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Nato-Gipfel

200 Jubel-Badenser für Barack Obama

Von Karl Doemens, 03.04.09, 09:32h, aktualisiert 03.04.09, 20:48h

Der amerikanische Präsident Barack Obama ist zum ersten Deutschland-Besuch seiner Amtszeit in Deutschland eingetroffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing ihn in Baden-Baden mit militärischen Ehren. Die Normalbevölkerung wird bei der Visite konsequent ausgesperrt.

Barack O, Merkel
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Hand aufs Herz, mir gefällt's in Baden-Baden: Barack Obama wird von der Bundeskanzlerin empfangen. (Bild: dpa)
Barack O, Merkel
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Hand aufs Herz, mir gefällt's in Baden-Baden: Barack Obama wird von der Bundeskanzlerin empfangen. (Bild: dpa)
BADEN-BADEN - Hier muss wohl Deutschland sein. An der Außenwand des schmucken Rathauses aus dem Jahr 1882 rankt knorriger alter Wein entlang. Schmissige Marschmusik dringt vom Marktplatz herüber. Neben dem ovalen Eichentisch im Innenhof haben sich junge Damen in Schwarzwaldkostüm aufgebaut. Die Frühlingssonne lässt das Gesteck aus weißen-roten Ranunkeln und blauen Glockenblumen erstrahlen, das den Staatsgast in den Farben seiner Landesflagge begrüßt. Stolz präsentiert Landesvater Günther Oettinger vorab schon einmal das Gastgeschenk: Ein beigefarbener Steiff-Bär. Lustigerweise hat man ihn in einen Sack mit Nato-Tarnung gesteckt, auf dem in Englisch steht: „Euer erster Verbündeter war ein Baden-Württemberger.“

Als Barack Obama und seine Frau Michelle gestern um 16.20 Uhr mit erheblicher Verspätung von Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Ehemann Joachim Sauer durch den Torbogen des Rathauses in den idyllischen Hof geführt wird, haben sie keine Augen für den gläsernen Aushangkasten auf der linken Seite, wo drei weiße Blätter mit der Ankündigung der Zwangsversteigerungen von Wohn- und Geschäftshäusern verschämt darauf hinweisen, dass die Wirtschaftskrise selbst im wohlhabenden Kurort Baden-Baden angekommen ist.

Erfreut begrüßt der US-Präsident zwei kleine Mädchen in Schwarzwaldtracht: „Oh, hello!“, ruft er aus: „So nice to see you!“ Seine Freude wirkt nicht gespielt, als er sich mit seinem schönsten strahlenden Lächeln ins Goldene Buch einträgt. Und auch Angela Merkel wirkt ziemlich zufrieden.Zwei Tage ist es nun her, dass die Kanzlerin den neuen amerikanischen Präsidenten zum ersten Mal getroffen hat, und es scheint, als kämen sich die beiden Regierungschefs mit jeder Begegnung näher. Das ist bemerkenswert, weil die Kanzlerin ursprünglich keineswegs zur großen Obama-Fangemeinde in Deutschland gehörte. Eher nüchtern geriet ihre Begegnung bei Obamas Deutschland-Besuch im Juli 2008. „Heute spreche ich nicht als Präsidentschaftskandidat, sondern als stolzer Bürger der Vereinigten Staaten und als ein Mitbürger der Welt“, hatte der Gast aus Chicago den 200.000 Zuhörern an der Berliner Siegessäule zugerufen. „Mitbürger der Welt“ – das schien der prosaischen Ostdeutschen doch etwas sehr poetisch.

Nun kommt Obama als Präsident der Weltmacht USA nach Deutschland. Seit seinem Amtsantritt sei das Verhältnis auf der Sachebene absolut reibungslos gewesen, heißt es im Kanzleramt. Doch das Maß an Vertrautheit, das sie mit Amtsvorgänger George W. Bush verband, muss Merkel zu Obama noch entwickeln. Die nüchterne Physikerin misstraut Lichtgestalten, und umgekehrt zeigte sie sich bislang eher von ihrer spröden Seite.

Anders als ihr Stellvertreter und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier versuchte sie auch nicht, so schnell wie möglich nach Washington zu fliegen. Für den 40-minütigen Meinungsaustausch über die Zukunft von Opel genügte ihr eine Videokonferenz.

So wirkten Merkel und Obama am Mittwochabend beim Abendessen der 20 mächtigsten Regierungschefs im Buckingham Palace noch etwas steif im Umgang. Am nächsten Tag beim Familienfoto konnte man Merkel und Obama schon beim herzlichen Smalltalk beobachten, und der Amerikaner griff der Kanzlerin freundschaftlich an den Unterarm. Das Eis schien gebrochen. Mehr noch als der Charme des 47-Jährigen zeigte sein Pragmatismus positive Wirkung: Während die Öffentlichkeit ihn und seine Frau Michelle als Medienstars feierte, hielt sich Obama am Verhandlungstisch des Gipfels zunächst zurück und hörte zu. „We want to be helpful“, gab er beim Frühstück der Staatschefs in dem Streit zwischen Großbritannien und Deutschland über neue Konjunkturprogramme demonstrativ bescheiden als Parole aus, um dann sehr nüchtern und sachlich an der Diskussion der Abschlusserklärung mitzuarbeiten. „Sehr gut und kooperativ“ sei die Zusammenarbeit mit Obama gewesen, lobte Merkel.

