kalaydo logo
stellen
auto
immobilien
marktplatz
inserieren
Schriftgröße

Interview mit Peter Sloterdijk

Die Krise als halbgöttliche Instanz

Erstellt 15.04.09, 21:07h, aktualisiert 16.04.09, 10:25h

Darüber, dass die Menschen ihr Leben ändern müssen, wird schon seid Jahrhunderten gepredigt. Peter Sloterdijik philosophiert nun über Gott und die Wiederkehr der Religionen. Eine zentrale Frage dabei ist: Ist Gott tot?

Peter Sloterdijk
Bild vergrößern
Peter Sloterdijk (Bild: Rako)
Peter Sloterdijk
Bild verkleinern
Peter Sloterdijk (Bild: Rako)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Sloterdijk, das Erdbeben in den Abruzzen weckt Erinnerungen an das Beben von Lissabon 1750...

PETER SLOTERDIJK: Diese Assoziation liegt nahe.

Das Beben galt den Menschen im 18. Jahrhundert als Ausdruck eines sündigen, falschen Lebens. Mehr noch: Wenn Gott solch ein Übel zulassen konnte, schien selbst mit ihm etwas nicht zu stimmen.

SLOTERDIJK: Gott wird in einem traditionellen Verständnis als allervollkommenstes Wesen begriffen, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann. Zu den Attributen von groß gehören auch die qualitativen Begriffe wie Schönheit, Güte und die moralische Vortrefflichkeit, also das Gute im Sinne eines Besten, über das hinaus Besseres nicht gedacht werden kann. Wenn man mit einer so starken Setzung beginnt, dann baut man an die Grenze der Welt ein unvorstellbar starkes Immunsystem ein, einen grenzenlosen Güteüberschuss über das Seiende. Man kann von einem zerbrechlichen Standpunkt wie dem unsrigen aus gar nicht ermessen, wie weit es in Richtung des Vollkommenen noch geht. Dieser Gedanke ist von einer nicht überbietbaren Erbaulichkeit.

Ein Grundpfeiler der Religion.

SLOTERDIJK: In der Tat geht die Attraktivität der großen monotheistischen Religionsentwürfe davon aus, dass wir der Welt in ihrer spürbaren Unvollkommenheit etwas Vollkommenes gegenüberstellen. Das hat eine immunisierende Wirkung, die bis ins Unendliche reicht. Doch wir Modernen sind aus dem Epizentrum des Vollkommenheitsversprechens herausgerückt. Zwar nehmen wir die Welt immer noch als etwas wahr, das durchaus einer Verbesserung bedürftig ist, aber doch nicht mehr so, dass wir die Welt verlassen, um zum Standort Gott überzugehen. Sondern: Die Welt braucht dringend intern Verbesserung - das ist die Einsicht, die seit dem Erdbeben von Lissabon zum „Consensus Omnium“ geworden ist. Eine nichtweltflüchtige Form von Kulturreligiosität hat sich durchgesetzt.

Der Titel Ihres Buchs „Du musst dein Leben ändern“ hört sich wie eine Aufforderung von Gott an den Menschen an. Aber wie ist es nun mit Gott: Existiert er oder ist er tot, wie Nietzsche sagt?

SLOTERDIJK: Wir haben beide Botschaften gleichzeitig im Ohr. Die Zeit, in welcher der Monotheismus auf dem Höhepunkt seiner Vollmachten existiert hat, ist ganz offenkundig vorüber. Das gilt zumindest für den westlichen Kulturkreis. Auch was man in Südamerika und in anderen katholisch geprägten Teilen der Welt für Katholizismus hält, ist im Grunde genommen längst eine Ersatzreligion für das Christentum, das ohnedies einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Im Sinne von Hans Küng kann man heute schon von dem fünften oder sechsten Christentum sprechen, das auf eine Reihe von „Religionen“ gleichen Namens gefolgt ist. Aber die Grundbotschaft ist immer noch aktiv.

Und der Atheismus?

