Schriftgröße

Auftritt bei Will

Kecke Kanzlerin wirft sich in Pose

Von Joachim Frank, 23.03.09, 08:25h, aktualisiert 23.03.09, 13:35h

Die Kanzlerin und die Sonntagstalkerin: Angela Merkel zeigt sich bei ihrem Besuch bei Anne Will keck und schlagfertig. Dabei präsentiert sie sich als Lotsin in der Krise - und orientiert sich an einem überraschenden Rollenvorbild.

Angela Merkel Will
Bild vergrößern
Angela Merkel bei Anne Will. (Bild: dpa)
Angela Merkel Will
Bild verkleinern
Angela Merkel bei Anne Will. (Bild: dpa)
BERLIN - Kanzlerin ist ein toller Job. Sagt Angela Merkel und setzt noch ein bekräftigendes „ja“ dazu. Nach einer Stunde bei Anne Will sind Zweifel erlaubt, ob ein Sonntagabend wie dieser solche Emphase rechtfertigt. Schließlich muss man sich in dem „tollen Job“ so manches gefallen lassen: Einspielfilme zum Beispiel, in denen ein smarter Jüngling den Leuten zu allen Kanzlern von Adenauer bis Schröder einen prägenden Eindruck, einen denkwürdigen Satz entlockt – außer zu Angela Merkel. Selbst den Mitgliedern eines Schwarzwälder CDU-Ortsverbands auf Berlin-Tour will partout nichts einfallen, was sie mit Merkel verbinden. Unten rechts auf dem Bildschirm ist derweil Merkels Gesicht eingeblendet – die unerbittliche Suche nach dem nicht-verbalen Kommentar, der mimischen Entgleisung. Nur ist Merkel beherrscht und clever genug, der Senderegie diesen Gefallen nicht zu tun. Das unbeteiligt-souveräne Lächeln verrutscht ihr an keiner einzigen Stelle. Auf die Dauer entsteht beim Zuschauer dadurch fast so etwas wie eine (unfreiwillige) Solidarisierung mit Merkel. Klar, von ihrer Führungsschwäche und Profillosigkeit hat jeder einigermaßen politisch Interessierte schon gehört und gelesen. Aber das so mit der breiten Quaste auszumalen, das geht nach den Maßstäben der in Mitteleuropa üblichen Höflichkeitsformen schon an eine Grenze. Selbst wenn Anne Will ihre Fragen in entwaffnend freundlichem, selbstverständlichen Ton stellt.

In die Defensive bringt sie Merkel so oder so nicht. Im Gegenteil, je länger die Sendung dauert, desto kecker wird die Kanzlerin. Sie quittiert die Frage, ob sie als CDU-Vorsitzende mit dem rheinisch-katholischen Teil der Partei „fremdele“, mit einem veritablen Heiterkeitsausbruch. „Ich komm nicht aus dem Rheinland, das ist unübersehbar“, sagt sie und hat die Lacher damit auf ihrer Seite. Später erteilt sie Will sogar noch eine kleine Lektion in Sachen Gesprächshoheit. „Ich will von Ihnen eine Zahl hören, da lasse ich Sie nicht mehr raus“, sagt Will mit Blick auf Merkels Erwartung an das Wahlergebnis für die Union am 27. September, dem Tag der Bundestagswahl. „Das hängt ja von mir ab“, sagt Merkel mit einem schelmisch-überlegenen Lachen. Und siehe da: Eine Zahl gibt sie tatsächlich nicht preis. „Ich bin ja nicht das Polit-Barometer“, sagt sie an einer anderen Stelle – worin eine versteckte zusätzliche Spitze liegt, weil dieses Instrument zur Messung der politischen Großwetterlage bei Wills öffentlich-rechtlicher Konkurrenz beheimatet ist, dem ZDF.

Eine zweite Zumutung neben den „plasbergisierenden“ Einspielern hat Will gleich zu Beginn der Sendung eingesetzt: die „spontanen“ Satzvervollständigungen à la „Frank-Walter Steinmeier muss langsam aufpassen, dass er…“ Was als Stilmittel vielleicht vor ein paar Jahren noch originell war, wirkt bei Will nicht nur abgedroschen, sondern – mehr noch - aufgesetzt und damit deplatziert. Ähnlich wie das stakkatoartige Abfragen von Ein-Satz-Statements zu praktisch allen aktuellen Aufreger-Themen: Bonus-Zahlungen an Manager, Klaus Zumwinkels 20-Millionen-Pensions-Forderung, Staatshilfen für Schaeffler und und und.

