Von Petra Recktenwald, 20.04.09, 18:18h, aktualisiert 23.04.09, 17:21h
Manchen der majestätischen Riesen kennen wir von Geburt an. Schließlich lässt sich ihr Gehege von unserer Wohnung aus wunderbar einsehen, was einer von mehreren Gründen war, sich vor etlichen Jahren an der Stammheimer Straße in Riehl einzumieten. Streckenweise verläuft sie parallel zum Kölner Zoo, gesäumt von einer stolzen Altbaureihe mit Erkern, ausladenden Balkonen und Fassadenschmuck. Zwar wird die architektonische Perlenschnur durch einige nüchterne Nachkriegsbauten unterbrochen - zum Beispiel unseren -, aber auch Letztere bieten einen prachtvollen Panoramablick auf das Reich der Seelöwen, Bisons, Moschusochsen, Lemuren oder auf die Fasanerie.
Ortsfremden ist oft gar nicht klar, wie nah Mensch und Tier hier beieinander leben. Wenn sie den Zoo mit dem Auto ansteuern, landen sie schnell in unserer Straße und ahnen nicht, dass sich gleich hinter der mehrstöckigen Zeile das ersehnte Multikulti-Paradies mit 1500 tierischen Bewohnern aus aller Welt verbirgt. Deshalb ist es die wichtigste Aufgabe der Anrainer, verwirrten Ausflüglern den Weg zum Eingang zu weisen. Vorzugsweise an sonnigen Wochenenden oder während der Schulferien, denn dann stürmen Tausende das Viertel, auch weil sie durch den nahe gelegenen Botanischen Garten spazieren wollen.
Das An- und Abschwellen solcher Besucherströme bestimmt samstags, sonntags und feiertags den Lebensrhythmus der „Stammheimer“. Wenn in Schönwetterzeiten gegen Mittag die große Flut anrollt, ist auf unserer ohnehin viel befahrenen Straße noch mehr los; das knappe Parkplatzangebot selbst in den Nebensträßchen ausgeschöpft. Wer hier wohnt und seinen Wagen schon am Freitag irgendwo abgestellt hat, bewegt ihn besser nicht mehr fort und fährt anderntags mit Bahn, Bus, Fahrrad. Oder er riskiert eine Autofahrt, arrangiert aber seine Termine so, dass er erst nach der großen „Abreisewelle“ um 18 Uhr wieder in seinem Veedel ankommt. Oder er mietet sich eine Garage . . .
Vermutlich hat da jeder seine eigene Strategie. In dem Punkt ist der „Homo Riehlensis“, der sich rund um den Zoo eingenistet hat, erfindungsreich. Der Lösungsvorschlag der Stadt allerdings, ähnlich wie in anderen Kölner Vierteln gebührenpflichtiges Bewohnerparken einzuführen, scheiterte am Widerstand der Bevölkerung. Schließlich kostet ein Dauer-Parkschein jährlich 30 Euro, und eine Stellfläche ist nicht garantiert. Außerdem wissen die Leute ja, dass sie unter der Woche ihre Straße meistens wieder für sich haben.
Fast alles, was sie zum Leben brauchen, findet sich an der Hauptschlagader des kleinen Stadtteils. Einst war sie Teil des Stammheimer Weges, der vom Eigelstein bis zur Fähre nach Stammheim im Rechtsrheinischen führte. Inzwischen haben sich vor allem im vom Zoo abgewandten Straßenverlauf neben einem Supermarkt vieleGeschäfte und einige Restaurants, Gaststätten und Cafés angesiedelt. Wirte stellen im Sommer Stühle auf den Bürgersteig. Da sitzen die Menschen dann, genießen außer dem Sonnenschein auch Pasta, Kölsch oder Bananensplit und das gemeinsame Passanten-Viewing.
Dabei fällt vor allem eins auf: Die Riehler Shoppingmeile ist beileibe kein Laufsteg für Schickimickis, obwohl man das wegen der gehobenen Mietpreise und mancher noblen Häuser im Viertel vielleicht erwarten könnte. Stattdessen lockt die Straße viele Fans des „Trollis“ an. Liebhaber jener formidablen Wägelchen auf zwei Rädern also, in deren kariert gemusterte Stoffbäuche sämtliche Orangensaft- und Wasserflaschen, Blumentöpfe und Kohlköpfe bequem hineinpassen. Vor allem Senioren schwören auf ihren „Hackenporsche“ oder den Rollator, in dessen Gitterkörbchen sich ebenfalls ein paar Einkäufe transportieren lassen - und auf der „Stammheimer“ sind besonders viele ältere Leute unterwegs, auch dank der nahe gelegenen Altenheime der Sozialbetriebe Köln, ehemals „Riehler Heimstätten“. Aber jüngere Paare mit beigefarbenen Jute-Taschen schlendern ebenfalls übers Trottoir, und Pänz mit bunten Mini-Rucksäcken, die ihre Mütter begleiten.
Noch am Abend trudelt Kundschaft ein, der Supermarkt ist bis 22 Uhr geöffnet. Dann haben die Gäste ihre Tische draußen vor den Gaststätten bereits geräumt, sind an den Tresen gewechselt. Bald verstummt der Straßenverkehr, es wird still. Auch der große Zoo kommt unter einer weichen Decke aus Dunkelheit weitgehend zur Ruhe, worüber sich vermutlich alle jene Anwohner freuen, deren brüllende oder laut trällernde Nachbarn im Gehege vis-à-vis tagsüber nicht so zurückhaltend sind wie unsere Giraffen. Die Anwesenheit der vielen Tiere bleibt jedoch bis tief in die Nacht spürbar, auch wenn sie längst schlafen. Sie stinken, manchmal jedenfalls, abhängig von der Windrichtung und bevorzugt an heißen Sommertagen. Ihr animalischer Geruch hält sich in der Straße, ja, sogar in den Treppenhäusern. Und wir fühlen uns wie auf dem Bauernhof, mitten in der Großstadt.
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