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Navid Kermani

Das Kruzifix wird zum Zankapfel

Von Harald Biskup und Peter Michalzik, 15.05.09, 21:00h, aktualisiert 24.05.09, 19:10h

Die Affäre um die Ablehnung des Schriftstellers Navid Kermani als hessischer Kulturpreisträger spitzt sich zu: Die Aberkennung des Preises geht offenbar maßgeblich auf einen Brief Kardinal Lehmanns an Ministerpräsident Koch zurück.

Das Gerokreuz im Kölner Dom
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Das berühmte Gerokreuz im Kölner Dom. (Bild: kna)
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Das berühmte Gerokreuz im Kölner Dom. (Bild: kna)
Kermani
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Navid Kermani (41) lebt als freier Schriftsteller in Köln. (Bild: Privat)
Karl Kardinal Lehman
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Karl Kardinal Lehman. (Bild: dpa)
Kermani
Karl Kardinal Lehman
FRANKFURT/KÖLN - Seine Meinung ist in der internationalen Fachwelt hoch geschätzt, und auch kirchliche Würdenträger bedienen sich seiner intimen Sachkenntnis gern, wenn es um das nicht immer einfache Verhältnis von Christentum und Islam geht. Nun aber erteilt Hans Zirker, emeritierter Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Essen, voller Zorn und Empörung einen Rat an Kardinal Lehmann, mehr als 20 Jahre lang oberster Repräsentant der katholischen Kirche in Deutschland, der den Bischof von Mainz nicht erfreuen wird. „Lesen Sie den Text noch einmal gründlich, schämen Sie sich und sagen Sie die Teilnahme an der Preisverleihung ab.“ Zirker ist erzürnt darüber, dass dem Kölner Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani der Hessische Kulturpreis aberkannt worden ist, den er im Juli erhalten sollte. Gemeinsam mit ihm sollen Lehmann, der frühere Präsident der Evangelischen Kirche Hessen Nassau, Peter Steinacker und Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden ausgezeichnet werden, aber die beiden christlichen Preisträger lehnten eine Ehrung gemeinsam mit Kermani ab.

Hatte der Fall bislang vor allem in den Feuilletons für Aufregung gesorgt, wächst sich die Entscheidung der Jury, der auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch angehört, zu einem Politikum von republikweitem Interesse aus. Immerhin hat sich am Freitag Kochs Parteifreund Bundestagspräsident Norbert Lammert, Katholik wie dieser, sehr unmissverständlich zu Wort gemeldet und von einer „Staatsposse“ gesprochen. Zur Erinnerung: Kermani, Sohn iranischer Eltern und liberaler Muslim, von Wolfgang Schäuble in die Islam-Konferenz berufen, hatte mit einer Bildmeditation über ein Kreuzigungs-Gemälde in einer italienischen Basilika Lehmann und Steinacker dermaßen erzürnt, dass sie erklärten, den Preis nicht gemeinsam mit Kermani entgegennehmen zu wollen. Daraufhin tagte die Jury erneut, fasste den unseligen Aberkennung-Entschluss und lud Kermani, zum Ausgleich sozusagen, zu einer Diskussion im Anschluss an die Preisverleihung ein - was Kermani „mit herzlichen Grüßen aus dem katholischen Köln“ ablehnte.

An dieser Stelle kommt der Bundestagspräsident ins Spiel. Die Rücknahme des Preises müsse jeden beunruhigen, der an der „Würde des Staates wie an der Kultur“ ein ernstes Interesse habe. Wenn Kermanis „kühner Artikel“ über die Empfindungen eines Muslims bei der Betrachtung einer Darstellung der Kreuzigung Christi in einer römischen Kirche tatsächlich der Grund ist, ihm den Preis für seinen Beitrag zum Dialog der Religionen zu verweigern, dann sollte der Staat besser auf die Verleihung von Kulturpreisen verzichten“.