SLOTERDIJK: Das monotheistische System existiert neben einem mehr oder weniger plausibel ausgebauten Massenatheismus, dessen Anhänger in der Mehrzahl gar nicht in der Lage wären, einen so pathetischen Satz wie „Gott ist tot“ auszusprechen - aus dem einfachen Grund, weil es für sie Gott nie gegeben hat. Für den heutigen trivialen Atheismus ist charakteristisch, dass er Gott nicht einmal für tot hält. Es handelt sich hier eher um ein Regime der generalisierten Gleichgültigkeit, wie es nur möglich ist in einer Welt, in der man die meisten Probleme mit der Immunisierung des eigenen Daseins auf andere Weise gelöst hat. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass die Einführung der Sozialversicherung am Ende des 19. Jahrhunderts und die Verbesserung der Medizin mit der Entdeckung der Vollnarkose um 1846 dem Christentum des Westens einen tieferen Stoß versetzt haben als alle anderen aufklärerischen Ideologien. Wenn man gut versichert ist, braucht man keine Privatversicherung mehr bei Gott.

Dennoch erleben wir eine Wiederkehr der Religionen. In Ihrem Buch beschreiben Sie den Vorgang in Form eines gespenstischen Szenarios. Worin sehen Sie eine Gefahr?

SLOTERDIJK: Ich sehe darin weniger eine Gefahr, sondern den Ausdruck eines Bedürfnisses. Die Menschen der Moderne sortieren ihre Grundgefühle neu und finden bei materieller Vollversorgung eine ganze Reihe von Fragen des Lebens unbeantwortet. Die Sinnfrage wird in der Moderne im Allgemeinen durch die Kreativität beantwortet. Eine andere Antwort hat sie kaum, ausgenommen traditionelle Werte wie Dienst- und Hilfsbereitschaft als säkularisierte Formen der Nächstenliebe. Hilfsbereitschaft und Kreativität sind die beiden Antworten, welche die Moderne auf die Fragen nach dem Sinn zu bieten hat. Wer es ganz anspruchsvoll will, sucht ein Leben in der „Vita Activa“, wie Hannah Arendt sie beschreibt, das heißt: sie wählen ein Leben als politisches Subjekt. Für all dies ist kein religiöser Rahmen nötig. Man muss kein Buddhist sein, um hilfsbereit zu sein oder kreativ zu werden. Aber man muss ein Mensch mit einem gesunden Ambitionsleben sein, um politisch zu werden. Die letzten Fragen, auf welche die Monotheismen geantwortet hatten, bleiben in der Moderne unbeantwortet.

Es gibt zwei relevante Begriffe in Ihrem Buch: den der Übung und den Ko-Immunisierung. Was bedeutet Übung?

SLOTERDIJK: Eine Übung liegt dann vor, wenn eine Handlung so ausgeführt wird, dass zu den Ergebnissen dieser Handlungen die Verbesserung der Fähigkeit gehört, sie beim nächsten Mal zu wiederholen. Alle Dinge, die bei uns in Serien ausgeübt werden, besitzen zugleich die Qualität einer Vorbereitung auf das nächste Mal. Ausgenommen sind singuläre Handlungen wie Heiraten, Verunglücken, Sterben - dergleichen ist keine Übungssache. Auch eine Revolution impliziert eine Einmaligkeit. Doch die meisten anderen Handlungen sind in sich selber seriell verfaßt. Innerhalb der Serialität unterscheide ich solche Handlungen mit unfreiwilligem Übungscharakter haben, von solchen, die freiwillig ausgeführt werden. Unfreiwillige Akte haben keinen Steigerungsindex - hier genügt, eine Sache so auszuführen, dass man sie auch beim nächsten Mal noch kann. Ich muss nicht besonders üben, um bei der Nachbarin an der Wohnungstür klingeln zu können. Es fällt doch auf, dass trotz der Wiederholung keine Verbesserung in der Kunst stattfindet, an der Tür der Nachbarin zu klingeln - auch nach Jahrzehnten nicht. Es besteht allerdings auch kein Grund dafür, sich hierbei verbessern zu wollen. Es gibt also sehr viel nicht bewusstes, nicht-intentionales Üben, das ganze Leben ist in solchen Serien verzettelt. Andererseits finden wir eine große Zahl von Handlungen vor, bei denen früher oder später ein Interesse daran aufkommt, es beim nächsten Mal besser zu machen. So geht es dem Klavierspieler, der sein Spiel ständig steigern möchte.

