Von Marianne Kierspel, 04.05.09, 15:17h
Kaum zu glauben, dass der amerikanische Erzähler im gleichen Jahr zur Welt kam wie der Komponist Felix Mendelssohn - beide waren übrigens von Schottland fasziniert. Darauf verwies Thomas Becker bei seinem Stummfilm-Abend mit Live-Musik in der Pauluskirche. Vorab raunte der Filmvorführer: „Was die da oben zaubern, wird Sie verführen.“
Auf der Empore unterlegten vier Spieler dem Film Klänge zwischen Musik und Geräusch. Becker (Orgel, Cembalo), Ulrike Leydel (Flöte), Matthias Hudelmayer (Cello) und Volkmar Müller (Sounds) schienen spontan zu Bildern von Sturm und Schrecken zu improvisieren. Auch machten sie Reales hörbar, Schritte, das Ticken der Uhr, Pferdegetrappel. Am Altar trat Jens Zimmer als Erzähler mit Zylinder auf. Er las kurze Abschnitte aus der Poe-Übersetzung von Arno Schmitt (Schmitt schreibt „Ascher“). Zu Schmitts nüchternem Deutsch passte die unaufgeregte Stimme. Die unterkühlte Textebene schuf, anders als die nachvollziehende Musik, einen Kontrast zu bedrohlichen Filmsequenzen. Der nervenkranke Roderick Usher porträtiert seine Frau Madeline (bei Poe ist sie seine Schwester, im Film fehlt die Anspielung auf Inzest). Das Bildnis lebt, aber Madeline stirbt. Oder wird sie etwa lebendig eingesargt? Sie kehrt jedenfalls aus der Familiengruft zurück, das Haus Usher geht im Feuer unter.
Der Film packt, auch wenn er frei mit Poes fantastischen Motiven umgeht. Nachher dankte ein Besucher für den Filmabend und befand: „Ihre Musik hat die Bilder vertieft.“ Das zu überprüfen, wäre einmal interessant: Was leisten Schwarzweißbilder, wenn man sie nicht fürs Ohr verdoppelt? Welche Spannung schaffen Stummfilme ohne akustische Nachhilfe?
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