Von Christian Bos, 22.04.09, 21:46h
Southern Gothic und Wild-West-Apokalypse: Dylan bewegt sich auf demselben Terrain wie der Schriftsteller Cormac McCarthy („Kein Land für alte Männer“, „Die Straße“). Aber Dylan ist kein Romancier, kein Dramatiker. Er ist ein „Song & Dance Man“ und er singt von Liebe. Verlorener, verweigerter und wenig vertrauenswürdiger Liebe, schon klar. „Together Through Life“ ist keine Minnefeier der Romantik. Aber wer hätte die schon vom Komponisten von „Love is just a four-letter word“ (Liebe ist nur ein Schimpfwort) erwartet?
Ein Quantum Trost hält der Mann aus Minnesota allerdings dieses Mal für uns bereit: „Wenn du mich in den Armen hältst, sehen die Dinge gar nicht mehr so düster aus“, schnurrt Dylan etwa in „Jolene“, einer leicht swingenden Rock'n'Roll-Hymne an eine braunäugige „Königin“, ohne weitere Ähnlichkeiten mit Dolly Partons bekannter gleichnamiger Verführerin.
Das Leben ist hart
Auch die Entstehungsgeschichte von „Together Through Life“ ist vergleichsweise unkompliziert. Der französische Regisseur Olivier Dahan („La Vie En Rose“) bat Dylan für seinen neuen Film „My Own Love Song“ um eben das: Eine eigene Liebesballade, die der Hauptdarsteller singen sollte. Dylan schrieb gemeinsam mit dem Dichter Robert Hunter das zärtliche „Life Is Hard“ - und fühlte sich inspiriert zu mehr. Von da ab nahmen die Dinge jedoch eine musikalisch und inhaltlich völlig andere Wendung: spöttisch, zynisch, gebrochen, notgeil, rauflustig.
Hatte sich Dylan schon vor Jahrzehnten vom fortschreitenden Lauf der Pop-Stile verabschiedet, klingt seine Band auf „Together Through Life“ endgültig wie ein Stapel Singles in einer Wurlitzer-Box, der in irgendeiner Kaschemme an der amerikanisch-mexikanischen Grenze vor sich hinstaubt. Hätte Dylan die zehn neuen Stücke nicht selbst geschrieben, sie fügten sich nahtlos zwischen die Western-Swing-, Chicago-Blues- und Novelty-Platten die er als Radio-DJ in seiner „Theme Time Radio Hour“ spielt.
Aber wenn das Album auch tönt, als wäre es Mitte der 50er in den Sun-Studios in Memphis aufgenommen worden oder zur selben Zeit beim Blues-Label Chess Records erschienen, so stellen sich keine nostalgischen Gefühle ein. Dylans raue bellende Stimme - eine uralte Kröte, die in einem trockengelegten Sumpf ausharrt - schmirgelt jeglichen Rest von Sentimentalität ab, der noch an den Songs kleben könnte. „Ich habe das Blut des Bodens in meiner Stimme“, singt Dylan im elegischen „I Feel A Change Comin' On“, und das, nachdem er sich als jemand beschrieben hat, der James Joyce liest, während er dem Outlaw-Country-Sänger Billy Joe Shaver lauscht.
Der Heimatdichter Dylan ist heimatlos, ein Wanderer zwischen biblischen Gefilden, der nordmexikanischen Wüste und den Salons der Hochmoderne. Zusammengehalten werden diese weitschweifenden Visionen vom Akkordeon des Los-Lobos-Mitglieds David Hildago, das „Together Through Life“ seinen anheimelnden Latino-Anstrich verleiht, ja eigentlich als Dylans Duettpartner funktioniert, vergleichbar etwa mit Al Koopers Orgel auf „Like A Rolling Stone“ und Scarlet Riveras Geige auf dem „Desire“-Album.
Die Plagen der Moderne
Im sarkastischen Abschlussstück häuft Dylan alle Plagen der Moderne auf, von banal bis barbarisch - lügende Politiker reimen sich auf Fliegen in der Restaurantküche -, nur um ihnen hohnlächelnd „It's all good“ nachzurufen. Auch dieses Finale bereichert Hildagos Orgel um eine gut gelaunte, karnevaleske Facette. Sie erst bewahrt den Song davor, nach bitterem alten Mann zu klingen.
Tatsächlich wirkt das ganze Album kräftiger, unmittelbarer und melodienseliger als sein Vorgänger „Modern Times“, obwohl der Sänger auch hier lange Schatten wirft. „Die Tür ist für immer und ewig geschlossen“ singt Dylan im gespenstischem „Forgetful Heart“ und verwendet dabei Edgar Allan Poes schauriges Adjektiv „forevermore“, nur um mit Kafka anzuschließen: „Wenn es denn jemals ein Tür gab“. Im selben Song liegt der verlassene Sänger nachts wach und lauscht dem „Klang des Schmerzes“.
Im nicht weniger sehnsuchtsvollen, aber vergleichsweise sonnigen Mariachi-Lied „This Dream of You“ findet sich der Sänger im „Nowhere Café“ wieder - das muss dort sein, wo besagte Wurlitzer-Jukebox steht - und wundert sich, dass alles, was er berührt, zu verschwinden scheint. „Together Trough Life“ aber wird bleiben, wie so vieles in Dylans erstaunlichem Alterswerk.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Zwickauer Neonazi-Trio - BKA löscht ErmittlungsdatenWeltcup-Skispringen in Willingen - Deutsches Team auf Rang drei

EXPRESS
3:0-Sieg gegen Schalke - Currywurst-Prämie! Fohlen scharf auf TitelDSDS nach Recall-Abbruch - Kann Ole die Jury diesmal überzeugen?

Spiegel Online
Pop-Ikone: Whitney Houston ist totStreit um Kinder: Russland will Adoptionen in die USA verbieten