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Gastbeitrag

Das Taumeln der Religion

Erstellt 18.05.09, 19:15h, aktualisiert 24.05.09, 19:09h

Unser Autor verteidigt Navid Kermani. Der Muslim habe sich mit großer Sensibilität dem Kreuzes-Thema genähert, meint Elmar Salmann, Professor für Philosophie und Theologie in Rom.

Der Muslim habe sich mit großer Sensibilität dem Kreuzes-Thema genähert, meint unser Gastautor.

Immer häufiger widerfährt es einem halbwegs gebildeten Europäer, sich vor sich selbst und anderen dafür zu schämen, heute Christ zu sein und einer verfassten Kirche anzugehören. Da lehnen es Kardinal Karl Lehmann und Kirchenpräsident Peter Steinacker ab, den Hessischen Kulturpreis zusammen mit dem in Deutschland geborenen Muslim und Islamwissenschaftler Navid Kermani zu empfangen. Was wird an diesem Zusammenstoß von Welten sichtbar?

Kermani ist einer jener europäisch geprägten gläubigen Muslime die mit wacher und verwundbarer Empfindsamkeit der Schönheit wie dem Schrecken der Religion nachspüren und dies einfühlsam und plastisch, lebensnah und reflektiert auszudrücken vermögen. Wenige theologische Bücher haben mich in den vergangenen Jahren so beeindruckt und getroffen wie die seinen: „Gott ist schön“ zur Poesie des Koran und „Der Schrecken Gottes“ über das Leiden des religiösen Menschen. In Kermanis Texten treffen biografische, poetische, tiefenreligiöse und theologische Annäherungen so zusammen, dass ein Klangbild der - heute fast verlorenen - Religion entsteht.

In einer öffentlichen Zwiesprache auf Einladung des deutschen Botschafters beim Vatikan haben wir vor wenigen Monaten in Rom gemeinsam über den Zusammenhang von Schönheit, Ritus und religiöser Praxis nachdenken können - ehrfürchtig und unterscheidend, die Sphären und Religionen weder brüsk scheidend noch leichthin vermischend. In alledem zeigte sich für mich bei Kermani eine wundersame Empathie sowie ein Sinn für die Trennschärfe und Fremdheit zwischen der Lebenswelt und dem Religiösen. Sollte es gar möglich sein, dass ein persischstämmiger Muslim mehr um die Abgründigkeit des christlichen Mysteriums weiß als wir Kirchenleute?

Ebendies könnte sich für mich in seiner strittigen Betrachtung zur Kreuzesdarstellung von Guido Reni in der Kirche San Lorenzo in Rom erweisen. Das Bild lässt erahnen, wie Gott auf Erden befremdlich präsent sein könnte und wie ein Mensch unter Schmerz und Entsagung zur Spur und zum Weg Gottes wird. Dieser Jesus steht an unserer und Gottes Statt - majestätisch, entlegen, ortlos, ausgesetzt. Das beschreibt Kermani in seiner tastend-kühnen Perspektive. Sicher, er kommt von weither zu diesem Kreuz, das für ihn ärgerlich und unerträglich ist - wie es der Apostel Paulus von den Juden und Heiden vermerkt oder etwa Goethe für sich selbst. Und welcher liberale Christ von heute empfindet das denn nicht so? Wer von den Predigern der vergangenen Jahrzehnte hat das Kreuz noch in seiner Wucht wahrgenommen? Wer vermag dem Geschehen auf Golgatha wirklich von innen religiös und menschlich zu entsprechen? Da kommt nun ein Muslim, der Scheu und Abscheu angesichts der Kreuzigungsszene nicht verhehlt, dem Blasphemischen des Geschehens in fast blasphemischer Weise Ausdruck gibt - aber eben dann, und hier liegt das Entscheidende des Textes, gleichsam gegen sich selbst der Kraft dieser Ikone und Gegenwart sich aussetzt. Ein großes Stück Literatur! Mehr noch: ein Zeugnis der Begegnung religiöser Sensibilitäten und menschlichen Taktgefühls. Kein wohlfeiler Dialog auf liberaler Basis, sondern eine Überwindung der Ferne zwischen den Religionen und - wenigstens für einen Augenblick - der unermesslichen Distanz zwischen Gott und Mensch, Christus und seinem Gott, Jesus und uns, muslimischer und christlicher Empfindung und Glaubenssuche.

Dass zwei Bischöfe das nicht wahrnehmen und ehren können, spricht Bände über den Zustand der christlichen Religion in Westeuropa, der es offenbar an Glaubenskraft und Großmut zugleich fehlt, und die als sterbende von einer Niederlage zur anderen taumelt. Wo bleibt hier nur die Scham angesichts der eigenen Blöße und des lauteren Versuch eines Andersgläubigen, sich unerschrocken und zart dem Mysterium von Leben, Tod und Stellvertretung zu nähern, der Erhabenheit im abgründigen Leid?



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