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„Sauerland-Gruppe“ vor Gericht

Ein Mordplan im Namen Allahs

Von Marianne Quoirin, 19.04.09, 21:34h, aktualisiert 22.04.09, 14:51h

Eineinhalb Jahre nach der spektakulären Festnahme mutmaßlicher Terroristen im Sauerland beginnt in Düsseldorf der Prozess gegen die Männer. Experten erwarten ein Mammut-Verfahren, das mindestens zwei Jahre dauern wird.

Daniel Schneider
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Der mutmaßliche Terrorist Daniel Schneider, hier bei der Festnahme, steht in Düsseldotrf vor Gericht. (Bild: dpa)
Daniel Schneider
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Der mutmaßliche Terrorist Daniel Schneider, hier bei der Festnahme, steht in Düsseldotrf vor Gericht. (Bild: dpa)
DÜSSELDORF - „Allah hat noch viel mit mir vor“, hat der damals 21 Jahre alte Daniel Martin Schneider am 4. September 2007 behauptet, als er mit seinen beiden Komplizen Fritz Martin Gelowicz, 28, und Adem Yilmaz, 28, im sauerländischen Dorf Medebach-Oberschledorn verhaftet wurde. Doch zunächst muss sich Schneider mit den beiden und dem zwei Monate später in der Türkei festgenommenen Deutschen Attila Selek von Mittwoch an (22. 4.) im Hochsicherheitstrakt des dem Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf verantworten - wegen Mitgliedschaft in einer in- und ausländischen terroristischen Vereinigung, der Vorbereitung und Verabredung eines Sprengstoffverbrechens wie des Verdachts der Verabredung eines Mordes. Schneider, der mit einem Sprung durchs Toiletten-Fenster den Ermittlern zu entkommen suchte, ist darüber hinaus auch noch des versuchten Mordes und wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt.

Es wird ein Mammut-Prozess, der schätzungsweise zwei Jahre dauern wird. Die Vier, in den Medien kurz „Sauerland-Terroristen“ genannt, sollen als deutsche Zelle der Islamischen Dschihad-Union Attentate mit Autobomben in verschiedenen deutschen Großstädten, unter anderem in Köln, geplant haben. Schon jetzt füllt das Verfahren 532 Leitz-Ordner, im Kofferbomber-Prozess waren es gerade mal 157. Zwei Pflichtverteidiger, beide aus Köln, waren vom 6. Strafsenat unter Vorsitz von Ottmar Breidling ausgeschlossen worden , weil sie sich um ihren Mandanten Adem Yilmaz nicht ausreichend gekümmert hätten - ein ganz seltener Vorgang, der aber belegt, mit welcher Sorgfalt Breidling derart komplizierte Verfahren vorbereitet und auch führt.

Die acht Strafverteidiger werden es sich nicht nehmen lassen, im Prozess die Rolle in- und ausländischer Geheimdienste unter die Lupe zu nehmen. Der entscheidende Tipp auf die Gruppe um den angeblichen Rädelsführer Gelowicz soll von dem US-Geheimdienst CIA gekommen sein, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sprach in einem Interview auch von der Kooperation mit einem türkischen Nachrichtendienst. „Pass auf, jetzt schreiben wir hier in Deutschland Geschichte“, sagt Fritz Gelowicz seinem Freund Schneider in der Nacht vor der spektakulären Polizeiaktion.

Gut dokumentiert

Mögen die Anfänge der Verfolgungsjagd auf die mutmaßlichen Terroristen in der Grauzone der Geheimdienste liegen, die Endphase der „Operation Alberich“, wie der Fahndungs-Komplex nach einem Zwerg aus dem Nibelungenlied benannt wird, ist bestens dokumentiert, seit ein Observationsteam des Verfassungsschutzes in der Silvesternacht 2006 Fritz Gelowicz, Attila Selek und einen Kurde beobachten, als sie das Gelände einer US-Kaserne in Hanau ausspionieren. Das Trio wird kontrolliert, später werden Wohnungen ergebnislos durchsucht. Am 6. Januar 2007 gibt Gelowicz auf einer Polizeiwache in Ulm eine persönliche Erklärung ab, die heute makaber klingt: „Ich bin unschuldig. Ich habe weder einen Straftat geplant oder verübt.“

Der zum Islam konvertierte Ingenieur-Student steht seit Ende Dezember 2004 in den Akten des Staatsschutzes, weil er sich im Umfeld des Ulmer Multikulturhauses bewegt, in dem auch radikale Islamisten um Anhänger werben. Gelowicz fühlt sich offenbar vor Verfolgung sicher, als er mit Daniel Schneider und Adem Yilmaz den Plot für „drei große Ziele“ plant. Das sollen von US-Soldaten bevorzugte Kneipen, die US-Airbase in Ramstein oder den Frankfurter Flughafen sein. Die Drei ahnen offenbar nichts von den Informationen, die die CIA angeblich aufgrund von E-Mails aus Deutschland nach Pakistan gewonnen und an die deutschen Geheimdienste weitergegeben hat. Sie enthalten unter anderem Angaben über diverse Besuche von Trainingslagern in Pakistan und Usbekistan. Dort sollen sie auch den Umgang mit explosiven Chemikalien gelernt haben, zum Beispiel mit Wasserstoffperoxyd, dessen Konzentration durch Erhitzen gesteigert werden kann - bis zur Nutzbarkeit für einen Sprengsatz. Gleich fässerweise ordern die Männer den Stoff online bei einem Chemikalienhändler in Niedersachsen, holen die Fracht ab und bekommen für die Großaufträge Rabatt. „Die Welt wird brennen“, jubelt einer der Angeklagten beim Transport des explosiven Stoffs, der später von der Polizei durch ein harmloses Gemisch ersetzt wird.

Das was die Ermittler im Spätsommer 2007 aus dem mit Wanzen bestückten Ford-Mietwagen und dem kleinen Ferienhaus hören, ist original deutscher Dschihad mit schwäbischen, hessischen und saarländischen Untertönen. Es sind Dokumente wilder, manchmal pubertär erscheinender Entschlossenheit und eines grenzenlosen Hasses. In der letzten Planungsphase diskutieren sie nach dem Bau von Zündern und die tödlich Mixtur von Chemikalien auch über Verhaltensmaßregeln, falls sie festgenommen werden. Das so etwas geschehen könnte, vermögen sie sich in ihrer Arroganz gar nicht vorstellen, denn Allah, so lästert Fritz Gelowicz, „macht die blind“ und frohlockt: „Bis jetzt hat Allah alles perfekt gemacht, fast alles perfekt. Wir haben richtig Power. Der Schäuble, der lässt uns hier machen. Der Rollstuhl-Eierkopf der.“ Daniel Schneider, der jüngste des Trios, stellt fest: „Der Schäuble hasst uns. Und ich hasse ihn.“ Und alle stellen sich die Reaktionen des Bundesinnenministers nach dem „Riesenbums“ vor: „Wenn der Schäuble vor die Presse tritt, ey, des wird supergeil. Vor ganz Deutschland muss er Stellung nehmen“ . Fritz Gelowicz verstellt die Stimme, versucht Schäuble nachzuahmen: „Wir gehen von einem Terroranschlag aus “.



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