt Erfurt und das Land boten Baden-Württemberg Hilfe bei der Betreuung von Schülern oder der Angehörigen von Opfern an. Es könnten kurzfristig speziell geschulte Notfallpsychologen entsandt werden, erklärte Kultusminister Bernward Müller (CDU).
Die Schulen in Deutschland müssen nach Ansicht der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Zukunft besser vor Amokläufern gesichert werden. Es müsse geprüft werden, welche baulichen Voraussetzungen geschaffen werden könnten, "damit währen des Unterrichts nicht jeder x-Beliebige in eine Schule laufen kann", sagte der GdP-Bundesvorsitzende Konrad Freiberg. Technische Einlasskontrollen wie Chipkarten verbunden mit dem Schülerausweis könnten eine Hürde aufbauen. (dpa/AFP)
Leitartikel zu Amokläufern: Gewalt am Ende des Tunnels
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Berichterstattung
12.03.2009 | 14.03 Uhr | bergisch
Die Berichterstattung über derartige schlimmen Ereignisse wird in einigen Jahren genauso als Medien-GAU bezeichnet werden, wie es beim Gladbecker…
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12.03.2009 | 09.44 Uhr | Rumpel
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12.03.2009 | 09.43 Uhr | Quatschkopf68
Ich lese hier von waffengeilen Eltern, Vernachlässigung, etc. All das wissen wir nicht! Die Eltern sind auch Opfer. Sie werden das ganze Leben lang…
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