Von Corinna Schulz, 04.05.09, 22:59h, aktualisiert 04.05.09, 23:48h
Einige tausend Kinder und Jugendliche verbrachten die Zeit nach dem Krieg bis weit in die 70er Jahre in sechs Jugendhilfeeinrichtungen des LVR. Viele mussten Prügelstrafen, Demütigungen, sexuellen Missbrauch und Zwangsarbeit erdulden. Eingewiesen wurde oft schon wegen kleinster Verfehlungen wie „Arbeitsbummelei“, „Verlogenheit“ oder „Umhertreiben“.
Jetzt hat der Landschaftsverband Rheinland (LVR) erstmals ehemalige Heimkinder um Entschuldigung gebeten und die Zustände in seinen Kinderheimen in der Nachkriegszeit bedauert. „Ich bin tief betroffen über die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche leben mussten und möchte hier und jetzt dafür öffentlich eine Entschuldigung aussprechen“, sagte der Vorsitzende des LVR-Landesjugendhilfeausschusses, Jürgen Rolle, auf einer Tagung in Köln. Der LVR wolle sich seiner Verantwortung stellen.
Studie liegt 2010 vor
Mitte vorigen Jahres hatte der Landschaftsverband fünf Wissenschaftler, darunter Historiker und Pädagogen, beauftragt, die Vergangenheit in den Heimen aufzuarbeiten. Bis Anfang 2010 sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen. Zu den untersuchten Einrichtungen gehören das Rheinische Landesjugendheim Erlenhof in Euskirchen, das Rheinische Landesjugendheim Fichtenhain in Krefeld, das Rheinische Landesjugendheim Halfeshof in Solingen, der Dansweiler Hof in Freimersdorf, das Haus Hall in Ratheim und das Heilpädagogische Landesjugendheim Viersen.
Beleuchtet werden soll unter anderem die Frage, ob in den Heimen unnötig harte oder entwürdigende Strafen üblich waren und ob es zu Misshandlungen und anderen Straftaten gekommen ist. Dabei sollen neben den Aufzeichnungen der Erzieher und Heimleiter auch die Berichte von ehemaligen Heimkindern in die Studie einfließen. „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt bereits erkennen, dass es Entgleisungen einiger Erzieher mit sadistischen Neigungen gegeben hat“, sagte Uwe Kaminsky, Mitglied der Forschungsgruppe. Zudem seien viele der 300 Erzieher kaum im Umgang mit Jugendlichen ausgebildet gewesen. Ein großer Teil des Personals setzte sich aus ehemaligen Soldaten, Gefängniswärtern oder Bauern zusammen. „Viele Erzieher waren gänzlich überfordert“, sagte Kaminsky.
Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, lobte die Aufarbeitungsarbeit des Landschaftsverbandes. Die ehemalige Umweltministerin, die sich in der Vergangenheit für eine Anhörung der Heimkinder vor dem Petitionsausschuss des Bundestages eingesetzt hatte, forderte neben einer Entschuldigung auch die Einrichtung eines Bundesfonds, dessen Gelder den Betroffenen zu Gute kommen. Einzahlen sollen neben den öffentlichen und kirchlichen Heimträgern wie Caritas und Diakonie auch Unternehmen, in denen Heimkinder als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Auch der LVR unterstützt den Vorschlag. „Dabei kommt es nicht auf die Höhe der Entschädigung an, sondern auf den Respekt, den man den Betroffenen entgegenbringt“, sagte Künast.
Für das ehemalige Heimkind Peter Laxy wird nun langsam Realität, was er sich so viele Jahre gewünscht hat: Nach jahrelangem Schweigen und Verdrängen wird nun zunehmend das geschehene Unrecht öffentlich anerkannt. „Am Ende des bundesweiten Aufarbeitungsprozesses wünsche ich mir, das es kein Stigma, kein Makel mehr ist, ein Heimkind zu sein.“
Die Scham über die Vergangenheit
05.05.2009 | 15.46 Uhr | Helmut Jacob
Dass der Landschaftsverband-Rheinland seine schwarze Vergangenheit aufarbeitet, ist löblich und wohl dem Direktor zu verdanken, der dieses Thema zur…
Liste der Heime nicht vollständig
05.05.2009 | 12.43 Uhr | Kellner der Szene
Ich war von 1983-1984 "Insasse" in dem Kinderheim St. Heribert in Leichlingen/Rheinland - ich kann diese Misstände nur bestätigen. Rückblickend…
ein ermutigendes Zeichen der Hoffnung
05.05.2009 | 11.18 Uhr | manasvi
Daß wie in diesem Beispiel ein gesellschaftlicher Mißstand nicht verdeckt oder beschönigt, sondern mit dem Anspruch der Wahrheitsfindung…
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