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Archiv-Einsturz

Informationen werden vernetzt

Von Peter Berger, 03.04.09, 15:42h, aktualisiert 24.04.09, 07:28h

Im Hauptausschuss wurde erstmals sachlich über mögliche Ursachen für den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und Konsequenzen diskutiert. Ein dichtes Kontrollnetz und ein unabhängiger Gutachter sind erste Maßnahmen.

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Köln - Liegt es daran, dass Oberbürgermeister Fritz Schramma vergangenen Sonntag die Konsequenzen aus dem schlechten Krisenmanagement gezogen und auf seine erneute Kandidatur bei der Kommunalwahl am 30. August verzichtet hat? Es könnte sein. Die politische Schlacht scheint geschlagen und diejenigen, die nach dem Rückzug jetzt auch noch den vorzeitigen Rücktritt Schrammas fordern, finden keinen Widerhall mehr.

Mehr als vier Wochen nach der Katastrophe in der Severinstraße gelingt es den Kommunalpolitikern erstmals, im Hauptausschuss des Stadtrats eine Diskussion zu führen, die nicht von gegenseitigen Schuldzuweisungen und der Frage nach der politischen Verantwortung geprägt ist. In der Plattitüden, der Oberbürgermeister werde doch nicht selbst den Zement angerührt haben, oder Sprüche vom „kölschen Ground Zero“ ausbleiben.

Erstmals geht es um die Frage, warum vermeintliche Warnsignale wie das ungenehmigte Abpumpen von Grundwasser, der Bau zusätzlicher Brunnen und das Absacken des Archiv-Gebäudes um sieben Millimeter innerhalb von 24 Stunden keine Beachtung fanden. Warum diese Informationen aus den drei Dezernaten Bauen, Wirtschaft und Umwelt nicht an einer Stelle landeten, die in der Lage gewesen wäre, sie richtig zu bewerten. Der Lenkungsausschuss beispielsweise, der alle zwei Monate tagt und in dem Vertreter der Stadt und der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) an einem Tisch sitzen.

„Richtig verhalten“

„Wir müssen auch nach vorne schauen und die Frage des Informationsflusses klären, damit so etwas in Zukunft ausgeschlossen werden kann“, sagt Karl-Jürgen Klipper (CDU) und stößt damit auf einhellige Zustimmung. Man könne von einem Vermessungstechniker der Stadtverwaltung schlechterdings verlangen, die Ergebnisse seiner Gebäudemessungen zu bewerten. „Der Mann hat sich richtig verhalten und die KVB als seinen Auftraggeber informiert“, stellt Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans fest. SPD-Fraktionschef Martin Börschel regt an, den Lenkungsausschuss aufzuwerten und jene Fachleute einzubeziehen, die sicherstellen könnten, „dass wichtige Informationen auch ausreichend vernetzt sind“.

Ein Vorschlag, den KVB-Vorstand Walter Reinarz aufnehmen will. Man müsse Verbesserungen herbeiführen und eindeutige Schnittstellen schaffen - zwischen dem Ingenieurbüro Spiekermann, das im Auftrag der Bezirksregierung Düsseldorf ab sofort die Bauaufsicht übernehmen wird, den Ingenieurbüros PNS, die für die Bauoberleitung und die örtliche Bauaufsicht die Verantwortung tragen, der Stadt und dem Bauherren KVB.

Ob durch ein solches Sicherungssystem die Katastrophe vom Waidmarkt hätte vermieden werden können? Diese Frage wird sich erst beantworten lassen, wenn die Staatsanwaltschaft endgültige Erkenntnisse über die Unglücksursache herausgefunden hat. Spätestens dann wird auch die politische Debatte wieder beginnen. Doch das dürfte Monate dauern. CDU-Baudezernent Bernd Streitberger warnt bereits jetzt davor, „dass wir bei den vielen Gutachten, die in Auftrag gegeben wurden, nicht erwarten können, die kommen alle zum gleichen Ergebnis“. Die Bewertung der Resultate werde kein leichtes Unterfangen sein.

Die neue Sachlichkeit, die am Donnerstag eingekehrt zu sein scheint, lässt jetzt auch Fragen zu, die bisher in dieser Deutlichkeit nicht gestellt wurden. „Wir wissen nicht, warum die Unternehmen in den Bauprotokollen einen Zusammenhang zwischen einem möglichen hydraulischen Grundbruch und der Notwendigkeit herstellen, zusätzliche Brunnen bauen zu müssen“, sagt Reinarz. Mit weiteren Brunnen lasse sich ein Grundbruch nicht heilen. Der müsse verfüllt werden. „Da passt etwas nicht zusammen“, so der KVB-Vorstand.

Und plötzlich ist auch allen klar, dass eine wasserrechtliche Genehmigung der Unteren Wasserbehörde nichts wert ist, in der zwar das Abpumpen einer genau definierten Menge Grundwasser geregelt und die Zahl der Brunnen festgeschrieben wird, eine Kontrolle aber ausbleibt. „Wir sind davon ausgegangen, dass sich derjenige, dem die Erlaubnis erteilt wird, auch daran hält“, betont Umweltdezernentin Marlis Bredehorst und fügt hinzu, dass die Mitarbeiter ihres Amtes gar nicht in der Lage seien, anhand der Information über das unzulässige Abpumpen von Grundwasser zu bewerten, welche technischen Folgen das für den U-Bahn-Bau haben könne. „Wo ist die Schwachstelle? Wir müssen analysieren, warum all diese Hinweise nicht so zusammengelaufen sind, dass man mögliche Alarmsignale erkannt hätte“, so Barbara Moritz von Grünen.

„Keinerlei Probleme“

Seit Donnerstag ist auch klar, dass noch längst nicht an allen Stellen entlang der vier Kilometer langen U-Bahntrasse der Beton gegossen ist. So ist es derzeit aus technischen Gründen nicht möglich, die Sohle und den Boden in der Baugrube am Kurt-Hackenberg-Platz zu gießen, weil zunächst die Baustelle Bechergasse fertig gestellt werden muss. „Wir haben dort aber keinerlei Probleme. Weder mit Wassereinbruch noch mit einem Auftrieb.“ Auch an den Haltestellen Rathaus, Heumarkt und Bonner Wall fehlen Zwischendecken und Einbauten. Weil jedes Stück Beton die Baugruben mehr gegen den Auftrieb sichert, hole die KVB gerade entsprechende Gutachten ein, um das Verfahren an diesen Stellen zu beschleunigen. „Wir haben erheblich an Vertrauen verloren“, sagt Walter Reinarz. Inzwischen gebe es 582 Anfragen zu Gebäude-Begehungen, 151 davon seien abgeschlossen. „Alle sind ohne Befund.“ Man werde weitere 1200 Anlieger anschreiben, die nicht unmittelbar an der Trasse liegen und ihnen ebenfalls Begehungen anbieten, versichert Baudezernent Bernd Streitberger.

Im Hauptausschuss ist an diesem Donnerstag viel von freiwilliger Selbstverpflichtung, von Beweissicherung und von einem neuen Projektmanagement die Rede. So soll die dritte Baustufe der Stadtbahn, auch wenn sie nur oberirdisch entlang der Bonner Straße verläuft, wieder unter der Regie des Amts für Brücken und Stadtbahnbau der Stadt Köln stehen. Mehr als vier Wochen nach dem Einsturz des Stadtarchivs gibt es erste Hoffnung, dass endlich Schluss sein könnte mit der organisierten Unverantwortlichkeit.



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