Von Irene Meichsner, 04.05.09, 20:04h
Das letzte Sonnenflecken-Maximum wurde im Jahre 2000 beobachtet. Nach einem solchen Höhepunkt sinkt ihre Zahl kontinuierlich ab, um dann allmählich wieder anzusteigen. Vor drei Jahren sah Hathaway das jüngste „Solarminimum“ erreicht. „Ich erwarte die ersten Flecken des neuen Zyklus Ende 2006 oder 2007“, prophezeite der Forscher im März 2006: „Das nächste Solarmaximum wird 2010 oder 2011 voll im Gange sein. Ich gehe davon aus, dass es ein Prachtexemplar wird.“
Hathaway schien seiner Sache also ganz sicher. Anfangs lief auch alles nach Plan. „Es ist ein bisschen so wie bei der ersten Schwalbe im Frühling“, frohlockte der Forscher, nachdem Ende Juli 2006 ein erster Sonnenfleck gesichtet worden war. Die Tatsache, dass er schon so früh auftauchte, schien darauf hinzudeuten, dass sich ein besonders heftiger Zyklus zusammenbraute. Auf dem Höhepunkt der Sonnenaktivität wurden in der Vergangenheit sogar schon mehr als hundert Flecken gleichzeitig beobachtet. Doch Hathaway freute sich entschieden zu früh. Das ganze Jahr 2007 verstrich dann nämlich ausgesprochen fleckenarm.
Die Zeichen bleiben aus
Tapfer passte Hathaway seine Vorhersagen seitdem immer wieder den Kapriolen der Sonne an. „Der 24. Sonnenfleckenzyklus hat begonnen“, erklärte er im März 2008. Täglich den Computer mit den aktuellen Daten zu sichten und immer wieder von einer Flaute enttäuscht zu werden, zehrt an den Nerven „Als Wissenschaftler erwarten wir sehnsüchtig die Rückkehr der Sonnenflecken.“, ließ Hathaway im September 2008 verlauten. „Ich denke, das Solarminimum liegt hinter uns“, befand er zwei Monate später.
Bis heute warten David Hathaway und seine Kollegen vergeblich auf ein eindeutiges Zeichen, dass der neue elfjährige Sonnenfleckenzyklus tatsächlich in Gang gekommen ist. Von den ersten 90 Tagen des Jahres 2009 verstrichen 78 fleckenlos. Das Jahr 2008 geht sogar als historisches Tief in die Geschichte ein. An 266 von 356 Tagen zeigte sich die Sonne ohne jeden Makel - eine Rekordquote von 73 Prozent. Um eine noch geringere Zahl von Sonnenfleckentagen zu finden, muss man schon bis ins Jahr 1913 zurückgehen, in dem die Astronomen auf 311 fleckenlose Tage kamen. Inzwischen wundert sich nicht mehr nur David H. Hathaway: Was ist bloß mit der Sonne los?
Energie von Tausenden von Atombomben
Die Frage ist alles andere als akademisch. Wie aktiv die Sonne ist, bekommen wir alle zu spüren. Als Ursache der Sonnenflecken gelten Magnetfelder, die aus dem Inneren der Sonne an die Oberfläche dringen. Anzahl und Größe der sichtbaren Flecken erlauben Rückschlüsse auf die Intensität der Ausbrüche von Sonnenmaterial, das ins Weltall geschleudert wird. Der Schrecken über eine besonders heftige Explosion, die sich vor zwanzig Jahren, im März 1989, ereignete, sitzt vielen heute noch in den Knochen. Die magnetischen Kräfte setzten innerhalb von Minuten eine rund eine Milliarden Tonnen schwere Wolke mit elektrisch geladenen Teilchen frei. Das entsprach einer Energie, als ob Tausende von Atombomben gleichzeitig explodiert wären.
Die Wolke breitete sich mit einer Geschwindigkeit von rund einer Million Stundenkilometern aus. Am Abend des 12. März traf sie mit voller Wucht auf das Magnetfeld der Erde. Der gewaltige „geomagnetische Sturm“ löste nicht nur spektakuläre Nordlichter aus, die noch bis nach Florida und Kuba zu sehen waren. Er führte auch zu massiven elektrischen Turbulenzen. In der gesamten kanadischen Provinz Quebec fiel der Strom aus. Der Blackout dauerte zwölf Stunden. Millionen Menschen saßen im Dunklen. Viele blieben in Aufzügen oder in der U-Bahn stecken. Schulen, Büros und der Flughafen wurden geschlossen. Auch die Raumfahrt war betroffen: Mehrere Satelliten gerieten außer Kontrolle. Beim Space Shuttle „Discovery“ spielten Sensoren auf dem Wasserstofftank verrückt.
Weltraum-Wettervorhersage
Glücklicherweise sind Sonnenstürme von solcher Gewalt selten. Doch zwei bis drei Mal während eines Fleckenzyklus kann es durchaus zu größeren Zwischenfällen kommen. Vielen wäre darum wohler in ihrer Haut, wenn sich das „Weltraumwetter“ präziser und längerfristig vorhersagen ließe, um für den Fall eines heftigeren Sturms besser vorbereitet zu sein - ähnlich wie bei der Vorhersage von Hurrikanen und Tornados.
Schon 1989 traf sich ein erste Forschegruppe, um die weitere Entwicklung des damals laufenden 22. Fleckenzyklus abzuschätzen, der im gleichen Jahr seinen Höhepunkt erreichte. Im September 1996 versammelte man sich wieder - ein halbes Jahr nach dem offiziellen Start von Zyklus Nummer 23. In beiden Fällen lagen die Wissenschaftler mit ihren Abschätzungen weitgehend richtig, obwohl sie für ihre Vorhersagen unterschiedliche Methoden verwendeten.
