Erstellt 18.05.09, 21:03h, aktualisiert 19.05.09, 08:21h
HORST LICHTER So lange ist das noch gar nicht her. Aber es war jedenfalls bei dem einzigen Menschen, bei dem ich Sushi essen kann, Steffen Henssler in Hamburg. Der kocht das nämlich.
Die meisten Leute schätzen an Sushi die rohe Komponente.
LICHTER Jetzt mal ehrlich, nur rohen Fisch essen, das ist doch nicht wirklich lecker. Aber bei dem Titel für mein Bühnenprogramm ist das als Metapher gedacht. Als Zuspitzung für das, was bei uns gerade läuft mit den Kochtrends, mit dem Essen. Ich bin da ja mitten drin. Das ist eine Flut. Aber damit muss man auch mal aufräumen, bevor die Leute glauben, das wäre normal.
Neue Verfahren wie die Avantgarde, die Ferran Adrià begründet hat, kommen bei Ihnen nicht besonders gut weg. Ist nur gutbürgerlich gut?
LICHTER Nein, so sollte man das nicht verstehen. Auch wenn ich über die Molekularküche herziehe, sie interessiert mich schon, weil ich noch mehr über Lebensmittel lerne. Weil ich neue Geschmacksrichtungen entdecken kann. Das nimmt natürlich auch langfristig Einfluss auf das Kochen generell. Trotzdem verstehe ich nicht, warum man ein 500-Gramm-Filet als Schaum servieren muss. Das krieg' ich nicht in meinen Kopf.
Ohne diese Menschen gäbe es in der Küche aber wohl wenig Entwicklung.
LICHTER Natürlich, Trends sind wichtig und Innovationen sind wichtig. Aber wenn man ganz, ganz ehrlich ist, und das kann niemand bestreiten, auch keiner von den ganz großen Koch-Künstlern mit zwei und drei Sternen: All diese Menschen, die sich im Extrem bewegen, essen in ihrer Freizeit das, was jeder von uns kennt und liebt. Und genau das gibt es kaum noch irgendwo wirklich gut. Ein Hähnchen, im Backofen mit Kräutern gebacken, wie das früher meine Oma gemacht hat - das ist eine Köstlichkeit.
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass diese einfachen Dinge verloren gehen?
LICHTER Kaputt gemacht wurde das, weil irgendwann 500 Stück in einem Lkw am Spieß hängen. Dann wird dieses gute alte Gericht getötet. Oder wenn man irgendwann nur noch Kartoffelpüree aus der Tüte anrührt, dann tötet man das. Und deswegen muss es einen geben - das bin ich - der sagt, wenn ich Durst habe, geht nichts über ein Wasser. Wenn ich lecker was trinken möchte, gibt es viele Sachen. Aber die sind nicht für den Durst. Wenn ich Hunger habe, möchte ich was Leckeres essen. Da muss ich aber keine Zuckerwatte haben als Vorspeise, die eine Suppe sein soll. Das ist etwas für den Genießer, für denjenigen, der sich dafür öffnen kann.
Sie hängen sehr an der „guten, alten Zeit“?
LICHTER Ich liebe diese alten Dinge, alte Werte, alt bekannte Gerichte. Ich liebe diese schönen Sachen. Aber ich lebe nicht in der Vergangenheit, ich lebe heute. Ich liebe ein altes Röhrenradio, aber trotzdem habe ich auch einen Computer und kann damit umgehen. Ich mag so ein altes weißes Telefon, wofür Frauen früher sogar so ein Mäntelchen gehäkelt haben. Aber trotzdem habe ich ein iPhone. Das soll auch auf der Bühne rüberkommen. Ich möchte unterhalten, aber keine Show machen, die gestrig ist.
Binden Sie auch aktuelle Themen in Ihr Programm ein?
LICHTER Die Krise wird ganz leicht angeschnitten, aber wirklich nur komödiantisch in Verbindung mit Fonds. Und zwar: Früher haben alle Fonds genommen. Ich habe immer schon gesagt: nehmt Brühe.
TV-Kochkollegen wie Tim Mälzer oder Sarah Wiener haben Sendungsbewusstsein, was gesunde Ernährung betrifft. Sie stehen für Schlemmen, das Bekenntnis zur Butter. Denken Sie auch an dicke Kinder?
