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Heimkinder

Geschlagen und gedemütigt

Von Corinna Schulz, 04.05.09, 22:59h, aktualisiert 04.05.09, 23:48h

Der Landschaftsverband Rheinland stellt sich einem wenig rühmlichen Abschnitt seiner Geschichte. Er hat ehemalige Heimkinder um Entschuldigung gebeten und die Zustände in seinen Kinderheimen in der Nachkriegszeit bedauert.

Kinderheime in Nachkriegszeit
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Die Schusterei im Rheinischen Landesjugendheim Fichtenhain in Krefeld. War dies sinnvolle Beschäftigung oder schon Zwangsarbeit? Wissenschaftler gehen im Auftrag des LVR dieser Frage nach. (Bild: LVR)
Kinderheime in Nachkriegszeit
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Die Schusterei im Rheinischen Landesjugendheim Fichtenhain in Krefeld. War dies sinnvolle Beschäftigung oder schon Zwangsarbeit? Wissenschaftler gehen im Auftrag des LVR dieser Frage nach. (Bild: LVR)
Zeitzeuge Peter Laxy
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Zeitzeuge Peter Laxy berichtete in einer Diskussion beim Landschaftsverband in Köln von seinen Erlebnissen als Heimkind. (Bild: Krasniqi)
Zeitzeuge Peter Laxy
KÖLN - Noch immer sitzt der Schmerz tief. Die Jahre von 1953 bis 1956, die Peter Laxy im Krefelder Landesjugendheim Fichtenhain verbracht hat, haben sein Leben geprägt. „Wir wurden geschlagen, misshandelt und gedemütigt“, sagt der 71-Jährige. Einer der Erzieher des Heimes, dessen Träger der Landschaftsverband Rheinland (LVR) war, habe ihn an den Brustwarzen gepackt, hoch gehoben und dann geschüttelt. Bis heute habe er irreparable seelische und körperliche Schäden aus der Zeit im Heim zurückbehalten.

Einige tausend Kinder und Jugendliche verbrachten die Zeit nach dem Krieg bis weit in die 70er Jahre in sechs Jugendhilfeeinrichtungen des LVR. Viele mussten Prügelstrafen, Demütigungen, sexuellen Missbrauch und Zwangsarbeit erdulden. Eingewiesen wurde oft schon wegen kleinster Verfehlungen wie „Arbeitsbummelei“, „Verlogenheit“ oder „Umhertreiben“.

Jetzt hat der Landschaftsverband Rheinland (LVR) erstmals ehemalige Heimkinder um Entschuldigung gebeten und die Zustände in seinen Kinderheimen in der Nachkriegszeit bedauert. „Ich bin tief betroffen über die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche leben mussten und möchte hier und jetzt dafür öffentlich eine Entschuldigung aussprechen“, sagte der Vorsitzende des LVR-Landesjugendhilfeausschusses, Jürgen Rolle, auf einer Tagung in Köln. Der LVR wolle sich seiner Verantwortung stellen.

Studie liegt 2010 vor

Mitte vorigen Jahres hatte der Landschaftsverband fünf Wissenschaftler, darunter Historiker und Pädagogen, beauftragt, die Vergangenheit in den Heimen aufzuarbeiten. Bis Anfang 2010 sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen. Zu den untersuchten Einrichtungen gehören das Rheinische Landesjugendheim Erlenhof in Euskirchen, das Rheinische Landesjugendheim Fichtenhain in Krefeld, das Rheinische Landesjugendheim Halfeshof in Solingen, der Dansweiler Hof in Freimersdorf, das Haus Hall in Ratheim und das Heilpädagogische Landesjugendheim Viersen.

Beleuchtet werden soll unter anderem die Frage, ob in den Heimen unnötig harte oder entwürdigende Strafen üblich waren und ob es zu Misshandlungen und anderen Straftaten gekommen ist. Dabei sollen neben den Aufzeichnungen der Erzieher und Heimleiter auch die Berichte von ehemaligen Heimkindern in die Studie einfließen. „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt bereits erkennen, dass es Entgleisungen einiger Erzieher mit sadistischen Neigungen gegeben hat“, sagte Uwe Kaminsky, Mitglied der Forschungsgruppe. Zudem seien viele der 300 Erzieher kaum im Umgang mit Jugendlichen ausgebildet gewesen. Ein großer Teil des Personals setzte sich aus ehemaligen Soldaten, Gefängniswärtern oder Bauern zusammen. „Viele Erzieher waren gänzlich überfordert“, sagte Kaminsky.

Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, lobte die Aufarbeitungsarbeit des Landschaftsverbandes. Die ehemalige Umweltministerin, die sich in der Vergangenheit für eine Anhörung der Heimkinder vor dem Petitionsausschuss des Bundestages eingesetzt hatte, forderte neben einer Entschuldigung auch die Einrichtung eines Bundesfonds, dessen Gelder den Betroffenen zu Gute kommen. Einzahlen sollen neben den öffentlichen und kirchlichen Heimträgern wie Caritas und Diakonie auch Unternehmen, in denen Heimkinder als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Auch der LVR unterstützt den Vorschlag. „Dabei kommt es nicht auf die Höhe der Entschädigung an, sondern auf den Respekt, den man den Betroffenen entgegenbringt“, sagte Künast.

Für das ehemalige Heimkind Peter Laxy wird nun langsam Realität, was er sich so viele Jahre gewünscht hat: Nach jahrelangem Schweigen und Verdrängen wird nun zunehmend das geschehene Unrecht öffentlich anerkannt. „Am Ende des bundesweiten Aufarbeitungsprozesses wünsche ich mir, das es kein Stigma, kein Makel mehr ist, ein Heimkind zu sein.“



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