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Interview mit Helmut Thoma

„Ich habe alles gesehen“

Erstellt 01.05.09, 20:59h, aktualisiert 01.05.09, 21:00h

Der einstige RTL-Gründungsintendant Helmut Thoma feiert seinen 70. Geburtstag. In unserem Interview spricht er über seine Vergangenheit, die Zukunft des Fernsehens und über sein Ziel eine Autobiografie zu verfassen.

Helmut Thoma
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Helmut Thoma auf seiner Gartenbank. (Bild: Beissel)
Helmut Thoma
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Helmut Thoma auf seiner Gartenbank. (Bild: Beissel)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Thoma, Ihr bekanntestes Zitat ist das vom Wurm, der dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss. Jetzt werden auf RTL Kakerlaken verzehrt. Konsequent?

HELMUT THOMA: Ja klar, beim „Heißen Stuhl“ haben wir ja schon Insektenesser in Scharen gehabt. Viele Experten sagen, dass Insekten eines Tages die wichtigsten Proteinlieferanten sein werden. Warum soll man sie nicht essen? Vielleicht besser als gequälte Schweine und Rinder.

Warum kamen Sie Ende der 80er Jahre nach Köln?

THOMA: Der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister hat mir den Hafen gezeigt. Inzwischen ist dort viel passiert, damals war da nicht nichts, und ich habe gefragt: Soll ich da Zelte aufstellen? Wir hatten ja kein Geld. Dann wurde uns der Gebäudekomplex an der Aachener Straße gezeigt. Den hatte eine englische Firma gemietet und war dann weggegangen, so dass er leer stand. Wir haben ihn blitzartig umgebaut.

In diesem Jahr erwarten die Privatsender einen klaren Rückgang der Werbeeinnahmen. Ist das eine vorübergehende Krise oder das Ende der 25-jährigen Erfolgsgeschichte?

THOMA: Die wird weitergehen. Die Frage ist eher, was passiert auf längere Frist mit den Öffentlich-Rechtlichen? Rückschläge gibt es überall. Und das Fernsehen hat das größte Potenzial. Es ist das preiswerteste Unterhaltungsmedium, ich glaube, dass es noch allgegenwärtiger werden wird.

Jetzt, da das Internet alle Geschäftsmodelle in Frage stellt?

THOMA: Die andere große Frage ist eher: Was wird in zehn, 15 Jahren aus dem Internet? Vielleicht bin ich mit dieser Meinung etwas einsam, aber: irgendwann wird Internet ein Begriff sein wie heute das Morsen. Das war eine Form, Texte und Standbilder auf den Computer zu bekommen. Bald spielt sich alles auf immer größeren Fernsehflächen ab, auf Folien mit ungeheuerer Leuchtkraft, die man im Baumarkt zuschneidet und sich zuhause an die Wand klebt. Vielleicht ersetzt Spracherkennung die Tastatur, und ich sage dem Fernseher die Adresse. Was ist dann Internet?

Und die Leute gucken trotzdem täglich um 19.45 Uhr „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“?

THOMA: Die Menschen wollen das. Sie wollen einschalten und sich anschauen, was gerade kommt. „On demand“ wird eine Rolle spielen, aber für lange Zeit zehn bis 20 Prozent der Anteile nicht überschreiten.

Die öffentlich-rechtlichen Sender sehen Sie auch in Gefahr?

THOMA: Das Duale System löst sich auf. Wir haben zwei ziemlich getrennte Systeme, eines bei den Menschen unter 50 Jahren und eines bei denen über 50. Bei denen unter 50 liegen ARD und ZDF mit ihrem Marktanteil hinter RTL 2, Vox und bald auch Kabel 1. Sie reiten sozusagen der sinkenden Abendsonne entgegen. Bald gibt es keine Rechtfertigung mehr für diese Riesenapparate, außer dass die Landespolitik begeistert über dieses Instrument verfügt. Das öffentlich-rechtliche System wird sicher nicht in Deutschland aufgelöst werden. Aber wenn einmal in Europa ein Großer umfällt - Sarkozy in Frankreich - steht es plötzlich in Frage.

Gerade schlagen sich alle um dieselben Prominenten, Pocher und Kerner gehen von ARD beziehungsweise ZDF zu Sat 1.

THOMA: Ich glaube, dass da wieder ein Fehler gemacht wird, den wir anfangs auch gemacht hatten. Man braucht zuerst eine Sendung, auf die man dann einen tollen Verkäufer, sprich: Moderator draufsetzt. Man darf nicht einen Moderator engagieren und denken, eine Sendung wird sich schon finden. Diesen Fehler hatte ich begangen, als ich zum Beispiel den Kuhlenkampff geholt habe, und Thomas Gottschalk.

Was werden Ihre wichtigsten Aktivitäten als 70-Jähriger sein?

THOMA: Ich hoffe, dass ich ein bisschen als Berater tätig sein kann. Ich bin im Verwaltungsrat beim Schweizer Sender „3plus.tv“. Und bei einem internationalen Digitalsender, „Luxe-TV“. Die Vorstellung von Luxus ist in Wladiwostok dieselbe wie in Caracas, es gibt ganz wenige Inhalte, die so universell sind. Das ist so ähnlich wie „Fashion TV“, aber auf Luxusgegenstände bezogen, Champagner oder Autos, und wird in sieben Sprachen weltweit verbreitet.

Planen Sie, wie der ehemalige Sat 1-Chef Roger Schawinski, auch mal ein Enthüllungsbuch über das Fernsehgeschäft zu schreiben?

THOMA: Im Herbst schreibe ich höchstwahrscheinlich eine Autobiografie. Ich bin ja praktisch 43 Jahre im Fernsehen. Öffentlich-Rechtliche, Private, Werbung, ich habe mich in letzter Zeit viel mit dem Internet beschäftigt, mit der Digitalisierung, Mobilfunk . . . Ich habe eigentlich alles schon gesehen.

Wird das eine reine Fernseh-Autobiografie oder geht um ihr gesamtes Leben?

THOMA: Um das gesamte Leben, meine Zeit als Molkereilehrling kommt auch vor. Das ist ja auch ganz lustig, von der Kuh bis zum Fernsehen - obwohl ich in einer großen Molkerei tätig war und mit Kühen nie etwas zu tun gehabt hatte.

Das Gespräch führte Christian Bartels



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