Eigentlich hat Anne Will solche Sperenzchen nicht nötig. In der Eins-zu-eins-Gesprächssituation kann sie ihre Stärken ausspielen: nachfassen, ausweichendes Antworten offenlegen, schlagfertig reagieren. Als sie Merkel auf deren angebliche „Teflon-Strategie“ anspricht (sinngemäß: alle Kritik an sich abtropfen lassen), erwidert die Kanzlerin, die Frage sei falsch gestellt. „Echt?“, gibt Will zurück. „Da hab’ ich lange drüber nachgedacht!“ Charmanter und lässiger kann ein Interviewer seinem Publikum nicht demonstrieren, was da in der Interaktion mit dem Befragten gerade passiert. In diesen Momenten erinnert man sich wehmütig an die Zeit, als Will noch die „tagesthemen“ moderierte, sich stellvertretend für ihr Publikum die Mächtigen dieser Republik vornahm – und sich keinen missglückten Versuchsanordnungen aus dem Laboratorium der Talkshow-Designer unterziehen musste wie an diesem Sonntagabend. Auf dem inzwischen schon sprichwörtlichen weißen Elends-Sofa hat diesmal Familie Mittelstädt aus Rüsselsheim Platz genommen. Um 100 Jahre Opel, verteilt auf drei Generationen, soll es gehen. Will schwant schon, dass sie damit ein Problem bekommen wird, und richtig genug: Als Vater Mittelstädt nach mehreren Minuten hoch nervösen Erzählens immer noch bei den Widrigkeiten seiner Lehrzeit hängt, bricht Will das Gespräch abrupt ab und wendet sich seinem Sohn zu – mit einer anderen Frage. Zwangsläufig hinterlässt dies das ungute Gefühl, hier würden „normale Menschen“ als bloße Textilkulisse und Stichwortgeber eingesetzt, und ebenso zwangsläufig gerät die Moderatorin in die Rolle der Ausbeuterin. Bezeichnend, dass es die Kanzlerin ist, die Einfühlsamkeit demonstriert, wo Will nur kühl die Fakten referiert: Das Ehepaar Mittelstädt hat just am Sonntag 41. Hochzeitstag gefeiert. Merkel bringt eine Art Glückwunsch zustande und formuliert die Hoffnung, dass die Mittelstädts nach der Sendung noch ein bisschen was von diesem besonderen Tag hätten.

"Erste Dienerin Deutschlands"

Merkel ihrerseits hat vom Auftritt bei Will durchaus etwas. Eine Stunde lang feilt sie an der Pose als „erster Dienerin Deutschlands“ – und zwar so konsequent, dass sie sich zweimal selbst als „Staatsoberhaupt“ tituliert, bis sie den Fehler bemerkt und auf „Kanzlerin“ beziehungsweise „Regierungschefin“ umschwenkt. Von morgens bis abends, wenn sie ins Bett gehe, sei sie „mit Problemen konfrontiert“; jeden Tag müsse sie schwierige Entscheidungen treffen. Wer Merkel kennt und ihren Tonfall im Ohr hat, spürt, dass sie über praktisch die gesamte Interview-Strecke viel Nachdruck in die Stimme legt. Sie klingt höher als in der entspannten Mittellage. Das steht ein wenig im Kontrast zum äußerlichen Habitus der Ungerührtheit, passt aber perfekt zu dem, was Merkel vermitteln will: Rastlos, so sagt sie es und so legt sie es nahe, ist sie im Einsatz für das Wohl des Landes und der Menschen – so rastlos, dass sie über solch eitlen Tand wie Koalitionsbruch und Neuwahlen noch nicht einmal nachdenken kann. Geschweige denn darüber, wie sie wohl gerade auf die Wähler wirkt und was die Bürger gegenwärtig von ihr halten. Das sei doch eine Frage, die sich nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft – irgendwann in einer nicht allzu nahen Zukunft – rückblickend wie von selbst beantworten werde.

Fast ist es, als hätte sich Merkel Helmut Kohls Mantel der Geschichte um die Schultern gelegt. Doch obwohl sie ihren Vorgänger im Kanzleramt und CDU-Vorsitz einmal zitiert (immerhin!) – ihr Rollenvorbild ist weit eher ein anderer Helmut: der SPD-Kanzler Schmidt, Inbegriff des nüchtern-pflichtbewussten Steuermanns auf der Brücke des Staatsschiffes. „Ich erfülle meine Aufgabe“ – das ist Merkels Kurs für diesen Fernseh-Abend, verbunden mit dem festen Plan, sich von Will als Lotsin weder auf Klippen noch in stürmische See geleiten zu lassen. Mission erfüllt, lautet aus Merkels Sicht das Fazit.

Und was ist mit Anne Will? „Sie machen das sehr geschickt“, befindet Merkel einmal im Laufe des Gesprächs . „Danke, meine Damen und Herren“, antwortet Will, wendet sich mit ausgebreiteten Armen ans Publikum und wartet den Applaus ab. Momente eines ironischen Einvernehmens: Beide, die Interviewerin und ihr Gast, wissen, was hier gespielt wird – und zollen sich wechselseitig Respekt. Moderatorin ist mindestens ein so toller Job wie Kanzlerin.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste