Von Petra Recktenwald, 17.04.09, 22:42h
Lange ist das her, fast ein halbes Jahrhundert. Hilde Domin ist im Jahr 2006 gestorben, und Ingeborg Zanders, mittlerweile 87-jährig, hat ihren Buchladen in der Breite Straße längst geschlossen. Aber noch im mer hält sie die Erinnerung an ihre Freundschaft mit der vielfach preis gekrönten Dichterin lebendig. Bei deren Lesung im Kreis von Künst lern und Kölner Kunstförderern war sie ihr 1961 erstmals begegnet - der Beginn einer engen Zusammen arbeit. „Ich bewunderte das Kurze, Prägnante ihres literarischen Stils, der auf Füllsel verzichtet. Wir ka men ins Gespräch“, erzählt die Se niorin, „und von Stund' an hat sie mich mindestens einmal die Woche angerufen, suchte Rat und Unter stützung, ließ mich weitere Lesun gen für sie organisieren.“
Noch heute sieht die ehemalige Buchhändlerin ihre Aufgabe darin, die Kölner für das Werk der Grande Dame der Nachkriegsliteratur zu begeistern. Deswegen willigte sie gerne ein, als der Profi-Stadtführer Günter Leitner sie bat, ihn als Zeitzeugin bei einem Spaziergang zum Leben und Werk der Domin zu begleiten. An diesem Sonntag, 19. April, geht es durchs Agnesviertel, wo die Schriftstellerin ihre glückliche Kindheit verbrachte. Eine Station ist auch der Lieblingsort von Ingeborg Zanders: Hildes Geburtshaus, eine imposante Jugendstilvilla an der Riehler Straße 23. „Dort werde ich ihr Gedicht »Wo steht unser Mandelbaum« vortragen“, sagt die lebhafte alte Dame. Die Verszeilen besingen den Baum als Kraftquelle, als Symbol für Liebe und Heimat.
Ihre Heimatstadt hat Hilde Domin allerdings früh verlassen, 1929 ging sie zum Jura-Studium nach Heidelberg. 1932 kehrte sie Deutschland für Jahrzehnte den Rücken. Sie und ihr späterer Ehemann, der Archäologe und Kunsthistoriker Erwin Palm, ahnten, welch grauenvolle Zukunft mit dem erstarkenden Nationalsozialismus heranwuchs - beide gingen ins Exil. Nach Rom, Florenz, dann nach England und 1940 in die Dominikanische Republik.
Dort übersetzte sie Arbeiten ihres Mannes. Zur Dichtkunst fand die Autorin nach eigenen Angaben erst spät, nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter. „Sie wäre psychisch zusammengebrochen, hätte sie damals nicht schreiben, ihr Inneres nach außen kehren können“, erläutert Ingeborg Zanders. Den ersten Gedichtband veröffentlichte die jüdische Schriftstellerin 1959, im Alter von 50 Jahren, unter dem Pseudonym Domin. Sie wählte es statt ihres Nachnamens Palm auch für weitere Publikationen, in Anlehnung an die Stadt Santo Domingo, wo sie im Exil zur Schriftstellerin wurde, bevor es sie zurück nach Deutschland - und vor allem nach Heidelberg - zog.
Die Erfahrung des Verlusts der Heimat, von Unsicherheit und Gefahr, die sie mit anderen jüdischen Schriftstellern teilte, spiegelt sich in ihrem Werk. „Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft / unter den Akrobaten und Vögeln: / mein Bett auf dem Trapez des Gefühls / wie ein Nest im Wind“, lauten die ersten Zeilen von „Nur eine Rose als Stütze“. Auch diese bewegenden Verse wird Ingeborg Zanders vortragen - im Rosengarten, der sich in die alten Mauern des Fort X am Neusser Wall schmiegt. Die Anlage ist seit Juni 2008 nach Hilde Domin benannt. Auch dafür hatte sich ihre Freundin stark gemacht, zusammen mit weiteren Bewunderern der Autorin.
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