LICHTER Vielleicht tue ich das sogar intensiver, als die meisten Menschen glauben. Ich mache es nur auf eine andere Art und Weise, denn auch hier finden wieder viele Übertreibungen statt. Wenn ich höre: nur noch bio, bio, bio. Das ist Quatsch. Es gibt nicht genug bio für alle Menschen und nicht alle können sich das dauernd leisten. Und wenn die sagen, Fastfood ist böse, Chips sind böse, ist das auch Quatsch.
Das ist ernährungsphysiologisch anfechtbar.
LICHTER Man muss nur Maß halten. Du darfst fast alles essen, du darfst es nur nicht im Übermaß essen. Für mich fängt gute Ernährung mit einem Bewusstsein dafür an. Dieses Bewusstsein können aber nicht wir Fernsehköche alleine vermitteln. Unsere Kinder werden erstmal durchs eigene Umfeld, die Familie geprägt.
Das alles in der Waage zu halten, ist für mich wesentlich wichtiger, als im Fernsehen den Doktor oder den Besserwisser zu spielen und zu sagen: Nehmt nichts aus der Dose oder nichts Tiefgekühltes. Dafür kommen die Leute wohl auch nicht in meine Show.
Warum kommen sie denn?
LICHTER Das was ich bin, gab's schon immer. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Ich bin der, der am Lagerfeuer sitzt und die Geschichten erzählt, der weiter gibt, der Dinge nicht in Vergessenheit geraten lässt. Als Kind war ich schon so. Dann bin ich auch der Clown. Der, der immer schon sagen durfte, was er wollte, ohne irgendwo in eine Ecke gestellt zu werden, weil er ja auch lustig war. Und dann bin ich zufälligerweise auch noch Koch, der lecker kann.
Auf was kommt es Ihnen auf der Bühne besonders an?
LICHTER Ich denke, die große Kunst auf der Bühne ist es, Menschen zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Und das möglichst nicht nur mit auswendig gelernten Texten, sondern weil es aus dem Herzen kommt. Was anderes ist es natürlich bei Schauspielern oder echten Kabarettisten. Aber das bin ich ja gar nicht. Sondern ich bin Horst Lichter, der als Horst Lichter auf die Bühne geht. Und solange ich mich auf die Menschen, die da sitzen, einlasse, funktioniert das. Wenn ich nicht mehr fühle, wie sie reagieren - lachen sie? nimmt die das mit? - dann kann auch ich nicht mehr reagieren.
In Ihrer „Oldiethek“ in Rommerskirchen sind die Öffnungszeiten stark eingeschränkt.
LICHTER Da musste ich mir gegenüber auch mal ehrlich sein. Als das alles immer mehr wurde mit Fernsehen und Bühne, da habe ich sieben Tage die Woche rund um die Uhr gearbeitet. Das heißt im Restaurant von morgens neun bis nachts um zwei. Und irgendwann war ich nur noch sehr, sehr müde. Ich liebe diesen Laden, aber es kann sich keiner vorstellen, wie hart das ist. Ich wurde immer müder und dann musste ich eine Entscheidung treffen. Reduziere ich, so dass ich an den zwei freien Tagen präsent bin und den Rest der Woche weg. Oder gehe ich den Weg, den meine Kollegen gegangen sind.
Also nicht selbst kochen. Reine Namens-Patronate prominenter Köche sind keine Seltenheit.
LICHTER Klar kann man eine Backstage-Küche aufbauen und dann abends kommen und den Anschein erwecken, gekocht zu haben. Das wäre für mich aber eine Lüge. Ich habe 18 Jahre jeden Abend alleine gekocht, vor den Gästen, jedem Gast die Speisekarte erzählt, jeden begrüßt, jeden verabschiedet. Deshalb habe ich gesagt Stopp, wir reservieren keine Tische mehr für das Restaurant. Wir wandeln um. Und jetzt steht meine Freundin jeden Freitag in der Küche und kocht ein Gericht fürs Wochenende, einen Eintopf oder einen Schweinebraten mit Kartoffeln. Und sie backt Kuchen, wie man ihn fast nicht mehr kennt. So richtig geilen Kuchen.
INTERVIEW: MARIA BUECHE
Geschmacksverstärte Mogelpackung
18.05.2009 | 23.22 Uhr | boas
Dieser Herr macht Werbung für miese Sachen - Fertigpampe mit Kunstaromen und Geschmacksverstärkern.
Unsere Kinder sollen kochen lernen - eine gute…
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