Von Claudia Hauser, 29.04.09, 17:02h, aktualisiert 29.04.09, 17:06h
„Die Werke entstehen aus einem Zwang heraus“, sagt Querengässer. Heike Sistig unterliegt dem Zwang, alles voll kritzeln zu müssen, was sie in die Finger bekommt. Ihre Schreibtischunterlagen, die in der Galerie gezeigt werden, machen schwindelig. Es gibt kein weißes Fleckchen in den unruhigen Collagen aus Tieren, ausgeschnittenen Formen und Worten. Bialla W. Hallmanns „Frühlingserwachen“ zeigt zwar eine Gänseblümchenwiese und blauen Himmel, die Blumen werden aber von einem Käfig erdrückt, in dem ein Mann eingesperrt ist. Das Bewusstsein des Gefangenseins war dem Künstler stets präsent. „Diese Kunst entzieht sich herkömmlichen Begriffen“, sagt Querengässer. Die Künstler leben abseits des etablierten Kunstbetriebs, sind psychisch Kranke, Gefangene oder gesellschaftlich Unangepasste. Querengässer liebt ihre Authentizität - nichts ist kalkuliert, und gerade deshalb wirken die Bilder so unmittelbar und wahrhaftig. Dass sie dabei auch verstören können, bringt der Einblick in die Seele der Künstler mit sich.
Lernen, den Blick ruhen zu lassen
Seit 14 Jahren leitet Tom Querengässer die Galerie in der Lindenstraße. Früher hatte der Kunsthistoriker eine Werbeagentur. „Eine grenzenlos verlogene Branche“, sagt er. In seiner Galerie mit dem alten verwinkelten Kellersystem muss der 57-Jährige sich nicht von Kunden reinreden lassen, keine Kompromisse mehr machen. Viele Künstler tummeln sich auf dem Markt - allein in Köln gibt es rund 160 Ausstellungsräume, Querengässer findet das viel zu viel. „Nicht jeder, der eine Klobürste festhalten kann, ist ein Künstler“, sagt er. Er stellt fest, dass die Besucher mehr und mehr verunsichert sind angesichts eines übergroßen Angebots. „Die Leute trauen sich doch gar nicht mehr zu sagen »Das gefällt mir nicht«, sondern sagen »Das ist nichts für mich«.“
Aber wie solle jemand, der als Kind den Umgang mit Bildern und Kunst-Objekten nicht gelernt hat, später noch einen Sinn dafür entwickeln? Kinder müssten in der Schule wieder „richtiges Sehen“ lernen, meint Querengässer. „Sie sind doch durch ständig wechselnde Bilder im Fernsehen gar nicht mehr gewohnt, ihren Blick mal ruhen zu lassen.“ Kinderaugen sehen anders. Deshalb müsse man sie mit „kindergerechter Kunst“ bekannt machen. „Es bringt nichts, ganze Schulklassen durchs Museum zu schleifen und sie vor Werke zu stellen, mit denen sie nichts anfangen können.“ Bunte Bilder wie die von Benita von Wendt zauberten hingegen Begeisterung in die Gesichter der Kinder. Und Querengässer beobachtet das seinerseits voller Begeisterung.
Galerie Skala, Lindenstraße 21, Öffnungszeiten: Mo bis Fr 12 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 14 Uhr. Die beiden Ausstellungen sind noch bis Samstag, 2. Mai, zu sehen.
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