Schriftgröße

Indien

Das neue Elend der „Golfies“

Von Willi Germund, 08.04.09, 22:18h, aktualisiert 08.04.09, 22:37h

Endstation Rückkehr: Die Finanzkrise bringt viele indische Gastarbeiter um ihre Jobs in den Emiraten. In der Heimat finden sie kaum eine Beschäftigung, viele plagen Schulden. Ein Besuch im Bundesstaat Kerala im Süden des Subkontinents.

zum Artikel
Bild vergrößern
Jeden Morgen treffen sich die Nachbarn am Strand zum Kartenspielen. (Bild: Germund)
zum Artikel
Bild verkleinern
Jeden Morgen treffen sich die Nachbarn am Strand zum Kartenspielen. (Bild: Germund)
SAKHTHIKULANGARA - Sanft plätschern die Wellen des Indischen Ozeans an den kleinen Strand von Sakhthikulangara. Auf dem Sand liegen Einbäume und Fischernetze in der prallen Sonne. Palmen wiegen sich im Wind. Ein roter, viereckiger Ziegelsteinturm hängt so schräg über der Brandung, als ob er jeden Augenblick umfallen könnte. Peter Benziger hat keine Ahnung, wer ihn wann gebaut hat. Er kann auch nicht erklären, wie er an seinen deutsch klingenden Namen gekommen ist. Den 54-jährigen Mann mit den pechschwarzen Haaren und den melancholischen Augen plagen ohnehin ganz andere Sorgen. Am liebsten würde er sofort ein paar Sachen in seinen Plastikkoffer packen und in ein Flugzeug steigen, um das Tropenparadies von Sakhthikulangara mit einem jener Arbeitslager in Dubai zu vertauschen, in denen bis zu 20 Arbeiter sich im Schichtdienst zehn Betten teilen.

Benziger ist ein „Golfie“, wie Inder im Süden des Subkontinents während der vergangenen Jahre mit einem Anflug von Neid die Landsleute tauften, die in den Staaten am Persischen Golf vergleichsweise viel Geld verdienten und für eine kleines Wirtschaftswunder in Kerala sorgten. Besser gesagt: Benziger war ein „Golfie“. Am 15. März ist er nach vier Jahren wieder in die Heimat am Tropenstrand zurückgekehrt, weil er seinen Bauarbeiter-Job verloren hatte. Sein 24-jähriger Sohn wurde am 12. März gefeuert und wird in diesen Tagen wohl auch zurückkommen.

Dem jungen Mann blüht das gleiche Schicksal wie den meisten der 3000 anderen Männer des 10 000 Einwohner zählenden Ortes 80 Kilometer nördlich von Keralas Bundesstaatshauptstadt Trivandrum. Sie mussten seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008 zurückkehren. Dort erwartet sie ein Alptraum aus Schulden und Arbeitslosigkeit. „Mein Sohn hat 150 000 Rupien an einen Vermittler zahlen müssen“, erzählt Benziger, der seine eigenen Schulden abstottern konnte, weil er vier Jahre in Dubai gearbeitet hat. „Der junge Mann ging zu einem Kredithai, weil keine Bank ihm die Summe leihen wollte, als er im Mai des vergangenen Jahres an den Golf aufbrach.“ Damals schien das noch kein Problem zu sein, obwohl der Geldverleiher 24 Prozent Zinsen verlangt. Der junge Mann fand ein Job bei den Bauarbeiten für das weltberühmte Palm Island Projekt. Belgische, niederländische und deutsche Firmen - sie alle suchten händeringend nach billigen Arbeitern für die Prestigeprojekte, mit denen die Scheichs von Dubai Investoren aus aller Welt anlockten.

Massive Existenzkrise

Mittlerweile wurden Bauvorhaben im Wert von rund 260 Milliarden US-Dollar in Dubai gestoppt - und Indiens „Golfies“ kehren in eine massive Existenzkrise nach Kerala zurück. Die Schulen der Region haben bereits ihre Wartelisten geschlossen, weil so viele heimkehrende Familien ihre Kinder für das neue Schuljahr angemeldet haben. Wie in Dubai vergammeln auch in Sakhthikulangara die ersten Bauruinen in der Tropensonne. Die Besitzer können die Kosten nicht mehr aufbringen, weil die Überweisungen ihrer Verwandten vom Golf ausbleiben.

Peter Benziger zuckt mit den Achseln. „Vielleicht ist das alles ja in sechs Monaten vorbei und es gibt wieder Arbeit“, sagt er. Jeden Morgen trifft er sich mit seinen Nachbarn unter den Palmen am Strand zum Kartenspielen. Die waren schon in aller Frühe auf den Ozean gerudert, um ein paar Fische für den Tagesbedarf zu fangen. Die Fischer von Sakhthikulangara haben größere Boote besessen, bevor sie sich an den Golf aufmachten. „Das Fischen hat sich sowieso nicht mehr gelohnt“, sagt der 54-jährige Peter German, der im Dezember aus Dubai zurückkehrte. Es gab immer weniger Fische, die Kosten überstiegen den Ertrag. Wenn es jetzt knapp wird, radeln Peter German und Peter Benziger zum sechs Kilometer entfernten Neendakara Hafen. Dort liegen Dutzende von Fischkuttern und manchmal können sie für ein paar Tage als Seeleute anheuern. Der Lohn: zwei bis drei Euro pro Tag. Es kostet die beiden viel Überwindung, sich für diesen Hungerlohn zu verdingen, nachdem sie in Dubai monatlich zwischen 300 und 350 Euro verdient haben - die Hälfte, die ihre Vermittler nicht einkassierten.