Es gibt zwei relevante Begriffe in Ihrem Buch: den der Übung und den Ko-Immunisierung. Was bedeutet Übung?

SLOTERDIJK: Eine Übung liegt dann vor, wenn eine Handlung so ausgeführt wird, dass zu den Ergebnissen dieser Handlungen die Verbesserung der Fähigkeit gehört, sie beim nächsten Mal zu wiederholen. Alle Dinge, die bei uns in Serien ausgeübt werden, besitzen zugleich die Qualität einer Vorbereitung auf das nächste Mal. Ausgenommen sind singuläre Handlungen wie Heiraten, Verunglücken, Sterben - dergleichen ist keine Übungssache. Auch eine Revolution impliziert eine Einmaligkeit. Doch die meisten anderen Handlungen sind in sich selber seriell verfaßt. Innerhalb der Serialität unterscheide ich solche Handlungen mit unfreiwilligem Übungscharakter haben, von solchen, die freiwillig ausgeführt werden. Unfreiwillige Akte haben keinen Steigerungsindex - hier genügt, eine Sache so auszuführen, dass man sie auch beim nächsten Mal noch kann. Ich muss nicht besonders üben, um bei der Nachbarin an der Wohnungstür klingeln zu können. Es fällt doch auf, dass trotz der Wiederholung keine Verbesserung in der Kunst stattfindet, an der Tür der Nachbarin zu klingeln - auch nach Jahrzehnten nicht. Es besteht allerdings auch kein Grund dafür, sich hierbei verbessern zu wollen. Es gibt also sehr viel nicht bewusstes, nicht-intentionales Üben, das ganze Leben ist in solchen Serien verzettelt. Andererseits finden wir eine große Zahl von Handlungen vor, bei denen früher oder später ein Interesse daran aufkommt, es beim nächsten Mal besser zu machen. So geht es dem Klavierspieler, der sein Spiel ständig steigern möchte.

Nietzsche sieht den Menschen symbolisiert als Seiltänzer als Übergang zum Übermenschen. Sie auch?

SLOTERDIJK: Der Übermensch ist eine Hilfsfigur, um den oberen Spannungspol mit einem Namen zu belegen - den Pol, von dem der Zug nach oben ausgeht. Folglich ist der Ausdruck Übermensch eine reine Übergangsmetapher. Dabei ist nicht ganz klar, ob es sich um eine Zugspannung von oben handelt, wie sie in der Metaphysik angenommen wird, oder um eine Art von Schub, wie es die Modernen konzipieren, die an von der göttlichen Attraktion auf den vitalen Drang bzw. den Willen umstellen. Aber der Aufstieg zur Höhe bleibt immer mehrdeutig, gleich ob er als Zug oder Drang gedacht wird. Im übrigen mache ich kein Geheimnis aus meiner Überzeugung, daß der Begriff Übermensch ironischerweise mehr für die Vergangenheit als die Zukunft des Menschen gilt - denn die Zeit scheint vorbei, in der sich die Menschen an den Heiligen, den Weisen oder den Genies orientierten. Der Ausdruck Übermensch hat seine besten Tage hinter sich.

Der Mensch trainiert für die Meisterschaft. Und hat dafür ganz andere Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Ist so etwa wie das Neuro-Enhancement, die Steigerung der Denkfähigkeit durch technische Hilfsmittel, zu begrüßen?