Brief von Lehmann offenbar auschlaggebend

Bei der Meinungsbildung des Kuratoriums hat ganz offenkundig ein Brief Kardinal Lehmanns, den er am 24. April an Koch geschrieben hat, eine ausschlaggebende Rolle gespielt. In dem Schreiben, von dessen Inhalt der der „Kölner Stadt-jemandem auf der Bühne stehen, der das Kreuz rundherum und prinzipiell ablehnt und es sogar als Gotteslästerung und Idolatrie erklärt. . . Sie werden verstehen, dass es für mich hier keinen billigen Kompromiss geben kann.“ Die Philippika des Kardinals gipfelt in der Feststellung: „Es wäre doch das pure Gegenteil von 'Kultur', was da geschehen würde.“ Es sei eine „gewaltige Fehlleistung“. Navid Kermani Text dermaßen falsch zu interpretieren und für einen solchen Eklat zu sorgen, sagt der katholische Islam-Spezialist Zirker. Kermani versuche in seinem „sehr besinnlichen und nachdenklichen Aufsatz über sein „verständliches Befremden mit dem Kreuz“ zu reflektieren, das auch für viele Juden eine Zumutung darstelle. Das Verhalten von Kardinal Lehmann und des protestantischen Preisträgers Peter Steinacker findet er „schlicht skandalös“. Beide hätten sich offenbar nicht die Mühe gemacht, sich in den Text hineinzudenken oder sie hätten sich von einem „Beiß-Reflex“ gegen einen kritischen Muslim leiten lassen. Kardinal Lehmann war am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Steinacker sah sich zu einer Erklärung veranlasst, in der er auf sein zwei Jahrzehnte währendes Engagement im interreligiösen Dialog verweist. Nie habe er erlebt, dass „eine Seite der anderen vorgeworfen hat, das Zentrum ihres Glaubens - und das ist für das Christentum die Kreuzestheologie - sei Gotteslästerung und Bilderdienst“. Eine „konzertierte Aktion“ mit Lehmann habe es nicht gegeben, sagte Steinacker dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, „aber wir waren beide erschüttert und haben uns abgestimmt“

Bildbetrachtung ist literarischer Text

Kermani ist Schriftsteller. Seine Bildbetrachtung, die den Eklat ausgelöst hat, ist ein literarischer Text. „Aber er enthält steile theologische Sätze. Gotteslästerung ist schließlich ein zentraler theologischer Begriff“, sagt Steinacker. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn Kermani eine Satire geschrieben hätte, „die will und darf verletzen“. Er habe jedoch „kein künstlerisches Produkt abgeliefert, sondern eine Karfreitags-Meditation“. Und von Theologie habe Kermani „offenkundig nicht genügend Ahnung, sonst würde er nicht behaupten, das Kreuz sei dazu da, Gott zu entlasten. Das Gegenteil ist richtig.“

Petra Bahr ist Kulturbeauftragte des Rates der EKD und war „hocherfreut“, als sie von der bevorstehenden Auszeichnung Kermanis hörte. Die Argumentation der beiden Kirchenmänner kann sie nicht nachvollziehen, sagte sie. Jedenfalls könne Kermanis „dichtes und anrührendes Essay“ kein Grund sein, diesem Intellektuellen, der sich für den Dialog der Religionen einsetzt, den Preis vorzuenthalten. „Eine Preisverleihung mit einem leeren Stuhl ist ein groteskes Symbol.“ Wo denn die vielbeschworene Toleranz bleibe, fragt sich sich Aiman Mazyek, der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime. Wäre Kermani ein offizieller Repräsentant des Islam, könne man vielleicht darüber diskutieren, ob er sich noch respektvoller hätte äußern sollen. Nach dem Wirbel um seien Meditation sagt Kermani, das „ästhetische Erleben“ der Kreuzigung habe ihn „an den Rand der Konversion geführt“. Redet so ein verbohrter Gegner der christlichen Botschaft? Navid Kermani, findet Professor Zirker, müsse den Preis verliehen bekommen, und zwar er ganz allein.



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