Jetzt in der Krise rächt sich der leichtfertige Umgang mit dem Geldfluss vom Golf. Studien belegen, dass die „Golfies“ ihre Ersparnisse am liebsten in den Ausbau ihrer Häuser gesteckt haben. In Sakhthikulangara gibt es nur noch ein paar der Hütten mit einem Dach aus Palmblättern, in denen die Fischer früher gelebt haben. Jetzt stehen dort solide Steinhäuser. Es gibt Strom. Jedes Haus hat einen Farbfernseher und Mopeds haben längst das Fahrrad als Transportmittel ersetzt - so denn noch Geld für den Treibstoff da ist.

„Ich habe keine Ersparnisse mehr“, gibt Peter German unumwunden zu. Erst im vergangenen Jahr gab er 1200 Euro für seine Tochter aus. Das Geld wurde für die Mitgift und die Feier verwendet. Seine zweite Tochter wird nun warten müssen, bis sie einen Ehemann findet. Sie ist nicht die einzige. Seit die Weltwirtschaftskrise die Finanzzentren in aller Welt und auch Dubai erfasste, gibt es keine Hochzeiten in Sakhthikulangara mehr. „Wir können uns das einfach nicht leisten“, sagt der 28-jährige Emmanuel Nicolas, der schon nach vier Monaten Arbeit wieder nach Kerala zurückkehren musste, „wer will schon einen arbeitslosen Golfie heiraten.“

Rund 1,8 Millionen Bewohner von Kerala - vor vielen Jahren die erste Region der Welt, in der eine kommunistische Regierung durch Wahlen an die Macht kam - haben während der vergangenen Jahre in den Golfstaaten gearbeitet. 30 Milliarden US-Dollar schickten indische Gastarbeiter noch im vergangenen Jahr aus der ganzen Welt in die Heimat.

Thiruvalla, eine kleine Stadt mit einer drei Kilometer langen Einkaufsstraße gehörte deshalb zu Indiens Boomstädten. Ein paar Dutzend Banken residieren dort und es gibt 50 Geldautomaten. Nirgendwo sonst auf dem Subkontinent verzeichnen die Statistiken eine solche Dichte an Banken und Automaten. Der Grund: Jede Familie hat Verwandte im Ausland, die meisten in den USA. Schmuckläden in modernen Geschäften bieten Preziosen an, kleine Läden offerieren I-Pods. Das Städtchen, 120 Kilometer nördlich von Trivandrum, hat eine Krankenschwester-Akademie und viele der Absolventen machten sich nach der Prüfung auf in die USA, um dort in Hospitälern zu arbeiten. Doch seit dem Ausbruch der Krise gibt es die Visa nicht mehr und die ersten Weltwirtschaftskrisen-Heimkehrer sind schon angekommen. „Ich war 25 Jahre in den USA“, sagt ein Mann, der gerade aus der Christian Syrian Bank kommt, „und habe keine Arbeit mehr dort gefunden. Aber mein Sohn besucht dort eine Universität. Wir wissen nicht, wie wir die Gebühr von 52 000 US-Dollar jährlich aufbringen sollen.“

Noch glaubt der Manager einer Bank, der erst vor ein paar Wochen nach Thiruvalla versetzt wurde: „Die Krise geht bald vorbei, es handelt sich um eine Korrektur.“ Doch der Satz klingt mehr nach Zweckoptimismus. Denn die Geldinstitute sitzen auf Krediten von Indern, die ihre Schulden nur zurückzahlen können, wenn sie Arbeit im Ausland haben. „Wir haben uns abgesichert“, versucht der Bankmanager die Furcht zu lindern, dass die Geldhauser Keralas in eine Art indische Kreditkrise rutschen könnten, „unsere Schuldner mussten auch ihren Goldbesitz angeben.“

Für die Fischer von Sakhthikulangara gibt es kein soziales Netz, das sie auffängt. „Noch ist die Krise nicht so schlimm“, sagt der Rechtsanwalt John Cyril, der ein Bootsbedarfsgeschäft betreibt und die finanziellen Nöte seiner Nachbarn kennt, „aber in einigen Monaten kann es richtig dramatisch werden.“



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Umfrage

Protestieren Sie gegen ACTA?
Bundesweit sind Proteste gegen das internationale Handelsabkommen ACTA geplant. Es sieht unter anderem vor, Urheberrechtsverletzungen strenger zu ahnden. Kritiker befürchten Zensur und Überwachung vor allem im Internet. Beteiligen Sie sich am Protest?

Bildergalerien


Jahresrückblick


ksta-blogs.de


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Neue Videos – Politik/Nachrichten




Meistgelesene Artikel


Kolumne


Hintergrund


Die andere Meinung


Mein ksta.de


Forum


Brutto / Netto Rechner

Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.) Steuerklasse

Dienste