SLOTERDIJK: Dass die Menschen äußere Mittel zu Vervollkommnung in Anspruch nehmen, liegt ganz natürlich auf der Hand. Sie schreiben seit dem 19. Jahrhundert mit dem Füllfederhalter und nicht mehr mit einem Gänsekiel. Die äußeren anthropotechnischen Lebenshilfen begleiten uns seit vielen hundert Jahren. Schon Nietzsche bemerkte: Wer uns eine Geschichte der Narkotika erzählte, würde uns fast die ganze Geschichte der höheren Menschheit vortragen. Alle die technischen und chemischen Lebenshilfen sind von alters her bekannt und erwiesen sich als in das "Menschenwesen" integrierbar. Etwas dimensional Neues käme erst zum Tragen, wenn es eine effektive Gentechnik gäbe, die das Grundgerüst des homo sapiens verändern würde - sie wäre nicht mehr ohne weiteres integrierbar. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts diskutierte man etwa ohne große Scheu über die Züchtung eines weltraumtauglichen Menschen - das hätte eine kategoriale Veränderung des homo sapiens zur Voraussetzung gehabt. Immerhin hat ein Theologe wie Karl Rahner damals expressis verbis hingeschrieben, dass selbst kategoriale Modifikationen des homo sapiens seinen metaphysischen gar Status nicht antasten, denn dies alles betreffe nur seine physis, nicht aber seine Beziehung zu Gott. Die Freiheit zur physischen Selbstmanipulation hat man in den 60er Jahren mit großer Gelassenheit diskutiert. Wir sind hingegen in ein Zeitalter des anthropologischen Spießertums eingetreten.

Befinden wir uns in einer Fundamentalkrise? Müssen die Menschen ihr Leben ändern?

SLOTERDIJK: Davon bin ich fest überzeugt - wir wissen nur noch nicht, auf welche Weise sie es tun werden. Europa befindet sich in einer massiven demographischen Krise. Die quantitativen Verhältnisse zwischen Alt und Jung stimmen seit langem hinten und vorne nicht mehr. Wir erleben obendrein eine riesenhafte ökonomische Krise, die innerhalb des aktuellen Krisenkomplexes gleichwohl noch vergleichsweise die mildeste Größe sein dürfte, und an der Spitze steht die anhaltende ökologische Krise. Sie ist im letzten Vierteljahrhundert bagatellisiert worden und kommt nun mit furchterregender Dringlichkeit erneut auf die Tagesordnung. Dieses dichte Bündel an Krisen könnte man fast zu einer halbgöttlichen Instanz zusammenfassen: „Die Krise“ - sie hat für uns eine nahezu transzendente Autorität.

Der Veränderungsappell ist so neu nicht - oder?

SLOTERDIJK: Ich zeige in meinem Buch, dass wir nicht die erste Generation sind, die von dem absoluten Imperativ „Du musst dein Leben ändern“ angesprochen wird. Von der Antike an hörten die Eliten ihrer Zeit diese gebietende Stimme - einmal unter theologischem Vorzeichen, einmal unter athletischem, einmal unter philosophischem, einmal unter ästhetisch-virtuosem -, und zu jeder Botschaft dieser Art gehörte ein starker Absender. Heute erleben wir einen erneuten Sinnwandel des absoluten Imperativs - und diesmal ist es „die Krise“, die sich an die Eliten von morgen wendet. Sie ist der starke Absender unserer Zeit. Sie ist es, die den neuen kategorischen Imperativ autorisiert, wie ihn etwas Hans Jonas hingeschrieben hat: Wir sollen uns stets so verhalten, dass die Folgen unseres Handelns mit authentischem menschlichem Leben auf Erden auch für künftige Generationen verträglich bleiben. Im Übrigen sind nicht alle früheren Absender aus der Welt geschafft worden - wenn Sie nach Asien schauen, sehen Sie, dass dort noch viele sich von den ältesten Formen des Imperativs angesprochen fühlen, in Indien gibt es noch immer Millionen Menschen, die mit Gottheiten wie Krishna oder Kali trainieren. Sie sind noch immer da, die zahllosen Sannyasins und die Wandermönche in der Tradition des Mahayana-Buddhismus, sie können ihnen noch heute dort im Staub der Landstraßen begegnen.

Das Gespräch führte

Michael Hesse



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

ksta.tv-Filmkritiken


Anzeige


Aktion


Anzeige


WAS.WANN.WO.


Web-Konzerte


Bildergalerien


Buch für die Stadt


Kolumne


Stadtmenschen Community


Extra


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Extra


Studio DuMont


Mehr Kultur


Links


Dienste