Erstellt 07.04.09, 22:12h
UTE KRIEGER-KRAUSE: Gerade dieser Satz ist eine Zumutung. So eine Entschuldigung ist unannehmbar. Wir haben beim Bundesverwaltungsamt ein Gutachten eingereicht, wir mussten umfänglich unsere Sportbiografie darstellen, wir mussten ärztliche Zeugnisse vorweisen. Es ist definitiv so, dass Trainer nicht nur vermutlich ihren Sportlern geschadet haben. Das ist Realität. Dieser Konjunktiv ist eine Frechheit.
Als „Beitrag zum Dialog mit den Opfern“, wie Innenminister Wolfgang Schäuble die Erklärung bezeichnet, sehen Sie diese also nicht?
KRIEGER-KRAUSE: Die Möglichkeit des Redens bestand 20 Jahre lang. Es gab Phasen, da hatte ich den Wunsch, jemandem zu verzeihen. Aber wenn das jahrelang nicht passieren kann, muss man ja irgendwann weiterleben, und irgendwann habe ich für mich festgestellt: Ich will gar nicht mehr verzeihen.
Dass die Diskussion jetzt wieder aufkommt, auch mit Geständnissen von Trainern, kommt zu spät für Sie?
KRIEGER-KRAUSE: Definitiv. Es ist ja auch naiv, glauben zu wollen, die seien plötzlich anderen Sinnes geworden. Seit 20 Jahren wird immer wieder darauf hin gewiesen: Da sind Trainer, die haben versagt. Fachlich vielleicht nicht so, aber ethisch-moralisch. Die haben mit Drogen gedealt. Es ist nicht möglich, diese Leute weiter mit öffentlichen Geldern zu bezahlen. Aber es wurde verniedlicht und sie sind alle in Amt und Würden geblieben, als große Spezialisten. Der DOSB hat immer nach Möglichkeiten gesucht, um sich durchzumauscheln und die Trainer zu behalten.
Glauben Sie, dass Trainer, die damals gedopt haben, es heute immer noch tun?
KRIEGER-KRAUSE: Ich ziehe da mal einen anderen Vergleich herbei: Ich sehe die Umstände bei diesen Trainern so wie bei einem Lehrer, der mit Drogen dealt. Bei den einen ist es eine Bagatelle und bei dem anderen ein Grund zur Suspendierung aus dem öffentlichen Dienst.
Die Trainer entschuldigen ihr Tun mit dem staatlichen Druck, dem sie damals ausgesetzt waren. Hätten sie sich ihrer Meinung nach dagegen wehren können?
KRIEGER-KRAUSE: Es gibt Beispiele, dass man sich dagegen wehren konnte. Aber da mag ich als geborene DDR-Bürgerin ja noch ein bisschen ahnen, worauf sie hinweisen wollen. So Anpassungsgeschichten in einem extrem aggressiven, hierarchischen System, das ist nicht so einfach. Das 20 Jahre lange Schweigen finde ich viel schlimmer. Die Trainer hätten zur Aufklärung beitragen müssen. Das Versagen in dem politischen System hat sich in ein persönliches Versagen fortgesetzt. Die haben ihre opportunistische Haltung nicht verändert, die wollten im jetzt gesamtdeutschen Sport-System wieder unterkrauchen und ihre gut dotierten Jobs behalten.
Ist es nicht legitim, alles zu tun, um seinen Job zu behalten?
KRIEGER-KRAUSE: So etwas hat Grenzen. Vor allem, wenn man mit besonders schutzbedürftigen Personen zu tun hat. Wer diese Verantwortung nicht auch als eigene Verantwortung empfindet, hat versagt.
Der frühere NOK-Präsident Walther Tröger zieht den Vergleich zu einem Mörder, der in der Regel nach 15 Jahren frei gelassen wird. Sollte man im Fall der Doping-Trainer ebenfalls Verjährung gelten lassen?
KRIEGER-KRAUSE: Der Herr Tröger, erzählt einen Haufen Quatsch. Wenn nämlich dieser Mörder 15 Jahre gesessen hat, dann hat er 15 Jahre eine Strafe verbüßt. Und ich vermisse da in irgendeiner Weise eine Strafe bei den Trainern. Wenn jemand Körperverletzung begeht, dann wird er verurteilt und bestraft. Erst dann ist er frei von Schuld für die Gesellschaft.
Müssen sich die ehemaligen DDR-Trainer nicht benachteiligt fühlen gegenüber den Trainern, die in den 80er Jahren im Westen sicherlich auch das Doping unterstützt haben und heute nicht mehr danach gefragt werden?
KRIEGER-KRAUSE: Das ist auch ein generelles Versagen, das läuft parallel. Die DDR-Dopinggeschichten sind bekannt, weil dahinter ein System stand. Und dieses System hatte einen Eins-A-Spitzelapparat, der alles niedergeschrieben hat. Die kommen schwieriger raus aus der Kiste. Bei den anderen Dopingtrainern ist die Nachweisbarkeit nicht so einfach. Das muss auch angegangen werden, aber mit Benachteiligung hat das nichts zu tun.
Unter welchen Gesundheits-Schäden leiden Sie noch heute?
KRIEGER-KRAUSE: Ich habe ganz große Probleme mit meiner Wirbelsäule und zunehmend Gelenkprobleme. Und nach wie vor habe ich mit psychischen Problemen zu kämpfen. Immer wieder Depressionen. Ich hatte eine Essstörung, die habe ich zum Glück überwunden, aber alles andere wird mich begleiten, bis der Deckel zuklappt.
Welche Art von Aufarbeitung der DDR-Dopingvergangenheit wünschen Sie sich?
KRIEGER-KRAUSE: Ich wünsche mir eine Aufarbeitung der gesamtdeutschen Dopingvergangenheit. Parallel dazu muss unbedingt die Prävention verstärkt werden. Sport kann etwas Wunderbares sein. Wichtig ist, dass jeder kleine Junge, der Spaß am Fußball hat, dass jedes kleine Mädchen, dass Spaß am Rennen hat - dass die geschützt sind.
Das Gespräch führte Susanne Rohlfing
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