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Brüsseler Platz

Zugemüllt und platt gesessen

Von Susanne Hengesbach, 26.04.09, 21:49h, aktualisiert 26.04.09, 23:25h

Der Brüsseler Platz ist in den vergangenen Jahren zur trendigen Open-Air-Trinkmeile avanciert. Doch der sommerliche Chill-Out bringt vor allem Pflanzenfreunde gehörig auf die Palme. Für ihre liebevoll gepflegten Beete fordern sie mehr Rücksicht und Respekt.

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Am Abend zugemüllter Treff für Hunderte junger Menschen, tagsüber eine Stadt-Idylle: der Brüsseler Platz (Bild: Grönert)
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Am Abend zugemüllter Treff für Hunderte junger Menschen, tagsüber eine Stadt-Idylle: der Brüsseler Platz (Bild: Grönert)
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Am Tag idyllisch, bei Dunkelheit nicht wieder zu erkennen: Der Brüsseler Platz wird nachts zur Open-Air-Meile. (Bild: Grönert)
Brüsseler Platz
Köln - Wie sie den Intellekt - sprich: die Einsichts- und Erkenntnisfähigkeit des jungen akademischen Nachwuchses - einschätzen, das fragt man Anwohner des Brüsseler Platzes zurzeit besser nicht. Seitdem Anfang April die Temperaturen erstmals vorsommerliche Werte erreichten, sehen sie sich allmorgendlich mit den Folgen von Gedankenlosigkeit und Ignoranz konfrontiert. Tausende von Zigarettenkippen, Kronkorken, Pappbechern und Pizzakartons liegen in den Beeten, für die die Anwohner ein Großteil ihrer Freizeit und auch Geld opfern.

Wo tagsüber sogar Touristen und Hobbyfotografen begeistert Halt machen und sich an der Blütenpracht erfreuen, strömen bei Dunkelheit immer mehr junge Leute herbei, die diese Innenstadt-Oase buchstäblich mit Füßen treten. Unübersehbar die Folgen nach Sonnenaufgang: Platt gesessene Rabatten, abgeknickte Stängel, Trampelpfade. Zugemüllte Beete, Haufen, die eindeutig nicht von Hunden stammen, vereinzelt kleine Plastiktütchen mit weißen Pulverresten und weit verstreut Scherben und Flaschen jeglicher Alkoholart, wie sie im angrenzenden „Kölnkiosk“ nahezu rund um die Uhr erhältlich sind.

Zwei Stunden lang hat Richard Dooley an diesem Samstagmorgen gebraucht, um sein Beet von Unrat zu befreien. Doch das Wesentliche, das, was der Amerikaner als „circle of death“, als Todeskreis für die Pflanzen, beschreibt, kann vor Ort keiner eindämmen. Immer mehr fühlen sich die pflanzenden Anwohner wie Sisyphus. Moderat formulierte Appelle, die Natur zu respektieren, haben bisher ebenso wenig bewirkt wie drastische Transpararente: „Müll, Dreck, Pisse, Kacke - wir haben die Schnauze voll!“

Es muss etwas passieren

Samstagabend, 22.30 Uhr: Auf den Beeträndern ist um diese Zeit kaum noch ein Sitzplatz zu finden. Dezenter Grasgeruch schwebt über dem Platz. Massen an jungen Leuten unterhalten sich, die Bierflasche in der Hand. Es wird nicht gegrölt oder rumgepöbelt. An einer Seite wird „der demografische Wandel in den Entwicklungsländern“ diskutiert, an anderer Stelle die Fresken der Kirche San Francesco in Arezzo. Satzfetzen geben Ausschluss über den Bildungsgrad der Platzbesucher, denen es nach Einschätzung von Gabriele Kiefer leider an elementaren Tugenden mangelt. „Wenn man die darauf anspricht, dass sie hier gerade die Beete platt sitzen, kriegt man noch blöde Antworten. Am ersten warmen Aprilabend waren 700 Leute hier. Können Sie sich das vorstellen?“ Der Kinderbuchautorin liegt die Funktion eines Platzwartes fern, „eine schreckliche Vorstellung!“ Aber sie fordert mit anderen Anwohnern: „Es muss was geschehen!“

Nur über das Was gehen die Meinungen auseinander. Während Kiefer unlängst in einem Schreiben an den Stadtdirektor sowie Vertreter von Ordnungs- bzw. Grünflächenamt und Polizei auf die Gepflogenheiten in anderen Ländern hinwies (was den nächtlichen Alkoholverkauf betrifft) und die Frage aufwarf, ob die hiesige Landesregierung nicht dringend in Sachen Kiosk-Kultur aktiv werden müsse, um den Open-Air-Besäufnis-Trend einzudämmen, lehnen andere restriktive Maßnahmen ab. „Wir finden den Platz so, wie er ist, toll“, betont Eva Doerfel. Die Inhaberin vom „Guten Abend“ begrüßt dessen Entwicklung. Indem sie Ihre Restaurant-Toilette auch den Menschen vom Platz zur Verfügung stellt, trägt sie ihrerseits auch zur Abschwächung eines Problems bei.

Beleuchtung statt Platzverbot

„Verbote, Bestrafung, Absperrung fänden wir schlimm“, unterstreicht Jochen Hamann, der bei dieser Debatte als Anwohner und weniger aus gastronomischer Sicht argumentiert. Er spricht in Hinblick auf die zugemüllten Beete zwar nicht explizit von Kollateralschäden, die hinzunehmen seien, sondern vom „Tribut, den man der Urbanisierung zollen muss“. Zudem glaubt er, „dass der gemäßigte Maßnahmenkatalog noch nicht ausgeschöpft“ sei, zumal auf dem Platz „doch keine aggressiven Menschen, sondern überwiegend Studenten“ seien.

Eine „heftige Entwicklung“ sehen sowohl der stellvertretende Grünflächenamtsleiter Joachim Bauer als auch Ralf Mayer als leitender Mitarbeiter im Ordnungsamt. Bei diesem „hochkomplexen Problemfeld“ mit dem ordnungspolitischen Hammer zu kommen, hält Mayer dennoch für verfehlt. Daher habe die Stadtverwaltung „einen Moderationsprozess angestoßen“. Ob der was bringt, bezweifeln die Bepflanzer. Gabriele Kiefer würde die veranschlagten 6000 Euro Moderations-Honorar lieber in eine Sprenkleranlage investiert sehen; nach dem Motto: wo abends Wasser rotiert, sitzt keiner im Beet. Chinoiserie-Gastronom Isidore Fernandes glaubt, dass mehr Platzbeleuchtung schon Verbesserung brächte, weil Dunkelheit Hemmschwellen senke.



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