Von Christian Bos, 27.04.09, 21:14h
Unfuturistischerweise kochen wir bis heute mit Topf und Löffel. Doch das Prinzip Raumschiff-Herd setzt sich an anderer Stelle durch. Dieser Tage stellt die Londoner Buchladen-Kette Blackwell's eine Maschine vor, welche die gesamte Branche umkrempeln könnte. Die „Espresso Book Machine“ druckt, bindet und schneidet fast jedes gewünschte Buch. Binnen fünf Minuten spuckt der nach außen hin recht unförmig wirkende Kasten ein ofenfrisch-heißes Exemplar aus (der Klebstoff, der die Seiten bindet, muss auf 176 Grad Celsius erhitzt werden). Kein schnellgehefteter Stapel Kopien, sondern ein wertiges Objekt mit allen haptischen Qualitäten eines Buches. Kurz: ein Buch, ein richtiges Buch.
Momentan bietet die „Espresso“ dem Kunden Zugang zu fast einer halben Million oft vergriffener Titel, in wenigen Monaten sollen es schon über eine Million sein. Die Berichterstatter der britischen Zeitungen freuen sich über Faksimile-Ausgaben von „Alice in Wunderland“ oder die „Gesammelten Werke von Marcus Tullius Cicero“, die nun bald in jedem Buchladen erhältlich sein werden. Sofern er sich den rund 133 000 Euro teuren Buchomaten leisten kann.
Papier ist nicht passé
Doch was den Bibliophilen freut, könnte auch für den Gelegenheitskäufer Konsequenzen zeitigen. „Warum eigentlich“, fragt der Netz-Philosoph Clay Shirky, „muss ein Buchladen oder ein Verleger auch im Logistik- und Warenhausgeschäft tätig sein?“ Genüge es nicht vielmehr, wenn in jedem Buchladen jeweils ein Ansichtsexemplar eines beliebten Buches vorhanden wäre, das sich der Kunde dann bei Bedarf ausdrucken lassen kann? Doch, das wäre eine Chance für die kleinen Händler. Der Bedarf an Quadratmetern sinkt, doch nicht derjenige an fachkundiger Beratung. Oder ist das alles Marginalie angesichts des E-Books? Ist Papier passé? Wir tippen: Nein. Schließlich hat der Computer auch nicht zum papierlosen Büro geführt. Sondern im Gegenteil dazu, dass jeder jederzeit jede Menge Druckaufträge erteilt.
Wenn Gutenbergs Geschenk an die Welt den digitalen Tod erleiden sollte, wäre das bestimmt nicht die Schuld des „Kindle“ oder des Sony-Readers. Sondern die des Projekts zur größten virtuellen Bibliothek der Welt. Seit vier Jahren digitalisiert Google die Bestände großer Bibliotheken, um sie anschließend auf der Internet-Plattform „Google Book Search“ der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Vergriffene, schwer auffindbare Texte - im Augenblick erreichbar; 25 Millionen Bände, noch dazu in durchsuchbarer Form. Das klingt nach rosiger Zukunftsvision, nach Reisen in Überlichtgeschwindigkeit. Doch das Unternehmen ist ein Alptraum: Eine bereits geschlossene Vereinbarung mit dem Amerikanischen Verleger-Verband sichert von Google in ihrem Urheberrecht verletzten Autoren eine Pauschale von 60 Dollar vor. Gegen die Regelung kann man bis zum 5. Mai Einspruch erheben. Es ist zuerst einmal Googles Vorgehen, das empört: Der Internet-Riese schafft Fakten im vermeintlich rechtsfreien Raum und diktiert anschließend die Bedingungen seiner Reparationszahlungen.
Nun haben, reichlich spät, 1300 deutsche Schriftsteller in einem „Heidelberger Appell“ die deutsche Bundesregierung dazu aufgerufen, an ihrer statt zu intervenieren (wir berichteten). Unter ihnen so bekannte Namen wie Alexander Kluge, Hans-Magnus Enzensberger, Siegfried Lenz und Brigitte Kronauer. Leider vermengen die Heidelberger in ihrem Aufruf mehrere Diskussionen, bringen sich gleichzeitig in Kampfstellung gegen den so genannten „Open Access“ für wissenschaftliche Artikel und die Internet-Piraterie.
Das Problem mit Googles „Book Search“-Programm ist ganz einfach: Mit dem 5. Mai 2009 hätte sich das einstige Suchmaschinen-Star-Up nicht nur zur Hauptquelle von Buchrecherchen, sondern auch zum verlegerischen Monopolisten gemausert. Die Mehrzahl der von Google erfassten Bestände sind so genannte verwaiste Werke. Bücher, dessen Rechteinhaber nicht aufgefunden werden können. „Niemand, nicht Google, nicht der Nikolaus, sollte soviel Einfluss über die gesamte Welt der Literatur haben“, schreibt Cory Doctorow, Schriftsteller und Experte für Digitale Rechte. Mag sein, dass wir demnächst zur Buchtankstelle gehen und den gewünschten Text aus frei flottierenden Molekülen abzapfen, wie einst die Fantasie-Kosmonauten ihre Mahlzeiten. Mag sein, dass dann Google die Gebühren und Bedingungen des Downloads diktiert.
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