Vor diesem Hintergrund wagte man sich im April 2007 an das bislang ehrgeizigste Projekt. Im Millennium Hotel in Boulder (US-Staat Colorado) setzte sich ein zwölfköpfiges Expertengremium zusammen, um eine langfristige Vorhersage über den Verlauf des bevorstehenden 24. Fleckenzyklus abzugeben. Dieses Mal standen sich die Positionen der Wissenschaftler diametral gegenüber. Eine Hälfte prophezeite, der nächste Zyklus werde besonders schwach ausfallen. Die andere Gruppe, zu der David Hathaway zählt, sah im Gegenteil einen der bislang intensivsten Fleckenzyklen seit Beginn der Aufzeichnungen kommen - vergleichbar einer besonders heftigen Phase in den 1950er Jahren. Der Grund für die Divergenzen waren unterschiedliche Auffassungen über die Mechanismen, die dem Zyklus zugrunde liegen - und die unterschiedlichen Vorhersagemethoden. So vertritt der Sonnenphysiker Dean Pesnell vom Goddard Space Flight Center der Nasa in Greenbelt (Maryland) die Meinung, dass man sich an der Stärke des polaren Magnetfelds der Sonne orientieren sollte.
Hathaway hält eine andere Methode für besser geeignet. Er stützt sich auf die Fluktuationen oder Vibrationen in der Intensität des Erdmagnetfels, das während eines laufenden Zyklus auf Ströme von Sonnenteilchen reagiert. „Das ist so, als würden Sie aus der Ferne einen Güterzug hören und versuchen, die Größe des Zugs abzuschätzen - mit dem Unterschied, dass es sich bei dem, worauf wir hören, um das Erdmagnetfeld handelt. Wenn wir hören, was das Erdmagnetfeld zuletzt tat, kommen wir zu dem Ergebnis, dass es ein starker Peak war, der annehmen lässt, dass der nächste Zyklus ein 'großer' Zyklus sein könnte.“
Das Patt zwischen den beiden entgegen gesetzten Positionen stellte niemand zufrieden. Doch eine Einigung war schlechterdings nicht herbeizuführen. Seitdem gibt es zwei offizielle Tabellen mit konträren Daten, die beide regelmäßig aktualisiert werden. Der Datensatz „Predict Low“ spiegelt die Ansicht der einen Hälfte des Panels wieder, wonach der neue Fleckenzyklus schwächer ausfällt als der Durchschnitt. Hinter „Predict high“ steckt die Annahme, dass er überdurchschnittlich stark wird. Um die Daten überhaupt noch handeln zu können, gibt es außerdem noch eine dritte Tabelle mit dem Mittelwert. Sie hat faktisch aber kaum Bedeutung, weil sie von keinem der beteiligten Wissenschaftler ernsthaft vertreten wird.
Die Sonne schweigt
Vorerst können die Forscher nichts weiter tun als abzuwarten. Schon machen Spekulationen die Runde, dass sich die Sonne auch noch sehr viel länger in Schweigen hüllen könnte. Das hätte möglicherweise sogar Folgen für das Klima. In Zeiten mit vielen Flecken ist es auf der Erde tendenziell wärmer, in Zeiten mit weniger Flecken gibt sie weniger Strahlung ab, und es ist tendenziell kühler. In der Zeit von 1650 bis 1700 war die Sonne ein halbes Jahrhundert lang weitgehend inaktiv und ohne Flecken. Fast gleichzeitig erreichte die so genannte „Kleine Eiszeit“ auf der Nordhalbkugel ihren Höhepunkt.
Noch erlaubt die aktuelle Fleckenflaute keinerlei Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des Klimas. Dafür müsste sie sehr viel länger anhalten. Wann also findet das nächste Sonnenmaximum tatsächlich statt? Niemand weiß es, doch die Frage hat noch aus einem weiteren Grund vitale Bedeutung. Für 2012 wird eine ungewöhnliche große Lücke im schützenden Erdmagnetfeld erwartet, dadurch hätten die Sonnenteilchen gewissermaßen freie Bahn. In einem Anfang 2009 veröffentlichten Report über die sozialen und ökonomischen Folgen schwerer „Weltraumwetter“-Ereignisse warnte ein vom amerikanischen „National Research Council“ einberufenes Expertenteam vor Störungen der Stromversorgung in ungeahntem, katastrophenträchtigem Ausmaß.
Allen Forschern ist klar geworden, wie wenig sie letztlich von dem geheimnisvollen Fleckenzyklus wissen. Und sie haben begonnen, sich mit der unge wohnten Situation zu arrangieren. „Think Positive!“ lautet gegenwärtig die Devise - über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg. „Zum ersten Mal in der Geschichte können wir ein tiefes solares Minimum verfolgen“, sagt Dean Pesnell: „Es war an der Zeit für ein wenig Ruhe.“ David Hathaway stößt ins gleiche Horn: „Wir sind an diese Ruhe einfach nicht gewöhnt.“
Seit 2005 fällt die Temperatur stetig
07.05.2009 | 12.51 Uhr | caravor
Der Hinweis von Frau Meichsner auf die „Kleine Eiszeit“, einem lebensfeindliche Zeitraum für die Menschen, demonstriert schon den starken Einfluss…
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