Die Kanzlerin hatte energisch weitreichende Konsequenzen aus dem desaströsen Kollaps der unregulierten Finanzmärkte gefordert. Nur wenn man die Fehler klar benenne, könne man eine Wiederholung vermeiden, argumentierte sie. Zuviel Schuldzuweisung und Regulierung wollte der um die Londoner City besorgte Premier Brown aber ausdrücklich vermeiden. „Es ist, wie schon mein Jura-Professor gesagt hat: Nur einige sind schuldig, aber alle sind verantwortlich“, formulierte Obama einen ziemlich eleganten Kompromiss.

„Zuhören und führen“ sowie das lädierte Image der USA „wieder aufzupolieren“ – genau das haben Obamas Berater als Ziele seiner Europareise ausgegeben. In kaum einem Land dürfte dem Mann aus dem Weißen Haus, dessen Nimbus in der Heimat während der vergangenen Krisenwochen deutlich gelitten hat, so leicht fallen wie in Deutschland, wo die Begeisterung für den stets lässig wirkenden farbigen Polit-Star von Anfang an besonders groß war. „Welcome, Mr. President“, steht in den Fenstern der schmucken Häuschen an der Baden-Badener Stiftskirche. Und der Inhaber des Souvenirladens „Queen Anne“ hat einen direkten Appell an den Gast gerichtet: „Don’t forget a gift for Michelle!

Eine Mehrheit der Bundesbürger würde sich Obama als Bundeskanzler wünschen, hat gerade eine Umfrage ergeben, bei der Obama noch besser abschnitt als ziemlich beliebte tatsächliche Amtsinhaberin.

Doch die schönen Bilder aus dem propper herausgeputzten Baden-Baden zeigen nur die halbe Wahrheit. Gerade einmal 200 sorgsam ausgewählte Bürger dürfen Obama auf dem Marktplatz mit kleinen Fähnchen zuwinken. Der Rest bleibt in einer zum Hochsicherheitstrakt mutierten Gespensterstadt vom Geschehen ausgesperrt. Allen freundlichen Worten zum Trotz steht Deutschland auch keineswegs auf dem Favoritenplatz der amerikanischen Auslandsbeziehungen. Erst nach London und Straßburg landete Obama im Schwarzwald. Die „besonderen Beziehungen“ zum Gastland hatte er freundlich auch nach den Gesprächen mit dem Briten Brown und dem Franzosen Sarkozy gelobt.

Gerade mal acht Stunden dauert sein Aufenthalt in Deutschland: Landung, Eintrag ins Goldene Buch und Gespräch mit Merkel, dann ein Konzert mit Stargeigerin Ann-Sophie Mutter und das regionale Nato-Dinner im Kurhaus: Rinderkraftbrühe mit Markklösschen, gebratenes Saiblingfilet mit Kerbelsauce, Kalbsmedaillons mit frischem badischen Stangenspargel. Dazu ein roter Bombacher Sommerhalde vom renommierten Weingut Huber. Das war’s. Zur Übernachtung fliegt Obama wieder über den Rhein nach Frankreich.

Als Merkel am Mittwoch auf dem ansonsten vom Billigflieger Ryanair genutzten Londoner Flughafen Stansted landete, parkte auf dem Rollfeld bereits die hellblau-weiße Präsidentenmaschine Airforce One. Während Merkel noch über dem Kanal schwebte, konferierte er bereits nacheinander mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und dem chinesischen Präsidenten Hu Jinatao über eine atomare Abrüstungsinitiative. In Prag wird Obama am Sonntag die einzige große Rede seiner Reise halten und sich vor allem an die Osteuropäer wenden. Die Welt ist aus amerikanischer Sicht deutlich größer als „old Europe“.

Das dürfte sich auch bei dem Nato-Treffen am Wochenende zeigen, wo die Spitzen von 28 Staaten vertreten sind. Dass dort Merkels Anti-Konjunkturpaket-Verbündeter Sarkozy sein Ego mächtig aufpumpen wird, wenn er die Kollegen zum Donner der französischen Kampfflugzeuge auf der malerischen Rheinbrücke Passerelle des deux Rives empfängt, kann Merkel locker wegstecken. Es stört sie auch nicht, dass der Glamourfaktor von Michelle Obama und Carla Bruni-Sarkozy bei der Besichtigung des Straßburger Münsters etwas höher sein dürfte als der ihres Ehemanns Joachim Sauer, der sich während des bilateralen Gesprächs in Baden-Baden in einem Nebenraum des Rathauses angeregt mit der Präsidentengattin unterhält.

Unangenehmer könnte hinter verschlossenen Türen das amerikanische Drängen auf ein stärkeres Engagement der Alliierten in Afghanistan werden. Zusätzlich deutsche Truppen wird der Präsident mit Rücksicht auf die politischen Realitäten hierzulande wohl nicht fordern. Aber dass er die Lasten des Krieges gerne anders verteilen möchte, lässt sich schon aus seinen ersten freundlichen Worten in Straßburg und Baden-Baden entnehmen.



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